Dass es sich auszahlt, anderen Gutes zu tun, aggressives Verhalten dagegen einsam macht, lernen Kinder in der Nähe von Basel anhand der Biografien von Eseln und Ponys: Auf einem Hof trainiert die Ethikschule Kind und Tier Schulklassen im achtsamen Umgang mit anderen Lebewesen.

Dass es sich auszahlt, anderen Gutes zu tun, aggressives Verhalten dagegen einsam macht, lernen Kinder in der Nähe von Basel anhand der Biografien von Eseln und Ponys: Auf einem Hof trainiert die Ethikschule Kind und Tier Schulklassen im achtsamen Umgang mit anderen Lebewesen.
von Melanie Meier

 

Inmitten alter Eichen, an der Grenze zu Frankeich und vor den Toren Basels, befindet sich seit 1999 die Ethikschule Kind und Tier. An diesem idyllischen Ort finden die Kurse „Naturverständnis und Gewaltprävention“ statt, zu der sich Gruppen von Kindern in Klassenverbänden an jeweils vier Vormittagen einfinden.

Der Unterricht beginnt bereits vor dem Eingangstor mit einer Übung zum Respekt. Kursleiterin Christine Rüedi schiebt sich mit einem „Entschuldigung, ich brauche Raum“ durch die drängelnden Kinder. „Was würdet ihr sagen, wenn vor eurer Haustür eine Gruppe fremder Menschen steht und versucht, sich herein zu drängeln?“ „Geht weg!“, entgegnen die Kinder entschieden. „Ich würde Angst kriegen“, äussert sich ein Mädchen. „Genau“, meint Rüedi. „Und das hier ist das Zuhause der Tiere vom Ethikhof. Sie kennen euch noch nicht und sehen euch zum ersten Mal.“

Die Übung geht weiter mit einer Armbewegung. Alle Kinder wiederholen dabei gemeinsam: „Das ist mein Raum.“ Mit diesem Ritual werden sich die Kinder auch zu Beginn ihrer folgenden drei Besuche befassen und es wird immer selbstverständlicher ablaufen. „Die Kinder verinnerlichen diese Übung sehr“, sagt die Kursleiterin. „Viele Lehrkräfte berichten mir im Nachhinein, dass sich die Kinder noch lange mit ihrem individuellen Raum beschäftigen beziehungsweise Übertretungen in diesen kundtun.“

Nun ist es an der Zeit für die Begegnung mit der Tierfamilie. Es sind Haus- und sogenannte Nutztiere, die hier allerdings keiner Nutzung unterzogen werden. Die Tierfamilie, wie auch die Wildtiere, die die Kinder auf dem Gelände antreffen, sowie die Bäume und Blumen sind die eigentlichen Lehrer in der Ethikschule.

„Warum gehe ich als erstes durch das Tor? Bin ich wichtiger als ihr?“, fragt Christine Rüedi die Kinder. Ein entschiedenes „nein, sicher nicht“, kommt von der aufgedrehten Gruppe. Ein Kind sagt: „Weil dich die Tiere kennen…“ Nach dieser richtigen Antwort bändigen sich die Kinder und folgen der Projektleiterin aufmerksam, um die Tiere zu begrüßen.

Zuerst treffen sie die Esel und erfahren vom Schicksal des Petit Prince, der einst, als von seinen Besitzern ungewolltes Eselfohlen, per Hand aufgezogen wurde und seitdem sehr mit den Menschen verbunden ist. Die Botschaft, die seine Biografie zeigen soll, ist: Auch wenn man einen schwierigen Start hat, kann sich alles zum Guten wenden, so dass man ein erfülltes und schönes Leben haben kann. Wie zur Demonstration schnappt sich Petit Prince den umliegenden Ball und beginnt mit seiner Eselfreundin Melina zu spielen. Ein begeistertes „Jöööööh“ ist von den Kindern zu hören.

Indem das Kind die Tiere, ihre Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Schicksale kennen lernt, beginnt es, sie zu verstehen, und es erkennt, dass sie ihm sehr ähnlich sind. Diese Nähe und das Verstehen, dass Tiere genauso leiden können wie das Kind selbst, fördern die Achtsamkeit, das Mitgefühl und die Bereitschaft zu helfen.

Die Geschichte vom kleinen Pony Dschingis Khan, der als Kind nicht mit Artgenossen zusammen sein durfte und daher nie gelernt hat zu spielen, behandelt das Thema Mobbing. Sobald er mit den anderen Ponys oder Eseln zusammen ist, beginnt Dschingis Khan sie zu plagen, sie zu beißen und zu treten, so dass er leider nie in der Gruppe bei den anderen sein kann. „Durch sein Verhalten muss er immer alleine sein, was ihn bestimmt sehr traurig macht. Ihr seht, wie wichtig es ist, schon als Kind zu lernen, wie man gut mit anderen umgeht. Man darf sie nicht zu sehr ärgern, sonst steht man am Ende alleine da“, erklärt die Kursleiterin.

Durch das Beobachten und Reflektieren außerhalb der eigenen Situation wird ein Erkennen, was Gewalt ist, für Kinder möglich und sie lernen, dass Schlagen und Quälen ein Zeichen von Schwäche ist. Und das will kein Kind für sich in Anspruch nehmen. Es ist spannend zu beobachten wie diejenigen, welche das begriffen haben, ihr Verhalten und das der andern beobachten und wie sie sich gegenseitig darauf aufmerksam machen. So erzählt Rüedi, dass kürzlich ein Junge auf einen Mitschüler, der ihn bewusst gestoßen hatte, mit einem: „Denk an Dschingi!“ reagierte und daraufhin beide friedlich weitergegangen sind.

Beim zweiten Besuch ist es für die Kindergruppe bereits selbstverständlich, dass sie vor dem Tor wartet und nicht versucht reinzustürmen. Heute besteht der aktive Teil in der Fellpflege des Ponys Dschingis Khan. Die Kinder lieben es, dem einsamen, weil aggressiven Pony etwas Gutes zu tun, und genießen die Berührungen. Alle zusammen stimmen: „Happy birthday to you“ an, „weil man“, so Christine Rüedi, „ja nicht weiß, wann Dschingis Geburtstag ist. Es könnte heute sein.“ Die Highlights der folgenden Kursmodule sind das Stallausmisten sowie das Hühnerfüttern und das Erlernen der Körpersprache des ängstlichen Pony-Opas Odin.

Fasziniert sind die Kinder über die Erkenntnis, dass das kleinste und körperlich behinderte Pony der Gruppe die Anführerin ist. „Warum ist sie die Chefin?“, fragt die Kursleiterin. Nun müssen die Kinder ziemlich überlegen. Mit Stärke scheint es nichts zu tun zu haben. „Vielleicht ist sie besonders nett zu den anderen Ponys“, vermutet ein Junge. „Oder sie hilft den anderen“, meint sein Mitschüler. „Richtig“, freut sich Rüedi und erklärt: „Es zählt nicht die körperliche Stärke. Sie tut etwas für die Gemeinschaft. Das macht sie wirklich stark und wichtig für die anderen.“

Dieses Lernen am Tier hinterlässt in den Kindern ein Gefühl tiefen Glücks und eine Verbundenheit mit der Mitwelt. Das Gelernte ist nicht übernommen, sondern selbst erfahren und hat damit einen bleibenden Wert. Mehrere Tausend Kinder haben bereits nachhaltig von den Tieren gelernt. Und viele weitere Kinder können gerne in die Ethikschule Kind und Tier in Allschwil kommen.

 

 

Die Stiftung
Die Ethikschule Kind und Tier ist ein überwiegend spendenfinanziertes Projekt der Stiftung Mensch und Tier in Basel. Die Stiftung fördert vertiefte Kontakte zu Tieren und Pflanzen. Das zweite Projekt der Organisation, der Ethikhof für Tiere in Not, betreut Tiere, die aus einer lebensbedrohlichen oder tierschutzrelevanten Situation stammen und bietet ihnen ein Zuhause.
www.stiftung-mensch-und-tier.ch

 

 

Melanie MeierMelanie Meier ist Wirtschaftswissenschaftlerin und in der Stiftung für die Öffentlichkeitsarbeit, das Fundraising und Administratives zuständig.

 

TIPP: Dieser Text ist in der Frühjahrsausgabe 2014 des Specials Schweiz erschienen. Für weitere interessante Texte kaufen Sie das Special Schweiz hier.

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