11.04.2017 | Von Die Stiftung

Impact: „Rückwärts zu denken wäre ein Schritt vorwärts“

Dieses Interview ist Teil des Titelthemas „Stiftungen und der gesellschaftliche Wandel“ der neuen Ausgabe von DIE STIFTUNG. Ein weiteres Online-Stück, konkret zur Rolle der Bürgerstiftungen in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen, finden Sie morgen auf die-stiftung.de.

DIE STIFTUNG: Sie arbeiten viel mit ausländischen Stiftungen sowie philanthropischen Initiativen zusammen. Welche Beobachtungen haben Sie im Ausland in Bezug auf den Beitrag von Stiftungen für den gesellschaftlichen Wandel gemacht, die wir in Deutschland bzw. der Schweiz noch nicht so sehen?

Danny Bürkli: Vor allem im angelsächsischen Raum ist die Wirkungsorientierung sehr groß. Das Modell der philanthropischen Stiftung, wie wir es in Deutschland oder der Schweiz kennen, gibt es dort so nicht. Bei uns geben Stiftungen noch sehr viel Geld aus für das, was sie mögen. Die aktuellen Entwicklungen im angelsächsischen Raum gehen hingegen in Richtung des sogenannten „effektiven Altruismus“.

DIE STIFTUNG: Was versteht man unter „effektivem Altruismus“ konkret?

Bürkli: Effektive Altruisten mit Geld überlegen sich genau, was die größten Probleme eines Landes oder einer Gesellschaft sind, die es zu lösen gilt. Und dann setzen sie ihr Mittel dort ein, wo sie am meisten bewirken können. Als Hilfestellung bei dieser Auswahl dienen wissenschaftliche Studien und Ansätze, die den maximalen Impact berechnen.

DIE STIFTUNG: Das klingt sehr technokratisch und ist tatsächlich vom philanthropischen Gedanken vieler Stiftungen hierzulande relativ weit weg. Welches Verbesserungspotential sehen Sie kurzfristig für Stiftungen hierzulande, wenn es darum geht, den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitzugestalten?

Bürkli: Ein erster Schritt vorwärts wäre, stärker rückwärts zu denken – also vom gewünschten Ziel her. Was ist die Wirkung, die wir als Stiftung erzielen wollen und wie können wir die erreichen? Diese Fragen sollten am Beginn einer jeden Maßnahme stehen. Auch wenn der Stiftungszweck noch so eng gefasst ist.

DIE STIFTUNG: Wo liegen in der Praxis die Probleme dabei?

Bürkli: Dass es mit dem Geldgeben für einzelne Projekte alleine nicht getan ist. Die Unterstützten brauchen unter Umständen auch Mittel für die Grundlagen Ihres Arbeitens, für Infrastruktur. Und sie müssen vielleicht regelmäßig gecoacht werden, damit das Ziel nicht aus dem Blickfeld gerät. Beides können oder wollen Stiftungen hierzulande oftmals (noch) nicht leisten. Und dann kommt noch ein dritter, stärker emotionaler Punkt hinzu…

DIE STIFTUNG: Der wäre?

Bürkli: Die größte Wirkung lässt sich manchmal nur dadurch erreichen, dass man das eigene Geld einer anderen Stiftung gibt, die vielleicht größer oder besser im jeweiligen Gebiet ist und es dadurch effektiver einsetzen kann. Ob das Stiftungen allerdings wollen, erscheint mir fraglich. Jeder will zwar die größtmögliche Wirkung für die eigene Stiftung – aber nicht unbedingt für die Gesellschaft.

DIE STIFTUNG: Was bestimmt denn die Wirkung für die Gesellschaft alles?

Bürkli: Wir haben im Centre for Public Impact ein Rahmenwerk entwickelt, wonach die Wirkung im öffentlichen Bereich auf drei Säulen beruht: Policy – Legitimation – Action. Jede wirksame Initiative braucht eine zugrundeliegende Theorie. Sie braucht ausreichend Legitimität in den Augen der Stakeholder. Und sie braucht einen starken Wirkungsmechanismus welcher diese Theorie in die praktische Wirklichkeit umsetzt.

DIE STIFTUNG: Ist das nicht ein wenig zu abstrakt für den Großteil der Stiftungen, die in sehr lokalen oder regionalen Grenzen denken?

Bürkli: Jede Stiftung kann sich diese Fragen stellen – egal ob hyperlokal oder global. Letztlich geht es darum, sich hinzusetzen und zu überlegen, wie mich als Stiftung die Megatrends konkret betreffen. Beeinflussen tun sie die eigene Arbeit sowieso, ob man will oder nicht. Dann doch gleich lieber aktiv damit auseinandersetzen.

DIE STIFTUNG: Was können Stiftungen, was sonst niemand kann?

Bürkli: Nahezu keine andere Organisationsform ist so dafür prädestiniert, für eine große Wirkung auch große Risiken einzugehen, wie die Stiftung. Hierzulande sind Stiftungen aber noch viel zu wenig bereit, in dieses Risiko zu gehen. Was sie lernen müssen ist, eine Methodik zu entwickeln, gute von schlechten Risiken unterscheiden zu können. Im angelsächsischen Raum gibt es schon einige erfolgreiche Ansätze. Als Beispiel seien „Social Impact Bonds“ genannt, wo Stiftungen als Risikokapitalgeber auftreten.

Zur Person: Danny Buerkli ist Programmdirektor beim Centre for Public Impact, einer global tätigen Stiftung der Boston Consulting Group (BCG) im Bereich Regierungswirksamkeit und -innovation. Zuvor arbeitete er als Strategieberater im Berliner Büro von BCG.

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