19.09.2014 | Von Die Stiftung

„Mehr als nur Kapital“

Im Gespräch mit Thomas Schiffelmann, Leiter Marketing von Handicap International und Claus-Georg Müller, Vorstandsvorsitzender des Frühphaseninvestors mic AG, mit denen DIE STIFTUNG am 24.09.2014 am Stiftungsdialog in München das Thema Venture Philanthropy diskutieren wird.

Im Gespräch mit Thomas Schiffelmann, Leiter Marketing von Handicap International und Claus-Georg Müller, Vorstandsvorsitzender des Frühphaseninvestors mic AG, mit denen DIE STIFTUNG am 24.09.2014 am Stiftungsdialog in München das Thema Venture Philanthropy diskutieren wird.

 

DIE STIFTUNG: Herr Müller, bei unserem Stiftungsdialog in München werden wir uns mit Venture Philanthropy beschäftigen. Welche Trends sehen Sie für Stiftungen?
Claus-Georg Müller: Ich sehe Venture Philanthropy als ein interessantes und durchaus spannendes Instrument für Stiftungen. Wir verfolgen den Ansatz, Kapital nur in sogenannten „homöopathischen Dosen“ in unsere Unternehmen zu investieren, bis sie eine Größe erreicht haben, in der wir durch unsere Hilfestellung als Frühphaseninvestor keinen Mehrwert mehr bieten können. Durch die Öffnung von Netzwerken und der Einbringung unternehmerischen Engagements kann ein langfristiger und vor allem nachhaltiger Mehrwert erzielt werden.
Unsere Technologien können beispielsweise auch in humanitären Projekten eingesetzt werden. Im Falle unserer Flores Solar Water GmbH könnten deren Solarpanels in Entwicklungsländern kostenlos zur Trinkwassergewinnung zur Verfügung gestellt und damit ein richtiges Projekt gestartet werden. An einem solchen Vorhaben arbeiten wir z.B. gerade in Südafrika.
Thomas Schiffelmann: Venture Philanthropy, Corporate Social Responsibility, Impact Investing, Social Business oder einfach die klassische Spende: Für Investitionen in die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen gibt es heutzutage vielfältige Möglichkeiten. Dabei gilt es auch für Stiftungen stets die passende Strategie und eine darauf abgestimmte Finanzierungsform zu finden, um ihren Stiftungszweck zu verwirklichen.

DIE STIFTUNG: Welche Strategie verfolgen Sie konkret?
Schiffelmann: Handicap International stellt in ihrer Strategie Menschen mit Behinderung in den Mittelpunkt all ihrer Aktivitäten: Menschen wie zum Beispiel Kanha aus Kambodscha. Das aus einer Kleinbauernfamilie stammende Mädchen hat bei der Explosion eines Blindgängers ihr Bein verloren. Dank der langjährigen Expertise von Handicap International kann sie heute wieder aufrecht leben und zur Schule gehen. Wenn ihre Entwicklung weiterhin so positiv verläuft, kann Kanha später sogar eine Ausbildung absolvieren, einer Arbeit nachgehen und somit ihr eigenes Leben führen.“
Müller: Ähnlich wie Handicap International ihre Strategie im humanitären Bereich umsetzt, verfolgen wir diese beim Aufbau unserer Unternehmen. Wir bieten den Start-ups Hilfestellung beim Aufbau ihrer Strukturen und streben an, sie möglichst schnell auf eigene Beine zu stellen. Mit dem Thema Venture Philanthropy können wir uns als mic Gruppe identifizieren, da wir im Rahmen unserer Investments bzw. Beteiligungen einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Wir handeln nach dem Motto „Mehr als nur Kapital“, was bedeutet, dass wir in besonderem Maße intelligentes und soziales Kapital einbringen und damit versuchen, abseits der reinen Kapitalbeteiligung, einen konkreten Mehrwert in den Unternehmen zu schaffen. Wir unterstützen unsere Beteiligungen in allen Bereichen. Das beginnt bei der Fertigung, geht über den Vertrieb, Marketing, PR, Finanzen, Buchhaltung, Administration bis hin zur Begleitung bei der Akquisition von Wachstumskapital. Damit decken wir die komplette unternehmerische Bandbreite mit unserem Leistungsspektrum ab.

DIE STIFTUNG: Wie ist Ihre Positionierung am Markt?
Müller: Die mic Gruppe beteiligt sich als Technologieinvestor frühzeitig an aussichtsreichen Unternehmen, schwerpunktmäßig in den Wachstumsmärkten Big Data, Industrie 4.0, Infrastruktur- und Energiemanagement, Internet of Things, Wearable Technologies und Telemedizin. Mit unserem „Themen AG Modell“ verfolgen wir das Ziel, innovative und stark synergetisch zueinander wirkende Technologien aus den einzelnen Wachstumsmärkten zu bündeln. Mittels intelligenter Buy-and-Build Strategie bauen wir die einzelnen AGs (micData AG, mic sense AG, Wearable Technologies AG und Smarteag AG)  zu eigenständigen und schlagkräftigen Dachgesellschaften aus, wodurch sich im weiteren Verlauf spannende Optionen, wie idealerweise ein IPO, ergeben. Die mic Gruppe ist einer der wenigen echten Frühphaseninvestoren und unterstützt Unternehmen in einer Phase, in der es grundlegend darauf ankommt, sich strategisch richtig auszurichten und diese Strategie natürlich auch operativ umzusetzen.
Schiffelmann: Aufgrund der vielfältigen Erfahrungen hat Handicap International die Projekte für Menschen mit Behinderung weltweit ausgebaut. Von zwei französischen Ärzten gegründet, die kriegsverletzten Menschen in Kambodscha durch die Versorgung mit Prothesen und durch Rehabilitation eine langfristige Perspektive ermöglichten, ist Handicap International heute mit mehr als 300 Projekten in über 60 Ländern tätig. Die Aktivitäten beschränken sich mittlerweile nicht mehr nur auf die medizinisch-therapeutische Behandlung von Landminen-Opfern oder Schwerverletzten nach Naturkatastrophen. Vielmehr wird die gesamte Lebenssituation der Betroffenen in alle Maßnahmen mit einbezogen. Dazu gehört sowohl die psychologische Begleitung und Hilfe bei der sozialen Integration, als auch die organisatorische Unterstützung bei Selbsthilfeprojekten.

DIE STIFTUNG: Und welches Ziel verfolgen Sie in Ihren Investments konkret?
Schiffelmann: „Das Ziel ist zwar zum einen, den Anschub der Projekte durch Spendengelder zu finanzieren. Zum anderen sollen aber auch innovative und skalierbare Geschäftsmodelle entwickelt werden, die den Menschen mit Behinderung eine dauerhafte Zukunftsperspektive bieten. Wie beispielsweise der jungen Saint-Hélène in der haitianischen Hauptstadt Port-au Prince: Nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti musste der schwerverletzten jungen Frau das linke Bein amputiert werden. In einem Rehabilitationszentrum von Handicap International lernte sie, ihr Leben neu zu strukturieren und eine Zukunftsvision zu entwickeln. Mit einem Mikro-Kredit für einen Kühlschrank und einem Crashkurs in Buchführung gründete sie ihr eigenes Geschäft: Einen Kiosk samt kleinem Lebensmittelgeschäft, der sich mittlerweile einer sehr guten Nachfrage erfreut. Handicap International hat sie damit in ihre Selbstständigkeit und Autonomie erfolgreich begleitet.
Müller: Unser Ziel ist es, unsere Investments früher oder später zu kapitalisieren und diese Mittel für weitere Investments zu verwenden. So haben wir in den letzten 13 Jahren an die 40 Firmen aufgebaut.

DIE STIFTUNG: Was rechtfertigt Venture Capital auch für Stiftungen?
Schiffelmann: So wie Venture Capital-Geber in den Aufbau oder die Entwicklung von Unternehmen investieren, so investiert Handicap International weltweit in Menschen mit Behinderung. Als Kriterium für den Erfolg gilt neben der wirtschaftlichen auch die soziale Wirkung für die Gesellschaft, also ein Social Return on Investment. Es sind die Erfolgsgeschichten wie die von Kanha und Saint-Hélène, die Venture Capital auch für Initiativen, Ideen oder Projekte in Entwicklungsländern rechtfertigen. Solche Social Investments bietet Handicap International auch Stiftungen, damit Menschen mit Behinderung wieder aufrecht leben können.
Müller: Geld zu geben ist nur eine kurzfristige Lösung, denn der eigentliche Mehrwert liegt in der Ausbildung und dem „gewusst wie“- und das entspricht genau dem Ansatz, den wir als Plattform verfolgen und auch ermöglichen. Das kann von der Trinkwassergewinnung bis hin zum Aufbau der eigenen Firma alle Facetten haben. Wichtig ist jedoch immer, den Menschen eine Perspektive aufzuzeigen und dann im Rahmen einer Steuerungsfunktion dabei zu helfen das Ziel zu erreichen.

DIE STIFTUNG: Herr Schiffelmann, Herr Müller wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Kamrath.

 

Claus-Georg_MüllerClaus-Georg Müller begann seine Karriere nach seinem Abschluss als Dipl.-Ing. Elektrotechnik als Vertriebsingenieur bei Motorola Semiconductor. Als Gründer und CEO der ADVA AG führet er das Unternehmen 1999 als stärkstes IPO an die Börse (Neuer Mark). Durch seine langjährige Erfahrung als Entrepreneur wurde Herr Müller zum Initiator der mic GmbH, die im Jahr 2001 gegründet und deren Geschäftstätigkeit im Jahr 2006 auf die im Entry Standard der Frankfurter Wertpapierbörse gelistete mic AG übertragen wurde.
Die mic AG unterstützt junge Technologieunternehmen bereits ab der Ideenphase. Neben der Bereitstellung von Kapital, bietet sie ihren Beteiligungen umfassende Leistungen im operativen und strategischen Management. Durch die Einbindung in das stark synergetische Portfolio und das internationale Netzwerk, verhilft sie jungen High-Tech Unternehmen zu einer raschen und erfolgreichen Positionierung am Markt und begleitet sie bei der anschließenden Wachstumsfinanzierung.

 

Thomas_SchiffelmannThomas Schiffelmann ist Leiter Marketing von Handicap International in Deutschland mit Sitz in München und berät Stiftungen und Unternehmen in ihrem internationalen gesellschaftlichen Engagement. Der gelernte Diplom-Kaufmann ist zudem Fachautor und Dozent an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing sowie an der Frankfurt School of Finance & Management für Stiftungsmanagement.
Handicap International setzt sich weltweit in über 60 Ländern mit mehr als 300 Projekten für Menschen mit Behinderung ein. Die Programme fördern deren Autonomie und echte Integration in die Gesellschaft für ein aufrechtes Leben.

 

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