31.05.2018 | Von Kai Praum

Digitale Demokratie: „Kinder brauchen Selbstwirksamkeitserfahrung“

Mit dem Projekt „Aula“ versucht Marina Weisband, die frühere Geschäftsführerin der Piratenpartei, digitale Demokratie zu fördern. Um dabei sowohl Schüler als auch Lehrkräfte fit zu machen, fordert sie, verstärkt auf neue Konzepte und nicht nur auf technische Infrastruktur zu setzen.

Digitale Demokratie
Beim Projekt „Aula“ sollen Kinder lernen, wie mittels demokratische Entscheidungen Schule sinnvoll gestaltet werden kann und welchen Einfluss sie dabei haben können. Foto: MachineHeadz/iStock/Thinkstock

______________________________________________

Marina Weisband
CC-BY Bastian Bringenberg

Marina Weisband ist studierte Psychologin mit dem Schwerpunkt auf pädagogische Psychologie. Der akademische Weg in den Bildungssektor war vorgezeichnet. Eine ungeplante Abbiegung folgte durch die politische Arbeit in der Piratenpartei, in der sie von 2009 bis 2016 Mitglied und von Mai 2011 bis April 2012 als politische Geschäftsführerin auch Mitglied im Bundesvorstand der Partei war. Gerade in dieser Zeit erfuhr sie auch bundesweit große Aufmerksamkeit. Als Verantwortliche für die Freiwilligenarbeit bei den Piraten sammelte Weisband nach eigenen Angaben viele Erfahrungen über politikinteressierte Einsteiger und darüber, an welcher Stelle und wie Demokratie und demokratische Willensbildung noch erlernt werden müssen. Viele der Erfahrungen sind so auch in das Projekt „Aula – Schule gemeinsam gestalten“, ein Bildungsprojekt im Bereich digitale Demokratie, eingeflossen, das Marina Weisband 2014 konzipierte.

______________________________________________

Was war der Anlass, Aula zu konzipieren und worum geht es in dem Projekt?

Marina Weisband: Als Politikerin war ich mit ständigen Unmutsäußerungen konfrontiert. Nicht selten habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir gesagt wurde, „die da oben machen was sie wollen“. Die Gefühlte Ohnmacht drückt sich im aktuellen Populismus und dem damit einhergehenden Rückzug ins Private aus. Dem wollten wir entgegenwirken. Denn dieses Muster ist auch schon bei Schülern zu erkennen, die sich von der Schulleitung und den Lehrern bevormundet fühlen. Hier wollten wir ansetzen, damit Kinder lernen, wie mittels demokratische Entscheidungen Schule sinnvoll gestaltet werden kann und welchen Einfluss sie dabei haben können – man spricht von der sogenannten Selbstwirksamkeitserfahrung. Das versuchen wir mithilfe einer Onlineplattform und didaktischer Begleitung zu fördern. So versuchen wir, den Kindern ganz einfach verständlich zu machen, welche Unterschiede es zwischen parlamentarischer, direkter Demokratie und „Liquid Democracy“, einer Mischform zwischen indirekter und direkter Demokratie, die mittels digitaler Tools umsetzbar ist, bestehen.

Sie leiten dieses Projekt, welches vom Verein Politik Digital und der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt wird. Welche Schritte folgten nach der Konzeption?

Weisband: Die ersten Ideen hatte ich der Bundeszentrale für politische Bildung vorgestellt. Dort wurde ich ermutigt, einen schriftlichen Antrag zu stellen. Mit „Politik Digital“ haben wir dann einen Verein gefunden, der das Projekt trägt und mit mir gemeinsam das finale Konzept entwickelt hat. Zur technischen Umsetzung kam noch die Hilfe des Vereins „Liquid Democracy“ hinzu. In den ersten drei Jahren haben wir Materialien entwickelt. Dazu zählt einerseits die Onlineplattform „Aula“, auf der Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Ideen einstellen, entwickeln und abstimmen können. Andererseits stellen wir einen ausführlichen didaktischen Leitfaden zur Verfügung. Zu finden ist dort beispielsweise das Konzept für eine Doppelstunde, um die digitale Demokratie im Unterricht vorzustellen.

Sind sie mit dem Projekt auch direkt in Schulen gegangen?

Weisband: Wir haben es an vier Schulen getestet und unsere Materialien und Konzepte kontinuierlich verbessert. In Kürze erfolgt die Evaluation dieser Modellprojekte. Anschließend möchten wir ein deutschlandweites Netzwerk an Multiplikatoren aufbauen. Die „Aula-Botschafter“ sollen dann in ihrer jeweiligen Region die ersten Ansprechpartner bei der Umsetzung des Projekts in Schulen sein.

Wie können Stiftungen ein Projekt wie „Aula“ unterstützen und welche Rolle kommt ihnen bei der digitalen Bildung zu?

Weisband: Im Rahmen des Projekts „demokratie.io“ hat die Förderung der Robert-Bosch-Stiftung es uns ermöglicht, eine App für das Projekt zu entwickeln. Auch mit der Start-Stiftung gab es Kooperationen. Aktuell suchen wir eine Weiterfinanzierung und müssen leider feststellen, dass Stiftungen lieber neue oder eigene Projekte fördern, als bestehende Projekte weiter zu finanzieren.

Können neu entstandene Netzwerke wie das „Forum Bildung Digitalisierung“ an dieser Situation etwas ändern und die Langfristigkeit von erfolgreichen Projekten gewährleisten?

Weisband: Aktuell ist der Bereich „Digitale Bildung“ noch sehr unübersichtlich. Es sind viele Akteure unterwegs und es kommt stark darauf an, welche Personen – und damit verbunden Netzwerke – man kennt. Ich habe die Hoffnung, dass durch das „Forum Bildung Digitalisierung“ zentrale Strukturen aufgebaut werden, die die Situation für die langfristige Finanzierung von Projekten verbessern. Hinzu kommt, dass es viele tolle Ideen von Entwicklern oder Pädagogen gibt, denen es schwer fällt sie zu verwirklichen, weil sie nicht gut vernetzt sind, nicht wissen, wie das Fundraising anzugehen ist oder einfach ihre Stärken nicht in der Selbstvermarktung haben. Hier sollte eine etablierte Struktur ansetzen, um diese Ideengeber und deren Ideen besser zu fördern.

______________________________________________

Forum Bildung Digitalisierung: Nach zweijähriger Projektphase wurde am 4. September 2017 der Verein „Forum Bildung Digitalisierung“ gegründet. Die Gründungsmitglieder sind: Deutsche-Telekom-Stiftung, Bertelsmann-Stiftung, Dieter-Schwarz-Stiftung, Montag-Stiftung Jugend und Gesellschaft, Robert-Bosch-Stiftung und Siemens-Stiftung. Die in der Initiative engagierten Stiftungen sind überzeugt: Digitale Medien können dabei helfen, pädagogische Herausforderungen wie den Umgang mit heterogenen Lerngruppen zu meistern – und so dazu beitragen, das Bildungssystem besser zu machen und Teilhabe und Chancengerechtigkeit zu fördern.

______________________________________________

Damit es mit der digitalen Bildung losgehen kann, braucht es doch erst einmal eine digitale Infrastruktur an den Schulen?

Weisband: Ja, aber es ist wichtig darauf zu achten, dass nicht der Ausbau der Infrastruktur bei der Digitalisierung der Schulen vorranging sein sollte. In erster Linie geht es um die Konzepte, wie mit der Digitalisierung umzugehen ist. In diese Konzepte sollte auch der größere Teil der Förderung fließen, statt alleine Geld auf Technik zu werfen. Mir geht es dabei nicht um Technik versus Konzepte. Beides ist relevant. Es bringt aber nichts, wenn auf einmal W-Lan in der Schule zur Verfügung steht und die Schüler nutzen es nur, um Spiele zu spielen oder auf Facebook zu surfen.

Im Barcamp Freiburg haben Sie – nachzulesen bei Twitter – die Idee formuliert, erst einmal Lehrerinnen und Lehrer selbst Tablets ausprobieren zu lassen, bevor man einen Medienentwicklungsplan schreibt oder massenhaft Tablets einkauft, um ihnen Angst vor neuen Medien zu nehmen. Warum ist das so wichtig? Werden die Lehrer in der aktuellen Situation überfordert und übergangen?

Weisband: Es gibt eine Art „erlernte Hilflosigkeit“, bei der viele sich dahinter verstecken, dass ihnen technische Neuerung zu kompliziert sind und dass sie deswegen damit nichts zu tun haben möchten. Hier ist es wichtig, auch für die Pädagogen ein niedrigschwelliges Angebot zu kreieren, damit sie ein intrinsisches Interesse für die technischen Möglichkeiten entwickeln. Kommt man von heute auf morgen mit einem neuen Tablet oder einer neuen Software, die Lehrer nun einsetzen sollen, erzeugt das schnell Widerstand. Haben die Lehrkräfte die Möglichkeit, selbst die Technik spielerisch zu nutzen, baut das diesen Widerstand ab. Wir müssen so auch darüber hinauskommen, dass die Nutzung der neuen Technik allein ein Ersatz für Papier oder Tafel ist. Es gibt so viele neue Einsatzmöglichkeiten über die bisherigen Unterrichtsmethoden hinaus. Dafür müssen sich dann aber auch die Lehrerausbildung  und die Fortbildungsmöglichkeiten für aktive Lehrkräfte ändern, und es braucht ausreichend Freistellung dafür. Zudem muss den Lehrern ein gewisser Freiraum gewährt werden, neue Medien und Angebote zu erforschen.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass es sicher gut wäre, wenn alle Kinder Informatik in der Schule hätten. Allerdings sind Experten ebenso der Meinung, dass Kinder ebenso Hilfe beim Umgang mit den Möglichkeiten im Netz brauchen. Zum Beispiel sollten sie wissen, wie Sie sich vor Fallen in gefälschten E-Mails (Phishing) und den Gefahren der Überwachung von Staaten und Ausleuchtung von Konzernen durch Tracking schützen, mit Wikipedia umgehen, Quellen prüfen und Social Media einsetzen können. Wie ist Ihre Einschätzung dazu? Kann man das überhaupt priorisieren?

Weisband: Das sind zunächst einmal zwei verschiedene Dinge. Hier geht es zum einen um die Entwicklung und zum anderen um die Nutzung von digitalen Medien oder Programmen. Das Fach Informatik soll den Schülern einen Einblick ins Programmieren geben, so wie die Schüler etwa im Fach Biologie einen Einblick in das Laichverhalten von Lachsen bekommen. Es geht es also um ein basales Verständnis und durch erste eigene Programmiererfahrung auch darum, die Scheu vor der Technik abzulegen. Gerade für Mädchen ist es wichtig, zu zeigen, dass Programmieren kein Hexenwerk ist. Bei der Nutzung von Programmen und Medien sollte in der Schule dem Hintergrundwissen große Bedeutung beigemessen werden. Die Schüler bringen in der Regel ein Anwendungswissen mit und können mit der Technik zum Teil besser umgehen als die Lehrer. Was ihnen fehlt ist Kompetenz im Bereich Datenschutz oder dem Umgang mit sozialen Konsequenzen. Ich habe mal in einem Präventionsprojekt Schüler gebeten, alle ihre Posts auf Facebook auszudrucken, sie sich um den Hals zu hängen und damit durch die Fußgängerzone zu laufen. Diese Sensibilisierung für den Umgang mit neuen Medien ist wichtig.

Der Digitalpakt im Koalitionsvertrag, das Forum Bildung Digitalisierung und der Schwerpunkt Digitalisierung auf dem Deutschen Stiftungstag zeigen, dass Digitalisierung und digitale Bildung in Politik und Gesellschaft als Thema angekommen sind. Muss jetzt schnell gehandelt werden oder sollte mit Bedacht an das Thema herangegangen werden?

Weisband: Es ist zu beobachten, dass das Thema aktuell relevanter wird. Hierbei möchte ich aber anmahnen, dass viele Politiker und manche Stiftungen nun meinen, sie müssen was mit „Digitalisierung“ machen und dabei blindlings Projekte oder Initiativen unterstützen. Wichtiger ist der Blickwinkel: Es geht nicht um die Frage, wie wir mit der Digitalisierung umgehen. Wir müssen uns klar werden, wie wir in einer immer stärker vernetzten Welt leben möchten. Die neuen technischen Möglichkeiten der Digitalisierung geben uns darauf Antwortmöglichkeiten, die wir ohne die Digitalisierung nie hatten. Das Konzept von Aula basiert beispielsweise mit „Liquid Democracy“ auf einem Demokratiekonzept, das auf den Schriftsteller Lewis Carroll – den Verfasser von „Alice im Wunderland“ – zurückgeht. Doch erst heute haben wir die technischen Möglichkeiten das Konzept umzusetzen.

aula-blog.website

politik-digital.de

www.bpb.de

liqd.net/de

Artikel teilen