In der Frankfurter Debatte 2014 dreht sich (fast) alles um den Niedrigzins und Strategien für Stiftungen, diesem zu entkommen. Es diskutierten Petra Träg (SOS Kinderdorf-Stiftung), Michael Lürßen (Bremer Landesbank), Stefan Mönkediek (Runte, Stadtmüller & Mönkediek GmbH) und Prof. Dr. Thorsten Polleit (Polleit & Riechert).

DIE STIFTUNG: Warum steigt der Zins nicht?
Polleit: Es hat sich weltweit ein ungedecktes Papiergeldsystem entwickelt. Immer mehr Geld wurde durch immer mehr Kreditvergabe geschaffen. Nunmehr ist eine Überschuldungssituation entstanden und man versucht, sie in den Griff zu bekommen, vor allem indem die Marktzinsen auf immer niedrigere Niveaus geschleust werden. Viele Staaten und Banken werden ihre Schulden nicht mehr in „harter Währung“ zurückzahlen können. Dem Anleger drohen also auch noch Schuldenschnitte, Geldentwertung und höhere Besteuerung – vermutlich eine Mischung aus allem.

Mönkediek: Die Schulden sind da, und es geht unweigerlich in den Konkurs, wenn die Zinsen am langen Ende nachhaltig auf Höhen wie vor zehn oder zwölf Jahren steigen würden.

Polleit: Genau, die Steilheit der Zinskurve ist aber für ein Bankensystem besonders relevant. Weil eine Bank bei der Kreditvergabe zwar eine Marge einrechnet, aber auch zusieht, über die Fristentransformation Geld zu verdienen – also Geld langfristig leiht, aber kurzfristig aufnimmt. Das sorgt für einen Gewinnbeitrag, der umso höher ausfällt, je steiler die Zinskurve sich darstellt. Die Geldpolitiker werden die Zinsen insbesondere auch am kurzen Ende tief halten. Stiftungen haben da wenig Grund zu hoffen, mit festverzinslichen Titeln könnten bald wieder auskömmliche Erträge verdient werden.

Michael Lürßen: Die Situation ist doch sehr interessant, denn etwa die Hälfte der Stiftungen hat auf das Thema Niedrigzinsen noch überhaupt nicht reagiert und steht weiterhin an der Seitenlinie. Andere sehen, dass sie sich etwas überlegen müssen – spätestens wenn die Anleihen, die derzeit noch gute Erträge abwerfen, auslaufen. Insofern nimmt die Zahl der Beratungsgespräche schon zu, oft auch unter dem Gesichtspunkt, neue, zusätzliche Mittel von außen zu generieren. Bei den kleineren Stiftungen sehen wir dieses Aufwachen teilweise noch nicht. Wenn da die Stiftungsaufsicht oder der Bundesverband nicht den Finger in die Wunde legt und das Bewusstsein schärft, sehe ich an dieser Stelle auch kein Umdenken.

DIE STIFTUNG: Wie ließen sich diese kleinen Stiftungen für das Thema sensibilisieren?
Lürßen: Das geht praktisch nur über Einzelgespräche, in denen wir versuchen, das Bewusstsein zu schärfen, dass zur Stiftungsarbeit auch gehört, Maßnahmen zu ergreifen, damit die Inflation das Stiftungskapital nicht auffrisst. Wir nehmen auch Kontakt zu den Stiftungsaufsichten auf, und auch auf dieser Seite erkennen wir deutliche Unterschiede, etwa bei der Akzeptanz unserer Vorschläge, wie auf die Zinssituation zu reagieren sei.

Polleit: Die Anlagepolitik der großen Kapitalsammelstellen einschließlich der Stiftungen ist ja nicht ganz frei. Staatlich gesetzte Vorgaben spielen eine mehr oder weniger große Rolle. Dass zum Beispiel Versicherungen primär Staatsanleihen kaufen, beruht ja nicht darauf, dass sie Staatsanleihen so gut finden. Vor allem regulatorische Vorgaben drängen sie dazu. Das Geld, das dort verwaltet wird, kann der Niedrigzinspolitik kaum oder gar nicht entkommen. Hinzu kommt, dass die Konsequenzen der Niedrigzinspolitik für viele so schleichend daherkommen, dass sie den „Fluchtreflex“ ausschalten.
Ich beschreibe das gerne mit einem Bild: Wenn man einen Frosch in einen Topf mit kaltem Wasser setzt und den Topf langsam erhitzt, springt der Frosch nicht heraus, sondern geht an einem Kreislaufkollaps zugrunde. Wenn Sie allerdings einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser setzen, dann nimmt er alle Kraft zusammen und springt heraus. Ganz ähnlich verhält es sich aktuell mit vielen Anlegern: Das Kapital wird bereits entwertet, es ist höchste Zeit zu reagieren. Auch für Stiftungen lautet die Devise: Seien Sie kein Frosch!

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