08.08.2018 | Von Kai Praum

Kein Gras drüber wachsen lassen

In Deutschland birgt das Andenken an geschichtsträchtige Orte aus den Zeitspannen zweier Diktaturen des 20. Jahrhunderts Konfliktpotential. Was Teile der Zivilgesellschaft sichtbar machen möchten, empfindet mancher Anwohner als Stigmatisierung. Für die Stiftung Niedersachsen ist hingegen klar: hinschauen, auseinandersetzen und erinnern.

Bernhard Gelderblom
Historiker Bernhard Gelderblom steht am Bückeberg bei Hameln, wo die Nazis 1933 bis 1937 das „Reichserntedankfest“ feierten. Foto: Ole Spata

Südlich von Hameln erhebt sich der Bückeberg. Mit seinen 160 Metern über Normalnull zählt er zu den kleineren Erhebungen am Rande des Weserberglandes. Und an sich wäre dieser Hügel unspektakulär, wäre da nicht seine Historie. Über eine Million Menschen huldigten hier bei Reichserntedankfesten Adolf Hitler. Neben dem Reichsparteitag in Nürnberg und der Feier zum 1. Mai in Berlin war das die größte Massenveranstaltung der NSDAP.

Zwischen Vergessenheit und kollektiver Erinnerung

Deutschland hat im 20. Jahrhundert in zwei Weltkriegen gekämpft, und zwei Diktaturen haben das Land über Jahrzehnte geprägt. Die Zahl der Erinnerungsorte ist entsprechend groß und über alle Landesteile verstreut. Manche Orte geraten in Vergessenheit, andere prägen wiederum die kollektive Erinnerung. Doch wer verwaltet dieses Andenken und was ist eine angemessene Form der Erinnerung? Häufig sind es Vereine, die Gedenkstätten führen. Auch Stiftungen bieten sich als Rechtsform an; größere Stiftungen wiederum als Förderer.

Im Weserbergland plant der Verein für regionale Kultur und Zeitgeschichte gemeinsam mit dem Landkreis Hameln-Pyrmont, aus dem Bückeberg einen Dokumentations- und Lernort zu machen. Das Konzept sieht einen Grasweg und acht Informationsinseln sowie einen wissenschaftlichen Leiter vor. Für die Errichtung der Gedenkstätte sind insgesamt rund 450.000 Euro veranschlagt. Für mehr als die Hälfte der erforderlichen Summe gab es Übernahmezusagen aus der Zivilgesellschaft. Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten übernimmt bis zu 150.000 Euro. Eine Förderung über 50.000 Euro haben die Stiftung Niedersachsen und die Bingo-Stiftung zugesagt. Die Klosterkammer Hannover, eine Landesbehörde, die ehemals klösterliches Vermögen in vier öffentlich-rechtlichen Stiftungen verwaltet, beteiligt sich mit 16.300 Euro. Die übrigen Kosten soll der Landkreis Hameln-Pyrmont tragen. Dafür war die Zustimmung des Kreistages vorausgesetzt.

Die Fläche im Überblick. Foto: AxelHH, Bückeberg vom Ohrberg, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Bei Teilen der Anwohner regte sich daraufhin Widerstand. In der an den Bückeberg direkt angrenzenden Gemeinde Emmerthal wurde im Februar eine rechtlich nicht bindende Bürgerbefragung gestartet. Dabei unterstützte die Fraktion der CDU und der Freien Wähler (FWE) einen Antrag der AfD. Mehr als 2.000 Unterschriften sammelten die Gegner des Projekts. Ohne Erfolg: Mitte März stimmte eine knappe Mehrheit des Kreistags für die Umgestaltung des Bückebergs.

Wegschauen der falsche Weg

Die Akzeptanz der Menschen vor Ort ist immer eine besondere Herausforderung. Sprechen sich die Projektträger und Förderer für „Sichtbarkeit“ aus, haben die Gegner wie in Emmerthal Sorge vor einer „Stigmatisierung“ ihrer vertrauten heimatlichen Umgebung. „Die Entscheidung, wegzuschauen, weil man Konflikte vermeiden will, ist jedoch nicht der richtige Weg. Vielmehr sollten wir die differenzierte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte suchen und aushalten“, sagt Lavinia Francke, seit 2015 Generalsekretärin der Stiftung Niedersachsen.

Francke betont, dass dies nicht heiße, die Anliegen der Menschen vor Ort nicht ernst zu nehmen. Rund um den Bückeberg drehte sich die Argumentation der Gegner schnell darum, warum kein Geld für die Reparatur von Schlaglöchern da sei, aber eine Gedenkstätte gebaut werde. „Solche Diskussionen um eine vermeintliche Verteilungsgerechtigkeit sind schwierig, weil sie immer davon ausgehen, dass es nur einen Kuchen gibt. Wir haben in unserem Land genügend Mittel für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Infrastruktur, ohne dass wir diese bei der Kulturförderung abziehen müssten. Man sollte verschiedene berechtigte Anliegen nicht gegeneinander ausspielen“, sagt Francke.

In letzter Konsequenz haben stets die Projektträger vor Ort die Auseinandersetzung zu führen. Die Stiftung Niedersachsen bietet aber ihre fachliche Beratung und Unterstützung an. „Wir beraten die Antragsteller, wenn diese uns um Unterstützung bitten“, sagt Francke und beschreibt die eigene Rolle: „Wir sind ein wohlwollender Begleiter, der auf die Tatkraft des Antragstellers vor Ort baut.“

Antragsqualität entscheidend

Bereits seit 2009 kennt die Stiftung Niedersachsen das Bestreben der Historiker vor Ort, am Bückeberg eine Dokumentationsstätte einzurichten. Für den 2017 eingehenden Antrag war bei einer Antragssumme von 50.000 Euro der Verwaltungsrat zuständig, der turnusmäßig am 15. Februar 2018 zusammenkam und den Antrag einstimmig bewilligte. Für die niedersächsische Landeskulturstiftung zählt es nach Angaben der Generalsekretärin zur gesellschaftlichen Verantwortung und selbstverständlichen Pflicht, Täterorte der NS-Geschichte sichtbar zu machen. „Der Antrag auf Förderung eines Gedenkortes war inhaltlich hervorragend begründet und der Kosten- und Finanzierungsplan seriös. Und die beteiligten Partner stehen für eine sensible und kundige Umsetzung des Vorhabens“, erklärt Francke die Entscheidung. Jeder Förderung der Stiftung Niedersachsen geht eine eigene Betrachtung und Auswertung voraus.

Die Stiftung muss von der Professionalität der Antragsteller und Träger des Projekts genauso überzeugt sein wie von der Qualität des Konzepts und der Relevanz des Themas. Auch ein gutes Vermittlungsprogramm ist wichtig, um die Stiftung zu überzeugen. Für die Stiftung Niedersachsen ist die Erinnerungskultur vor allem vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Gesellschaft in einem Einwanderungsland – zu dem sich Deutschland entwickelt hat – von besonderer Bedeutung und Aktualität. „Wer nach Deutschland einwandert, wandert auch in die deutsche(n) Geschichten ein“, zitiert Francke die Erziehungswissenschaftlerin Viola Georgi und betont: „Das Wissen über die deutsche Geschichte und ihre Orte muss für jeden erreichbar und erkennbar sein.“

Seit ihrem Bestehen 1987 hat die Stiftung Niedersachsen etwa 80 Projekte unterstützt und mitfinanziert, die sich mit der NS-Zeit und dem Holocaust befassen. Darunter 1998 eine Filmdokumentation der Lebensgeschichten von Holocaustüberlebenden, die als historische Quelle digital dem „Zentralnachweis zur Geschichte von Widerstand und Verfolgung 1933–1945“ zur öffentlichen Nutzung zur Verfügung gestellt wurde und von der große Teile im heutigen Dokumentationszentrum in Bergen-Belsen zu sehen sind. 2011 wurde die Förderung des Ausbaus der Gedenkstätte Esterwegen bewilligt. Im Konzentrationslager Esterwegen war unter anderem der Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky inhaftiert. Vor fünf Jahren unterstützte die Stiftung die Neugestaltung der Dauerausstellung der Gedenkstätte Ahlem. Die israelitische Gartenbauschule Ahlem war 1893 gegründet worden. Ab 1941 war Ahlem zentrale Sammelstelle für die Deportation der jüdischen Einwohner Hannovers und Hildesheims. Das bewilligte Fördervolumen allein für diese drei Projekte beträgt insgesamt 700.000 Euro.

Dieser Beitrag erschien in DIE STIFTUNG 2/2018.

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