Schon vor fünf Jahren wandelte der Stiftungsrat die Animato-Stiftung von einer Förder- zu einer Verbrauchsstiftung um, da Kapitalerträge fehlten. Nun erfordert die Pandemie weitere Änderungen in der Stiftungsarbeit.

Schaut man durch die Fotogalerie der Animato-Stiftung, sieht man: lange Tafeln, eng besetzt mit fröhlichen jungen Erwachsenen, Schnappschüsse von gemeinsamen Stadtbesichtigungen, von Schneeballschlachten und einer Picknickpause in den Bergen. „Das Zusammenführen junger Erwachsener europäischer und teilweise internationaler Nationalität“ steht als Stiftungszweck in der Satzung. „Erreicht durch die grenzüberschreitende und verbindende Rolle der Musik.“ Auf weiteren Fotos sieht man die jungen Leute in Abendkleidung mit ihren Instrumenten auf der Bühne renommierter Festspielhäuser, vor ihnen ein geneigtes Publikum in voll besetzten Reihen.

Diese Szenen wirken wie aus einem anderen Leben. Denn Corona hat auch das Wirken der Animato-Stiftung auf Eis gelegt – abrupt und mit ungewissem Ausgang. Seit über einem Jahr stehen Konzertsäle in ganz Europa leer, an ein Musizieren ohne Sicherheitsabstände ist nicht zu denken. Für die kleine Stiftung aus Zürich ist das bestandsbedrohend. „Unter anderem sind wir aus Gründen der Steuerbefreiung verpflichtet, unsere philanthropischen Zielsetzungen trotz Krise aktiv weiterzuverfolgen“, sagt Peter Spinnler, der die Animato-Stiftung als Stiftungsratspräsident leitet. Doch genau das ist nun nicht möglich. Wie geht es also weiter?

Animato-Stiftung: Jugend sinfoniert

Auf den Konzerttourneen kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Foto: Animato-Stiftung

Unter normalen Umständen castet die Animato-Stiftung jedes zweite Jahr rund 90 junge Musikerinnen und Musiker aus aller Welt. Ein professionelles Team aus Dirigenten, Solisten und Musiklehrern formt aus ihnen ein Sinfonieorchester und probt ein Programm klassischer Werke, das sie anschliessend auf einer zehntägigen Konzerttournee durch Europa gemeinsam aufführen. 2006 fanden Animato-Akademie und -Tournee erstmalig statt, im Jahr zuvor hatte Spinnler die Stiftung gegründet. Als Liebhaber klassischer Musik stiftete er zehn Millionen Schweizer Franken aus seinem Privatvermögen, um jungen Erwachsenen vor dem Start ihrer professionellen Klassikmusikkarriere Praxis an die Hand zu geben.

Konkret zielt er auf die Förderung der musikalischen Elite, die Voraussetzungen für eine Teilnahme an Akademie und Tournee sind entsprechend strikt: Die Animato-Stiftung erwartet von Bewerbern Erfahrung und Erfolg im Konzertbetrieb. Formell müssen sie volljährig und in ihrem letzten Studienjahr sein, noch keine professionelle Anstellung im Musikbereich haben und fliessend Englisch sprechen.

Für eine Teilnahme bewerben sich die Jungmusiker mit einem Video, in dem sie ein vorgegebenes klassisches Werk auf ihrem Instrument vortragen. Anhand dieser Aufnahme wählen von der Animato-Stiftung beschäftigte Berufsmusiker die Teilnehmer aus. Sie achten dabei nicht nur auf herausragendes musikalisches Können, sondern auch auf eine möglichst vielfältige Herkunft der Begünstigten – internationale Jugendverbindung laut Stiftungszweck.

Corona-Krise sprengt den Tourneeplan

Anfang 2020 hatte das Animato-Team wieder eine Castingrunde abgeschlossen und 91 jungen Leuten aus 33 Nationen die Teilnahme als Orchestermusiker an Akademie und Konzerttournee zugesagt. Hotels waren gebucht, Flüge und Konzertsäle. Ende Oktober sollte es losgehen. Doch dann gingen immer mehr Länder wegen hoher Corona-Infektionszahlen in den Lockdown, das öffentliche Leben kam weltweit zum Erliegen und mit ihm der Konzertbetrieb. Im Frühsommer sagte das Organisationsteam die Tournee schweren Herzens ab. „Die Entscheidung war traurig, aber alternativlos“, so Spinnlers Fazit.

Auf Vorauszahlungen für Konzertsaalmieten in Höhe von gut 50’000 Franken blieb das Stiftungsmanagement sitzen. Grösster Posten: Das Wiener Konzerthaus, denn die im Voraus voll gezahlte Miete erstatteten die Betreiber nicht zurück. „Als relativ unbekanntes Jugendorchester haben wir kein ausreichendes Gewicht für eine finanzielle Kompromisslösung“, kommentiert Spinnler. Um den gemieteten Saal sinnvoll zu nutzen, stellte die Stiftung ihn der Pianistin Claire Huangci für ein Konzert zur Verfügung. Sie wäre als Solistin Teil des Animato-Orchesters gewesen.

Leider blieb das potenzielle Publikum angesichts wieder steigender Inzidenzen im Spätherbst zuhause. „Wir haben das Glück, dass uns als kapitalgedeckte Förderstiftung solche Annulationskosten nicht aus der Bahn werfen“, sagt Spinnler. Denn die Mittel der Stiftung sind reichlich.

Umbau zur Verbrauchsstiftung

Bevor das Jugendsinfonieorchester auf Tournee geht, proben die Musiker in Kleingruppen. Foto: Animato-Stiftung

Rund 500’000 Schweizer Franken kostet die Veranstaltung der Akademie und Konzerttournee in einem „aktiven“ Jahr, darin enthalten sind die Reise- und Aufenthaltskosten aller Teilnehmer, Gage für Dirigenten, Coaches und Solisten sowie die Miete für Konzertsäle. In „passiven“ Jahren fallen Personalkosten für das dreiköpfige Organisationsteam und die Administrationskosten für die Stiftungsführung an.

Bei Gründung war die Animato-Stiftung als Förderstiftung konzipiert: Die Kapitalerträge aus Rentenanlagen, in denen das Vermögen angelegt ist, sollten die Realisierung der Stiftungsprojekte finanzieren. Doch seit der Entkopplung des Franken vom Euro ergeben sich für das in Euro angelegte Kapital periodisch herbe Währungsverluste. Hinzu kommt, dass festverzinsliche Wertpapieranlagen keine materiellen Erträge mehr erwirtschaften.

Aus diesem Grund wandelte der Stiftungsrat die Animato-Stiftung in eine Verbrauchsstiftung um. Die negativen Jahresergebnisse werden nunmehr über das Stiftungsvermögen abgeschrieben. Mittlerweile ist das Stiftungsvermögen auf 7,6 Millionen Franken abgeschmolzen. „Wenn die Kosten stabil bleiben und die Corona-Krise hoffentlich vorbei ist, können wir ceteris paribus damit noch zwölf weitere Konzerttourneen veranstalten“, rechnet Stiftungspräsident Spinnler vor.

Pandemie kratzt an der Substanz

Vorausgesetzt natürlich, dass die erzwungene Pause nicht mehr allzu lang andauert. Denn trotz des finanziellen Polsters kratzt die Pandemie bei der Animato-Stiftung an der Substanz. Der Traum grenzüberschreitender Freundschaft scheint vor dem Hintergrund von Reisebeschränkungen und sich mit nationalen Impfstrategien selbst abkapselnden Ländern vorerst ausgeträumt. Weitere Rückschläge für die klassische Musikbranche schliesst Spinnler in den kommenden Jahren nicht aus: „Die aufgrund von Corona-Wirtschaftshilfen aufgebauten Staatsdefizite müssen durch Sparmassnahmen wieder abgebaut werden. Davon könnte auch die staatliche Kulturförderung betroffen sein.“

Da die meisten Orchester öffentlich finanziert sind, ergäben sich finanzielle Engpässe. Für angehende Musiker würde die Lage noch härter. „Seit Beginn der Corona-Krise ist es für junge Musiker praktisch ein Ding der Unmöglichkeit, eine professionelle Anstellung zu erhalten“, berichtet Spinnler aus den Gesprächen mit seinen Orchestermitgliedern. „Teils spielen 300 Kandidaten für eine offene Stelle vor. Das würde sich durch weniger öffentliche Förderung weiter akzentuieren.“

Zusätzliche Unterstützung für junge Musiker geplant

Der Stiftungsrat prüft deshalb aktuell die Idee, zusätzlich zu Akademie und Tournee ein finanzielles Unterstützungssystem in der Animato-Stiftung einzuführen. „Käme eines unserer ehemaligen Orchestermitglieder temporär in Finanzschwierigkeiten, könnten wir sie oder ihn damit übergangsweise unterstützen“, erklärt Spinnler die Überlegungen. Dem Stiftungszweck würde auch dieses Element entsprechen.

Den Kontakt zu ehemaligen Orchestermitgliedern hält das Animato-Team bereits jetzt. Über Facebook-Gruppen sind Organisationsteam und Mitglieder eines Konzerttourneejahres miteinander verknüpft, der Austausch über diese Kanäle ist auch nach dem Ende einer Tournee rege.

Bei den Proben 2020 und 2021 mussten alle Jungmusiker Masken tragen. Foto: Animato-Stiftung

Ungeachtet der aktuellen Pandemie wollen Animato-Team und -Stiftungsrat die Stiftungsarbeit in reduziertem Umfang weiterführen. Für Herbst 2021 sind Akademie und Konzerttournee mit einem Orchester in Kammerformation geplant, lediglich ein Drittel der ursprünglich angenommenen Jungmusiker aus dem Jahr 2020 kann mitwirken. „In dieser Gruppengrösse können wir auf der Bühne die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände einhalten, im Bus nur jeden dritten Platz besetzen, im Hotel Einzelzimmer beziehen, es herrscht Maskenpflicht und wir testen alle regelmässig“, erklärt Spinnler das Konzept.

Doch auch in diesem Rahmen ist die Konzerttournee auf Sand gebaut: Denn sobald ein Test bei Musikern und Begleitteam positiv ist, muss die gesamte Reisegruppe in Quarantäne. Das Risiko, wieder alles absagen zu müssen und auf den Kosten sitzen zu bleiben, ist folglich hoch.

2023 soll es bei der Animato-Stiftung wieder losgehen

Und selbst wenn alles stattfindet: Entscheidende Elemente des Tournee-Gedankens gehen verloren. Denn wegen der geltenden Abstandsregelungen auf Podium und im Zuschauerraum kommt es zu keiner Interaktion zwischen Orchester und Publikum. Zudem verändere ein nahezu leerer Zuschauerraum die Konzertakustik negativ, sagt Spinnler.

Dank der angelaufenen Impfkampagnen rechnet die Animato-Stiftung aber mit Lockerungen für Konzertveranstaltungen in absehbarer Zukunft. Um die Tournee des Jugendsinfonieorchesters in voller Besetzung nachholen zu können, hat das Animato-Organisationsteam für 2023 bereits verschiedene Konzerthäuser in Europa gebucht.

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