Städte und Gemeinden nachhaltig zu gestalten, ist ein Ziel der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen. In Deutschland hapert es trotz konzeptioneller Fortschritte noch an der Umsetzung. Welchen Beitrag leisten Stiftungen?

Wir brauchen eine andere Planungs- und auch Umsetzungskultur“, sagt Klaus Kordowski. Entscheider müssten nun besonders schnell handeln. Kordowski ist bei der Stiftung Mercator Experte für Verkehrsfragen und beschäftigt sich mit der Verkehrswende in Deutschland, auch in Städten und Gemeinden. Der Handlungsbedarf in deutschen Städten ist groß – die Debatten über Feinstaub und Fahrverbote oder Fahrradwege und Nahverkehrsnetz werden bisweilen hitzig geführt.

Kirsten Witte verantwortet bei der Bertelsmann-Stiftung das Programm „Lebenswerte Kommune”. Foto: Bertelsmann-Stiftung

Aber es geht beim Thema Nachhaltigkeit in Städten nicht nur um saubere Luft und Mobilitätsfragen. 2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) umfasst. Diese sollen bis 2030 erreicht werden. Das elfte dieser Nachhaltigkeitsziele, „nachhaltige Städte und Gemeinden“, thematisiert den Beitrag, den Kommunen zu dieser Zukunftsvision beisteuern können. Nach Vorstellung der UN sollen Kommunen inklusiver, sicherer und nachhaltiger werden. Zugang zu angemessenem Wohnraum, bezahlbare Verkehrssysteme, eine nachhaltige Stadt- und Quartiersplanung sowie die Senkung der Umweltbelastung bilden weitere Unterziele von SDG 11.

Doch wie gelangt man von einem teils schwammig und breit formulierten Nachhaltigkeitsziel zu der konkreten Umsetzung desselben? Und welche Rolle spielen Stiftungen in Deutschland hierbei? Eine erste Antwort auf diese Fragen liefert die interdisziplinäre Arbeit der Bertelsmann-Stiftung, die vor allem die Kommunen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützt. Zusammen mit anderen Akteuren aus Wissenschaft, Verbänden und Kommunen stellt die Stiftung im Rahmen ihres Projekts „Agenda 2030“ ein Set an Indikatoren bereit, die im Kontext der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN entwickelt wurden. Diese Indikatoren, die bereits in der Praxis getestet wurden, bieten laut Bertelsmann-Stiftung ein konkretes Instrumentarium, dessen sich die Kommunen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit bedienen können.

Alleine für SDG 11 seien so 18 Indikatoren entstanden, die die Kommunen wie aus einem „Katalog“ oder „Baukastensystem“ nutzen könnten, erklärt Oliver Haubner, der bei der Bertelsmann-Stiftung als Senior Project Manager für das Programm „Lebenswerte Kommune“ arbeitet. Beispiele für die Indikatoren zu SDG sind die Messung von Mietpreisen, Verkehrsunfällen, Nutzung der Verkehrsarten, Naherholungsflächen, oder des Flächenverbrauchs.

„Man muss die Umsetzenden, also vor allem die Kommunen, mit ins Boot holen.“

Kirsten Witte, Bertelsmann-Stiftung

Kommunen können laut Haubner dabei je nach Bedarf Indikatoren auswählen, verändern oder ergänzen. Die SDG-Indikatoren lassen sich außerdem in Typ I und Typ II unterscheiden. Typ-I-Indikatoren können heute schon genutzt werden, da die Statistischen Landesämter und das Statistische Bundesamt zahlreiche Daten bereits erfassen. Die Daten für Typ-II-Indikatoren können und müssen die Kommunen hingegen selbst erheben. Flexibilität ist wichtig, weil jede Kommune anders ist und andere Bedürfnisse hat. „Es ist für eine Kommune sinnvoll, sich erst mal einen Schwerpunkt innerhalb der vielen Indikatoren zu suchen, anstatt mehrere Fässer gleichzeitig aufzumachen und die eigenen Prozesse zu überfordern“, sagt Kirsten Witte, die das Programm „Lebenswerte Kommunen“ verantwortet.

Info


Bertelsmann-Stiftung

Jahr der Errichtung: 1977
Stiftungszweck: Die Stiftung setzt sich dafür ein, dass alle an der Gesellschaft teilhaben können – politisch, wirtschaftlich und kulturell.
Projektaufwand: 74 Millionen Euro für 60 gemeinnützige Projekte (2021)
Mitarbeiter: 363 Mitarbeiter, derzeit zweiköpfiger Vorstand (hauptamtlich), zehnköpfiges Kuratorium

Neben den SDG-Indikatoren bietet die Bertelsmann Stiftung auch das SDG-Portal an, in dem die Indikatoren eine zentrale Rolle einnehmen. In dem Portal lässt sich anhand eines Ampelsystems einsehen, wo die Kommunen in Deutschland in Bezug auf die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsziele bereits Fortschritte erzielt haben und wo Verbesserungspotential besteht. Die Vergleichbarkeit der Typ-I-Indikatoren könne durch die Bertelsmann-Stiftung garantiert werden, so Witte.

SDGs oder andere Ziele?

Im Unterschied zur Bertelsmann-Stiftung nimmt die Stiftung Mercator bei ihrem Klimaschutz-Engagement keinen ausdrücklichen Bezug zu den SDGs. „Der erklärte politische Wille in Deutschland, bis zur Mitte des Jahrhunderts treibhausgasneutral zu werden, lässt für uns als Stiftung konkretere Ansatzpunkte zu – im Gegensatz zu den sehr breit formulierten SDGs“, erläutert Klaus Kordowski, der bei der Stiftung Mercator den Bereich Klimaschutz bearbeitet.

Klaus Kordowski ist für die Stiftung Mercator im Bereich Klimaschutz tätig. Foto: Stiftung Mercator GmbH

Kordowski bezieht sich dabei auf die Klimaziele der Bundesregierung, die bis 2030 eine im Vergleich zum Jahr 1990 65-prozentige Reduzierung der Emissionen vorsieht. Die vollständige Treibhausgasneutralität soll in Deutschland bis 2045 erreicht werden. Dieses Ziel ist laut Kordowski für die „Umsetzung zielführender Politik“ und auch für die Arbeit von Mercator besser geeignet als die SDGs, obgleich diese „als globaler Bezugsrahmen“ von großer Bedeutung für viele Politikfelder seien.

Um Deutschland insgesamt nachhaltiger zu gestalten, arbeitet die Stiftung mit unterschiedlichen Partnergesellschaften zusammen. Die Projekte weisen dabei durchaus Bezug zu den Zielen von SDG 11 auf. Mit dem Projekt „Straßen befreien“ unterstützt Mercator beispielsweise eine Initiative des Vereins Paper Planes, des Wissenschaftszentrums Berlin und der Technischen Universität Berlin. Im Rahmen des Projekts ist die Veröffentlichung eines „Manifests der freien Straße“ in diesem Frühjahr geplant, mit dem die beteiligten Akteure die Vorstellungskraft der Bürger (neu) entfachen und die Verkehrswende in Deutschland auf konzeptioneller Ebene voranbringen möchten.

Info


Stiftung Mercator GmbH

Jahr der Errichtung: 1996
Stiftungszweck: Unter anderem Förderung von Wissenschaft, Forschung, Bildung, Erziehung, Kunst, Kultur, Religion, Völkerverständigung, Entwicklungshilfe und des demokratischen Staatswesens in der Bundesrepublik Deutschland
Bewilligte Fördermittel: 64 Millionen Euro für 123 unterschiedliche Projekte (2020)
Mitarbeiter: 101 Mitarbeiter, zweiköpfige Geschäftsführung (hauptamtlich), achtköpfiger Beirat

Ein weiteres Projekt, das Mercator fördert, ist das „Bündnis sozialverträgliche Verkehrswende“, dem unter anderem der Bund für Umwelt und Naturschutz, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die evangelische Kirche in Deutschland, die IG Metall sowie der Naturschutzbund Deutschland angehören. Das Ziel: Eine sozialgerechte und ökologische Verkehrswende in Deutschland. Im zugehörigen Positionspapier werden auf 55 Seiten Probleme sowie Lösungen für Mobilitätsfragen in Deutschland benannt.

Veränderung durch Netzwerke

Hans-Joachim Geupel ist Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen. Foto: Bürgerstiftung Lebensraum Aachen

Einen anderen Weg beschreitet die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen. Die 2005 gegründete Stiftung orientiert sich zwar lose an den SDGs, sieht in ihrem Projekt „Region Aachen 2050“ jedoch eher ein Transformationsnetzwerk. Die Grundidee: Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft sollen zusammenkommen, um „gemeinsam und verbindlich“ zu definieren, wie nachhaltiges Handeln aussieht, sagt Richard Schieferdecker, Projektleiter von „Region Aachen 2050“. Die Arbeit der Bürgerstiftung lässt sich Schieferdecker zufolge am besten mit SDG 17 „Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“ beschreiben. „Es geht um Vernetzung, und es geht darum, die Infrastruktur zu schaffen, damit inhaltlich auch wirklich an den verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen gearbeitet werden kann.“

Die ersten Versuche, ein entsprechendes Netzwerk aus Zivilgesellschaft und Politik heraus aufzubauen, ist nicht geglückt. Es ist noch nicht dazu gekommen, dass „ein gemeinsames Bild einer nachhaltigen Lebensweise entstehen konnte“, blickt Schieferdecker zurück. Daher wollen er und Hans-Joachim Geupel, Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung, nun in einem weiteren Versuch mit Hilfe wirtschaftlicher Akteure in der Region dieses Transformationsnetzwerk etablieren. Als Vorbild für ihr Vorhaben dient der Stiftung eine Initiative des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. In fünf sogenannten Digital Hubs vernetzen sich Start-ups, der Mittelstand und Großunternehmen mit dem Ziel, ihre digitalen Kompetenzen weiterzuentwickeln. In Aachen ist der entsprechende Hub in einer ehemaligen Kirche in der Jülicher Straße entstanden, die Digital Church.

„Wir brauchen Ziele und Indikatoren für mehr Nachhaltigkeit, an denen sich die Menschen auch messen lassen können und wollen.“

Richard Schieferdecker, Bürgerstiftung Lebensraum Aachen

Schieferdecker und Geupel schwebt Ähnliches für ihr Transformationsnetzwerk „Region Aachen 2050“ vor: Ein sogenannter Eco Hub soll entstehen, in dem Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft die Möglichkeit haben, Ziele und Indikatoren für eine nachhaltigere Lebensweise zu entwickeln und umzusetzen. Schieferdecker stellt sich hier die Gründung von Arbeitskreisen vor, „einen für jedes SDG“, sagt er. „Da gibt es dann beispielsweise die regionalen Lebensmittelerzeuger, die mit dem Lebensmittelgroß- und -einzehandel und den Mensen- und Kantinenbetreibern gemeinsam an regionaler Wertschöpfung zum Thema Ernährung arbeiten“, erklärt er.

Zeit als kritischer Faktor

Es steht außer Frage, dass Städte und Kommunen auf das Ziel zu mehr Nachhaltigkeit hinarbeiten. Dennoch entsteht der Eindruck, dass die Fortschritte noch nicht greifbar sind. Für Kordowski ist die Zeit bei der erfolgreichen Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen – egal ob von UN oder Bundesregierung – dabei der kritische Faktor. „Die Beschleunigung von Umsetzung ist das, was wir in den kommenden Jahren in der Verkehrs- und generell in der Klimapolitik sehen müssen.“ Besonders Städte und Kommunen müssten ihre Arbeitsweise zur Erreichung der Ziele abändern und den bisherigen Prozess aus jahrelanger Planung, politischer Entscheidung und Umsetzung hinter sich lassen. Rechtssicherheit ist Kordowski zufolge hierbei entscheidend: „Am Ende macht die öffentliche Hand immer das, was sie rechtssicher machen kann.“

Witte von der Bertelsmann-Stiftung sieht aber auch die Politik in der Pflicht. „Es gibt eine Bundesstrategie, und es gibt fast überall Landes-Nachhaltigkeitsstrategien. Aber dadurch, dass man für die beiden Ebenen Strategien entwickelt, ändert sich in der Wirklichkeit erst einmal gar nichts. Am Ende muss man die Umsetzenden, also vor allem auch die Kommunen, mit ins Boot holen. Und die sind in den vergangenen Jahren mit der Flüchtlingskrise und Corona an die Grenzen ihrer Kapazitäten gestoßen.“

„Am Ende macht die öffentliche Hand immer das, was sie rechtssicher machen kann.“

Klaus Kordowski, Stiftung Mercator

Geupel und Schieferdecker von der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen sehen einen weiteren Grund für die schleppende Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele. Sie beobachten eine fehlende Akzeptanz in der Breite der Gesellschaft. „Wir brauchen Ziele und daraus abgeleitete Indikatoren für mehr Nachhaltigkeit, an denen sich die Menschen auch messen lassen können und wollen“, sagt Schieferdecker. Messgrößen – egal ob Gemeinwohlbilanz, Indikatoren aus den 17 SDGs oder die 31 alternativen Wohlstandsindikatoren, die Wirtschaftsminister Habeck jüngst vorgestellt hat: Sie alle müssen laut Schieferdecker und Geupel von der Mehrheit der Bürger akzeptiert werden, wenn der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit im Land gelingen soll. „Auch daran gilt es zu arbeiten. Unser Projekt ist darauf ausgerichtet“, so Schieferdecker.

Info


Bürgerstiftung Lebensraum Aachen

Jahr der Errichtung: 2005 von damals 86 Gründungsstiftern, heute 128 Stifter und 42 Zustifter
Stiftungszweck: Förderung von unter anderem Bildung und Erziehung, Kunst, Kultur, Naturschutz, Denkmalschutz, Jugend- und Altenpflege, Gesundheitswesen, Völkerverständigung, Wissenschaft und Forschung, Gleichberechtigung
Stiftungskapital: 270.000 Euro, davon rund 90.000 Euro aus dem Stiftungsvermögen sowie 180.000 Euro aus Zustiftungen (2020)
Mitarbeiter: 250 Engagierte, fünfköpfiger Vorstand (ehrenamtlich)

Möglicherweise ist es genau dieser Punkt, der die Bürgerstiftung am deutlichsten von der Vorgehensweise von Mercator und der Bertelsmann-Stiftung unterscheidet: Basisdemokratisches Denken einer sich selbst als Mitmachstiftung ausweisenden Bürgerstiftung steht den strategischen und steuernden Ansätzen zweier großer Stiftungen gegenüber. Wo Mercator zwar in einer „engen strategischen Verbindung“ mit den jeweiligen Projektpartnern, aber frei von „operativer Verantwortung“ bleiben möchte, wie es Kordowski formuliert, sieht sich die Aachener Bürgerstiftung auf regionaler Ebene mit kleinteiligen Herausforderungen der konkreten Umsetzung konfrontiert. Das erklärt möglicherweise auch den Unterschied, der in der zeitlichen Planung existiert. Während sich die Bertelsmann-Stiftung und Mercator dem Zeithorizont der Vereinten Nationen (2030) und der Bundesregierung (2030 und 2045) verpflichtet fühlen, planen die Aachener mit ihrem Netzwerk bis 2050.

Weitere Informationen zum Thema SDGs finden Sie hier.

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