14.06.2013 | Von Die Stiftung

Zwei Schweizer, zwei Meinungen

Schweizer haben die Uhren, der Rest der Welt hat die Zeit. Dieses Bonmot wird nur zu gerne bemüht, wie auch die Weisheit, dass in den Schweizer Alpen und am Genfer See herausragende Beobachter des Geschehens an den Kapitalmärkten sitzen. So wie Felix W. Zulauf und Alfred Roelli.
Von Sabine Kamrath und Tobias Karow

Letzter ist Sprecher für Finanzanalyse bei der Schweizer Privatbank Pictet & Cie. in Genf und präsentierte gemeinsam mit seiner Kollegin Veronika Schachenmayr-Schlick, Leiterin Portfolio Engineering, vor Journalisten am 12. Juni in Frankfurt seine Sicht der Dinge an den Kapitalmärkten. Und sein Urteil fiel tendenziell positiv aus. Die USA sieht Roelli auf einem guten Weg, sie bekäme ihre Defizite langsam, aber sicher, in den Griff. Die Industrieproduktion lege zu, das Defizit des Bundeshaushaltes bilde sich zurück, und das Schlimmste am US-Häusermarkt sei auch überstanden. Auch steigt nach wie vor die Zahl der Beschäftigten an, seit Februar 2010 seien in den USA rund 6,2 Mio. Arbeitsplätze geschaffen worden. In Europa dagegen sei der Beschäftigungstrend nach wie vor negativ, was sich in der Breite immer mehr auswirke. Für Roelli ist die US-Wirtschaft, aber auch jene in Europa, auf dem Weg zurück zur Normalität.

Krise adé?
Was bedeutet das? Es würde wieder stärker ein Fokus auf Wachstumspolitik gelegt, die Unternehmen würden wieder etwas optimistischer agieren. Auf Nachfrage bestätigte der Vermögensprofi aber, dass es nach wie vor schwierig sei, angesichts des Zahlenmaterials ein konstruktives Bild für Europa und auch dessen Kapitalmärkte zu entwerfen. Wer jedoch zwischen den Zeilen lesen würde, der erkenne schnell, was sich in vielen Ländern an Positivem tut. In Griechenland würden Generikakonzerne angesiedelt und Oliven nicht mehr nur gepflückt, sondern auch veredelt. Griechenland verändere sich, bis sich die Bilanzen des Landes jedoch sichtbar bewegen, dürfte noch eine Weile vergehen. Als Beispiel für einen Weg zu einer positiven Entwicklung führte Roelli interessanterweise Litauen an. Der Glücksfall des Landes sei gewesen, dass ihm nicht geholfen wurde. Litauen hat auf eigene Faust Reformen eingeleitet. Demgemäß wurden die Staatsausgaben um 30% reduziert, die Löhne im Öffentlichen Dienst um 20 bis 30% gekürzt und sowohl Unternehmens- und Mehrwertsteuern erhöht. Und als Krönung des Ganzen wurde das Salär des Premierministers Andrius Kubilius um satte 45% gekappt. Inzwischen sei das Land eindeutig auf den Pfad der Besserung eingeschwenkt und damit ein Vorbild für viele andere Länder in Europa – nur leider sieht das die Brüsseler Bürokratie anders. Denn wo immer ein Problem droht, wird gerettet. Dabei seien die Länder zu Anpassungen in der Lage, wie das Beispiel Litauen zeigt.

Quelle: panthermedia/Simone VoigtAbschied vom Gold
Vorsichtig zeigte sich Roelli abschließend beim Thema Gold. Hier sei das Haus Pictet derzeit nicht mehr investiert. Hintergrund sei, dass die realen Kapitalmarktrenditen nicht mehr negativ, sondern mittlerweile wieder merklich positiv seien, was den Goldpreisavancen den Boden förmlich entzöge. Für Roelli muss das kein Dauerzustand sein, aber vorerst ist das gelbe Metall für ihn nicht mehr erste Wahl. Der Analyse folgte dann noch die Diskussion zur aktuellen Portfolioallokation von Pictet, wobei zwei Dinge deutlich wurden: Bei Anleihen sei die Hausse eher vorbei als dass sie weiterginge, speziell bei Unternehmensanleihen sei es inzwischen eine echte Herausforderung, wenn sich Investoren dazu entschlössen, sich hier von ihren Positionen zu verabschieden. Dagegen würde bei Aktien sukzessive zugekauft, und hier stärker im Bereich der Zykliker akzentuiert.

Stimulanzien werden vergeudet
Genau das würde der Schweizer Vermögensverwalter Felix Zulauf aktuell nicht tun, und genau daraus speist sich der Charme eines Vergleichs zwischen den beiden Börsenheroen. Zulauf referierte im Rahmen der Value Intelligence Conference im Bayerischen Hof in München exakt 24 Stunden vor Alfred Roelli, also am 11.6., und zeichnete mit „groben Pinselstrichen“ seine Sichtweise der Weltwirtschaft. Es war kein farbenfrohes Bild, das er entwarf, sondern eines, das allenfalls in schwarz-weiß gehalten war. Zunächst wies Zulauf darauf hin, dass jedes Land ein Schuldenlimit habe und viele Länder vor allem der westlichen Hemisphäre hier bereits an kritischen Punkten operierten. Dazu wurden die notwendigen Restrukturierungen vor allem im europäischen Bankensektor aufgeschoben. Dies alles zusammen mit der künftigen demografischen Bevölkerungsstruktur seien Bremsklötze, die auf ein künftig niedrigeres Wachstum schließen lassen.

Schuldenkrise – Herkules, übernehmen Sie!
Zulauf wollte angesichts dessen und auch im Hinblick auf die enormen Schuldenprobleme nicht mehr viele Wege sehen, der Misere zu entkommen. Markantes Wirtschaftswachstum, sinkende Zinsen oder Rettungsmaßnahmen durch andere Länder fielen aus. Letzteres funktioniere vielleicht bei Zypern oder Malta, aber nicht bei Frankreich, Großbritannien oder den USA, wie Zulauf süffisant anmerkte. Blieben nur noch das Sparen, höhere Steuern, das Drucken von Geld oder Staatsbankrott. Letztlich liefe derzeit alles auf eine repressivere Phase in der Wirtschafts- und Finanzpolitik hinaus, die den Sparer kalt enteigne, die großen Veränderungen aber ausspare. Genau darin liege das entscheidende Risiko, denn in den vergangenen 30 Jahren sei keine signifikante Rezession mehr zugelassen worden, jede Krise wurde mit immer neuen Maßnahmen der Notenbanken weginflationiert. Dabei seien Krisen Chancen, Ungleichgewichte und Fehlentwicklungen zu korrigieren, und schon die Natur lehre, dass derlei richtig und wichtig sei. Zulauf gab sich wenig optimistisch, dass die Bürokraten dies jemals begreifen würden und war sich sicher, dass, je länger eine Restrukturierung dauere, das dicke Ende umso schlimmer ausfiele.

Quelle: panthermedia/tomas marekWährungskrise ante portas?
Beim Punkt der finanziellen Repression wies Zulauf aber darauf hin, dass während der letzten, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Ausgangslage eine gänzlich andere gewesen sei. Die Länder dürsteten nach dem Aufbau von Industrie und Infrastruktur, die Konsumenten nach Frieden und neuen Produkten. Dazu war die Verschuldung der Privaten wie Unternehmen relativ gering. Damit konnte eine Prosperität entstehen, die das Gelingen der financial repression erst möglich machte. Aktuell wird in Japan probiert, das Problem mit noch mehr frisch gedrucktem Geld zu lösen, nur führe das unweigerlich in die Katastrophe. Sobald der japanische Yen ob der gewählten Maßnahmen massiv abwerten würde, wäre die Krise plötzlich eine der Währungen, und das habe in der Vergangenheit stets Verwerfungen in der Wirtschaft und auch an den Börsen nach sich gezogen. Anleger müssten genau beobachten, wie Japan dies bewältige und Länder wie Deutschland darauf reagieren. Denn Deutschland könnte sich in einer Exportblase befinden, und sollten dann Währungsextrema entstehen, wäre dieses Geschäftsmodel extrem verwundbar. Angesichts dessen könnten Investoren bei hochqualitativen Unternehmen gut aufgehoben sein, oder auch im Gold, sobald dies seine tiefe Korrektur abgeschlossen habe. Das sei noch nicht der Fall, aber wie nach dem großen Einbruch Mitte der 70er Jahre stünden die Chance auf eine massive Hausse beim gelben Edelmetall ganz gut – erst recht wegen der immer vorsichtigeren Meinungen zu Gold. Alfred Roelli hätte in diesem Punkt sicher wi
dersprochen.

Fazit
Es war spannend, zwei der profilie

rtesten Marktanalytiker in ihrer Analyse zu beobachten. Roelli, der ein vorsichtig positives und durchaus konstruktives Bild zeichnete, und Zulauf, der geborene Bär, der in seiner Analyse gute Argumente fand, der aktuellen Situation mehr denn je zu misstrauen. Beiden gemeinsam war die Idee, in Qualitätsaktien zu investieren und sich tendenziell aus den Staatsanleihen zu verabschieden. Beim Gold jedoch scheiden sich die Geister, mit jeweils guten Argumenten. Würde mal Roelli und Zulauf an einen Tisch bringen, es würde ein spannender Disput werden. Gerade deswegen, weil die Lage so unsicher ist.

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