07.11.2012 | Von Die Stiftung

„Selbstorganisation ist entscheidend“

DIE STIFTUNG: Herr Effenberger, wie kommt man dazu ehrenamtlich Vorstandsvorsitzender einer international vernetzten Stiftung zu werden? Das nimmt ja sehr viel Zeit in Anspruch. Florian Effenberger: Ich bin seit 2004 im Projekt OpenOffice.org aktiv gewesen, das von vornherein international aufgestellt war, weshalb die international agierende Stiftung die logische Schlussfolgerung daraus ist.

DIE STIFTUNG: Herr Effenberger, wie kommt man dazu ehrenamtlich Vorstandsvorsitzender einer international vernetzten Stiftung zu werden? Das nimmt ja sehr viel Zeit in Anspruch.
Florian Effenberger: Ich bin seit 2004 im Projekt OpenOffice.org aktiv gewesen, das von vornherein international aufgestellt war, weshalb die international agierende Stiftung die logische Schlussfolgerung daraus ist. Ich war vorher schon in dem Gremium, das die Stiftungsgründung vorbereitet hat, und wollte das Projekt auf jeden Fall weiter begleiten. Genauso wie sich viele meiner Mitstreiter zur Wahl gestellt haben, um das Thema weiter voranzubringen, habe ich mich auch gemeldet.

DIE STIFTUNG: Wie sind Sie zum Vorstandsvorsitzenden gewählt worden?
Effenberger: Unsere Satzung sieht vor, dass der Vorstand aus seiner Mitte den Vorsitzenden und dessen Stellvertreter wählt. Bei uns werden das die Leute, die mit der höchsten Stimmzahl gewählt wurden – so sie denn wollen. So ist das auch bei meinem Stellvertreter und mir gelaufen.

DIE STIFTUNG: Welche Aufgaben hat der Vorstandsvorsitzende, die andere Vorstandsmitglieder nicht haben?
Effenberger: Laut Satzung muss entweder mein Stellvertreter oder ich Verträge, die die Stiftung binden, gegenzeichnen. Das ist insofern ganz praktisch, als es einem hilft, den Überblick über alles zu behalten. Bei Stimmengleichheit würde meine Stimme oder die meines Stellvertreters den Ausschlag geben, ansonsten sind wir nicht besser oder schlechter gestellt als die anderen Vorstände. Im Alltag hat sich herauskristallisiert, dass mein Kollege und ich, da wir beide aus Deutschland kommen, viele der administrativen Aufgaben übernehmen. Es wäre einfach zu schwierig, einem Brasilianer oder Briten das deutsche Rechtssystem so zu erklären, dass er diese Aufgaben komplett übernehmen kann.

DIE STIFTUNG: Ist es ein Vorteil, dass Sie mit gerade mal 29 Jahren an der Spitze stehen oder könnte ein älterer Kollege das genauso?
Effenberger: Ich bin bei uns der Jüngste, habe aber auch Kollegen, die auf die 60 zugehen. Jeder hat seine Bereiche, in denen er sich aufgrund seiner Lebenserfahrung optimal einbringen kann. Ein älterer Kollege im Marketing macht seinen Job völlig ruhig und besonnen – das könnte ich gar nicht, weil ich da viel getriebener bin. So wirkt jeder auf seine Weise. Ich nehme vor allem viel für mich selbst mit, zum Beispiel, dass ich in relativ jungen Jahren so viel sehen und erleben kann.

DIE STIFTUNG: Haben Sie das Gefühl, dass die anderen Stifter und Vorstände es positiv aufnehmen, dass mit Ihnen jemand Junges in diesen Bereich eingestiegen ist?
Effenberger: Ich habe den Eindruck, dass die Menschen vor allem neugierig sind, wie wir uns organisieren und ob das so funktioniert, wie wir es machen. Eigentlich reagieren alle positiv und interessiert, manche überlegen sogar, einem ähnlichen Organisationsmodell zu folgen. Und einige haben schon Erfahrung mit unserer Software und finden es gut, dass wir das Thema als Stiftung voranbringen.

Quelle: panthermedia/Hans-Joachim BechheimDIE STIFTUNG: Hatten Sie sich die Vorstandsarbeit so vorgestellt?
Effenberger: Ich konnte da einen Vergleich ziehen, da ich schon vier Jahre im Vorstand vom Stifter der Document Foundation, dem Freien Office Deutschland e.V., tätig war. Die Vorstandstätigkeiten sind sich durchaus ähnlich. Was wirklich neu ist, und das Ganze würzt, ist die Internationalität. Das macht es spannend, aber auch arbeitsintensiver. Allein schon dadurch, dass unsere Geschäftssprache Englisch ist.

DIE STIFTUNG: Was sind Ihre Lieblingsaufgaben als Vorstand?
Effenberger: Es gibt keine einzelne Aufgabe, die ich besonders mag. Ich habe sehr viel zu tun und bringe mich auch außerhalb der Vorstandstätigkeit im Bereich Infrastruktur in die Stiftung ein. Schön ist, dass ich eben auch in verschiedenen Bereichen tätig sein kann. Was wirklich sehr viel Spaß macht, ist über die Stiftung und ihre Thematik beispielsweise in Vorträgen zu erzählen.

DIE STIFTUNG: Gibt es eine Aufgabe, die Sie gar nicht mögen und gerne abgeben?
Effenberger: Ich musste glücklicherweise die Buchhaltung nicht übernehmen, da habe ich auch von vornherein gesagt, dass ich mir das nicht antun möchte. Mühselig sind Dinge wie Post ablegen und Protokolle zusammenstellen. Das ist nicht besonders spannend, muss aber gemacht werden.

DIE STIFTUNG: Sie sind ja auch, zumindest in Deutschland, „das“ Gesicht der Document Foundation. Stört Sie das?
Effenberger: Nein, das stört mich gar nicht. Ein Gesicht macht die Sache für die Menschen greifbarer. Aber es ist mir wichtig den Leuten klar zu machen, dass wir nicht eine Gallionsfigur haben, sondern dass viele hundert Leute dahinterstehen, die das Ganze ausmachen.

DIE STIFTUNG: Wie viel Zeit nimmt die Vorstandsarbeit in Anspruch?
Effenberger: Meistens zu viel. Bei Konferenzen bin ich die ganze Woche unterwegs, aber es gibt ja auch ruhige Zeiten. Sicherheitshalber führe ich kein Stundenbuch, aber die Arbeit verlangt mehr und mehr Zeit, auch wegen der internationalen Aufstellung. Zudem muss viel interne Koordinationsarbeit geleistet werden. Natürlich versuche ich stets die Tätigkeiten zu priorisieren, dabei gehen Terminsachen und Fristen von Behörden vor.

DIE STIFTUNG: Wie finden Sie dafür noch Zeit neben Ihrem Jurastudium?
Effenberger: Mitunter ist das wirklich schwierig, weil es einfach eine Doppelbelastung ist. Man muss sich sehr genau überlegen, wie viel Zeit man investiert und wo man in anderen Bereichen Abstriche macht. Aber die Hobbys leiden jetzt nicht unbedingt darunter. Zumal die Vorstandstätigkeit für mich Teil eines Hobbys ist. Man könnte es vielleicht mit jemandem vergleichen, der in einem Sportverein engagiert ist: Da gibt es einerseits den Sport, aber auch die Freunde und Kollegen, und diesen menschlichen Faktor gibt es bei uns auch. Dennoch gehört viel Organisation dazu, um beides unter einen Hut zu kriegen.

DIE STIFTUNG: Sind Sie in ihrem Studium auf Stiftungsrecht spezialisiert?
Effenberger: Nein, mein Schwerpunkt ist im Bereich Urheber- und Markenrecht. Ein gewisses Vorwissen in diesem Bereich hilft zumindest für unser Produkt, LibreOffice, das unter einer freien Lizenz herausgegeben wird.

Screenshot: http://www.documentfoundation.org/DIE STIFTUNG: Was sollte jemand mitbringen, der einer ähnlichen Doppelbelastung mit Studium und Stiftung gewachsen sein möchte?
Effenberger: Man lernt das recht schnell, zumindest war das bei mir so – man sollte sich allerdings schon selbst organisieren können. Eine Händchen dafür, Dinge zu koordinieren und zu priorisieren, halte ich auch für wichtig, denn Selbstorganisation ist entscheidend. Und man muss sich auf seinen Kollegen verlassen können: Entweder er macht etwas, wenn er die Aufgabe übernommen hat, oder er sagt Bescheid, dass es ein Problem gibt. Aber das funktioniert bei uns ganz gut.

DIE STIFTUNG: Möchten Sie nach Abschluss ihres Studiums im NPO-Bereich bleiben?
Effenberger: Ja, eigentlich schon. Mein Fokus liegt definitiv auf freier Software, gerne als Engagement für eine gemeinnützige Organisation. In welcher Form wird man sehen, aber es ist mein Ziel in diesem Bereich zu bleiben. Ich finde das ein wichtiges und spannendes Thema.

DIE STIFTUNG: Was wünschen Sie sich für sich und die Stiftung in nächster Zukunft?
Effenberger: Ich wünsche mir, dass der rege Zuspruch anhält, den wir jetzt erfahren, und dass wir es schaffen die Leute zu motivieren, damit sie sich weiterhin engagieren.

DIE STIFTUNG: Herr Effenberger, wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Weg und haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jennifer E. Muhr

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