18.02.2013 | Von Die Stiftung

„Ich erwarte mir Aufwind für die Münchner Stiftungsszene“

DIE STIFTUNG: Herr Strötgen, was genau machen die Stiftungen der Sparkasse?
Harald Strötgen:
Wir haben zwischenzeitlich sechs Stiftungen ins Leben gerufen, u. a. eine, die anfangs ein Altenheim und mittlerweile ein Mehrgenerationenhaus finanziert sowie die Stiftung Soziales München – um nur zwei Beispiele zu nennen. Seit fast 190 Jahren ist München unser Geschäftsgebiet. Entsprechend ist der Grundgedanke bei unseren Stiftungen immer, den Münchnern etwas von unserem unternehmerischen Erfolg zurückzugeben. Dabei ist kein Bereich ausgenommen, wenn er uns sinnvoll erscheint und zur Philosophie des Hauses passt. Schwerpunktmäßig sind wir im Bereich Soziales tätig, wir fördern aber auch Kultur, Sport und die Jugend. Gerne auch Nischenprojekte.

 

DIE STIFTUNG: Und was für ein Ausgabevolumen haben diese Stiftungen? Über welche Größenordnungen sprechen wir hier?
Strötgen:
Unsere Stiftungen haben alle zusammen, einschließlich der Gewinnausschüttung, die wir an die Stadt München für soziale Maßnahmen abführen sowie unserer Spenden und Sponsoringmaßnahmen ein jährliches Volumen von ca. 10 Mio. EUR. Die Beträge sind natürlich abhängig vom Zinsniveau. Da das Zinsniveau schon höher war, hatten wir natürlich auch schon höhere Stiftungsausschüttungen als jetzt. Wir kompensieren das, indem wir Projekte nicht nur über die Stiftungen unterstützen, sondern auch aus dem sonstigen Vermögen der Sparkasse Spenden und Sponsoring leisten.

DIE STIFTUNG: Wenn Sie schon auf das Zinsniveau zu sprechen kommen, die obligatorische Frage an Sie: Wie legen Sie Ihr Geld derzeit an?
Strötgen:
Geldverdienen ist harte Arbeit. Deswegen gehen wir mit der Anlage freier Vermögenswerte nicht spekulativ um, insbesondere mit unseren Sitftungsmitteln. Wir wollen eine sichere Anlage und natürlich versuchen wir einen gewissen Zins dafür zu erhalten. Der ist aber ganz klar an dem orientiert, was der Markt überhaupt hergibt. Und das ist zur Zeit nicht viel. Wir selbst haben unsere freien Vermögenswerte im Moment vorwiegend in festverzinslichen Wertpapieren angelegt, in Termingeldguthaben bei öffentlich-rechtlichen Kreditinstituten und – mit steigender Tendenz – in Immobilien in München. Wir erreichen mit diesem Mix eine Rendite von knapp über 3% für unsere eigenen Anlagen. Das gilt auch für die Stiftungen.

DIE STIFTUNG: Das klingt nach einem sicheren Fundament, aber sind nicht Kooperationen auch ein Weg, die Förderung auszubauen oder zu optimieren?
Strötgen:
Kooperationen sind dringend nötig, um den Bedarf an Hilfeleistungen decken zu können, der auch in unserer insgesamt wohlhabenden Gesellschaft nötig ist. Genau das habe ich bei einem Mittagessen mit einem vermögenden Kunden auch angesprochen. Daraus entstand dann ein Kreis von inzwischen rund 15 Münchner Unternehmern, die gemeinsam mit uns die Stiftung Wir helfen München gegründet haben bzw. die Stiftung finanziell unterstützen. Die Stiftung hat ein Kapital von 200.000 EUR, aber jeder der Beteiligten spendet von seinen jährlichen Gewinnen prozentual dazu und so kommen wir derzeit auf einen Ausschüttungsbetrag von ca. 300.000 EUR pro Jahr. Unternehmen, die sich beteiligen, verpflichten sich für drei Jahre und haben in dieser Zeit auch einen Sitz im Kuratorium. Dadurch können sie mitentscheiden, wofür das Geld verwendet wird.

Quelle: Stadtsparkasse MünchenQuelle: Stadtsparkasse München

DIE STIFTUNG: Eine tolle Initiative.
Strötgen: Ja, in der Tat, und jeder ist mit Herzblut dabei. Ein weiteres Projekt, das mir selbst sehr am Herzen liegt, ist die Förderung des Kinder-Palliativzentrums im Klinikum Großhadern – dem ersten seiner Art in Bayern. Hier haben sich die Initiatoren, zu denen ich auch gehöre, verpflichtet, binnen eines Jahres 6 Mio. EUR Spenden zu sammeln. Zu diesem Zweck haben wir viele Stiftungen angesprochen. Und die waren bei den beiden Themen „Kinder“ und „Palliativzentrum“ emotional so stark berührt, dass sie ihr Engagement zugesagt und sich für eine künftige Zusammenarbeit ausgesprochen haben. Ohne Kooperationen hätten wir die Summe nicht zustande gebracht und keine neuen Partner gefunden.

DIE STIFTUNG: Sind die Partner auch selbst in das Projekt Kinder-Palliativzentrum involviert?
Strötgen:
Nicht unbedingt. Es gibt Menschen, die viel Geld für die neue Palliativstation zur Verfügung stellen, aber Angst haben dorthin zu gehen, wo Kinder sterben. Um Ihnen ein Bild zu geben: Sie gehen auf der Station den Gang entlang und sehen, dass vor einem Zimmer eine Kerze brennt. Auf Ihre Frage, warum diese Kerze brennt, wird man Ihnen antworten, dass hier gerade jemand gestorben ist. Das verkraftet einfach nicht jeder.

DIE STIFTUNG: Was ist für sie derzeit ein Stiftungsprojekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Strötgen:
Bei den derzeitigen winterlichen Temperaturen, ist es schmerzhaft zu sehen, dass wir bereits auf den 150 m Fußweg zur U-Bahn frieren, aber auf der gleichen Strecke Menschen stundenlang auf dem eiskalten Boden sitzen, weil sie kein Zuhause haben. Daraus ist die Idee geboren worden, Schlafsäcke und Isomatten zu verschenken. Und das werden wir über die Stiftung „Wir helfen München“ jetzt machen. Wir werden Bedürftige außerdem zu einem Abendessen einladen, bei dem wir als Organisatoren selbst bedienen.

DIE STIFTUNG: Das ist ein schönes Projekt. Aber wäre hier nicht die Stadt in der Pflicht? Welche Bedeutung haben öffentlich-rechtliche Stiftungen für eine Kommune?
Strötgen:
Die Finanzknappheit der Kommunen wird insgesamt eher größer als kleiner. In Nordrhein-Westfalen ist über etwa 20 große Kommunen ein Ausgabestopp verhängt worden. Das ist dramatisch. In diesen Zeiten hat bürgerschaftliches Engagement einen hohen und noch weiter wachsenden Stellenwert. Denn wir alle wollen, dass sich in der Kommune, in der wir leben, etwas tut. Dazu wollen wir mit unseren Möglichkeiten einen Beitrag leisten.

DIE STIFTUNG: In welchem Bereich könnte die Stadt München das Engagement noch ausbauen?
Strötgen:
Ich finde die Stadt München unternimmt bereits sehr viel, u. a. indem sie Veranstaltungen wie den MünchnerStiftungsFrühling (MSF) unterstützt. Das ist natürlich sicher gut überlegt, denn dort, wo Bürger sich für die Gemeinschaft engagieren, entlasten sie die Kommune bei dieser Aufgabe und gleichzeitig begünstigt dieser bürgerschaftliche Einsatz den Charakter dieser Stadt.

Quelle: Stadtsparkasse MünchenQuelle: Stadtsparkasse München

DIE STIFTUNG: Uns fällt in der letzten Zeit trotz alldem immer wieder auf, dass engagierwillige Bürger trotz umfangreichen Angebots nicht das passende Engagement für sich finden. Woran liegt das?
Strötgen:
Viele haben zu große Scheu, sich zu informieren. Sie zögern, in einer öffentlichen Veranstaltung aufzustehen und eine Frage zu stellen. Beim Stiftungsfrühling können Sie einfach hingehen und sich informieren. Viele Menschen sind sich nicht im Klaren darüber, dass es nicht auf die Volumina ankommt und haben Angst vor den formalen Dingen, die bei einer Stiftung auf sie zukommen. Es gibt aber auch eine stetig wachsende Anzahl an Bürgern, die bereit sind, sich pro bono für ein Projekt zu engagieren – man muss Sie nur kennen. Und damit  sind wir wieder beim Stiftungsfrühling.

DIE STIFTUNG: Was erwarten Sie sich denn vom Münchner Stiftungsfrühling?
Strötgen:
Kurz gesagt: einen Aufwind für die Stiftungsszene. Sowohl was die Vernetzung angeht, als auch die Bereitschaft, sich dem Thema gegenüber zu öffnen. Das Thema Stiftung sollte einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden als Möglichkeit, Gutes zu tun und sich zu engagieren. Aber ich hoffe auch, dass den Menschen vermittelt wird, dass man mit jedem Betrag etwas Gutes tun kann. Wir wollen auf der Messe auch unsere neugegründete Kundenstiftung „Gemeinsam Gutes tun“ vorstellen, bei der Bürger problemlos auch kleinere Summen zustiften und den Verwendungszweck für ihre Zuwendung festlegen können.

DIE STIFTUNG: Mit welchem Highlight möchten Sie die Menschen auf dem MSF begeistern?
Strötgen:
Zunächst einmal gehörte es zu unserem Selbstverständnis als Bank Stiftungsmanagement anzubieten. Wir werden also präsent sein, Vorträge halten und für Gespräche zur Verfügung stehen. Aber ein Höhepunkt wird sicherlich unser Benefizkonzert unter der Schirmherrschaft des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann, Oberbürgermeister Christian Ude sowie Reinhard Kardinal Marx mit den Münchner Symphonikern sein zu Gunsten der Stiftung Lichtblick Hasenbergl. Das Konzert findet in der Zeit des Stiftungsfrühlings statt.

DIE STIFTUNG: Gibt es noch etwas, dass Sie sich für den Münchner Stiftungsfrühling wünschen?
Strötgen:
Ja, ich wünsche dem Stiftungsfrühling einen so großen Erfolg, dass er wiederholt wird. Denn nach unserer Einschätzung besteht der Bedarf auf jeden Fall.

DIE STIFTUNG: Herr Strötgen, diesen Wunsch haben wir gemeinsam. Haben Sie vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick.

 

Das Interview führten Jennifer E. Muhr und Tobias M. Karow

 

 

Harald Strötgen ist Vorsitzender des Vorstandes der Stadtsparkasse München. Nachdem er seine Lehre bei der Stadtsparkasse Essen beendet hatte, bildete er sich für den gehobenen Sparkassendienst weiter. Nach Stationen bei anderen Instituten der Sparkassen-Organisation ist Harald Strötgen seit 1995 bei der Stadtsparkasse München und seit 2002 in seiner jetzigen Funktion.

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