05.05.2015 | Von Die Stiftung

Mission Investing in den USA

Rein quantitativ sind bisher nur wenige Stiftungen im Kontext Mission Investing engagiert, auch in den USA. Doch gibt es in beiden Märkten einen dynamischen Trend und spannende Vorreiter, die erfolgreich Strategien umsetzen.

DIE STIFTUNG: Mission Investing in Deutschland und den USA – was ist in beiden Märkten vergleichbar, wie wird die Debatte zu diesem Thema geführt?
Dr. Ingeborg Schumacher: Es gibt eine klare Gemeinsamkeit: Rein quantitativ sind bisher nur wenige Stiftungen im Kontext Mission Investing engagiert. Auch in den USA nutzen momentan nur wenige Stiftungen den Vorteil von Mission-, Impact- und Sustainable oder Responsible Investment Strategien. Doch gibt es in beiden Märkten einen dynamischen Trend und spannende Vorreiter, die erfolgreich Strategien umsetzen.
Zudem klingen die Argumente für Mission Investing ähnlich: es geht darum, zusätzliche Instrumente zu nutzen, positiven Nutzen zu erzielen. Trotz dieser offensichtlichen Chancen sprechen in der Praxis Argumente gegen Mission Investing. John Powers von der Educational Foundation of America, der seit über 20 Jahren nachhaltige Investmentstrategien anwendet, sieht eine weit verbreitete Trennung zwischen der Anlagestrategie von Stiftungen und ihren stiftungszweckbezogenen und eher gemeinnützigen Zielen. Im Übrigen sind viele Vertreter von Finanzorganisationen im Stiftungsrat oder Anlagekomitee von Stiftungen primär auf kurzfristige Gewinnmaximierung geprägt und erkennen kaum die langfristigen Vorteile von Mission Investing, die zum langen Anlagehorizont der Stiftungen passen.

DIE STIFTUNG: Warum tut sich der Stiftungssektor in den USA leichter, MRI in die tägliche Anlagepraxis zu implementieren?
Schumacher: Es gibt gesetzliche Rahmenbedingungen, die eine Art von zweckkonformem Investieren unterstützen. Amerikanische Stiftungen müssen im Gegenzug zu ihrer Steuerbefreiung eine jährliche Ausschüttung von 5% ihres Vermögens zu Gunsten von gemeinnützigen Zwecken tätigen. Dafür werden nicht nur klassische Spenden zugelassen, sondern auch sogenannte Program-Related Investments (PRIs), die als Anlagen definiert werden. Diese stellen Kapital an non-profit oder kommerzielle Unternehmen zur Verfügung, um damit primär den Zweck der Stiftung zu unterstützen. Dabei muss nicht die Gewinnerzielung der Investition im Vordergrund stehen. Solche PRIs müssen zurückgezahlt werden, jedoch kann die Verzinsung auch unterhalb der üblichen Marktkonditionen erfolgen. Unter PRIs fallen viele Bankdienstleistungen wie Kredite, Bürgschaften, Spareinlagen oder die direkte Beteiligung an Organisationen oder sozialen Venture Gesellschaften. Viele Stiftungen sind zusätzlich in Mission Related Investments (MRI) investiert, die als Anlagestrategien bezeichnet werden, die eine positive ESG Wirkung anstreben, doch marktgerechte Renditen erwirtschaften. Sie können aus verschiedenen Anlagekategorien ausgewählt werden, fallen jedoch nicht unter die 5%-ige Ausschüttungsquote der Stiftungen.

DIE STIFTUNG: Haben US-Stiftungen beim MRI höhere Freiheitsgrade?
Schumacher: Wenn man Mission Investing im engeren Sinne im Segment der Impact Investments in den Fokus stellt, kommt den amerikanischen Stiftungen die generell höhere Erfahrung von amerikanischen Investoren im Bereich von Risikokapital zu Gute. Viele amerikanische institutionelle Investoren verfügen über eine wesentlich höhere Quote im Bereich alternativer Anlagen wie Private Equity. Damit sind sie nicht nur offener, höhere Risiken mit ihren Investments einzugehen, sondern verfügen auch über die entsprechenden Mechanismen, solche Anlagen zu prüfen und in eine Portfolioallokation zu integrieren. Zudem werden bei hiesigen Stiftungen immer wieder Probleme mit den Aufsichtsbehörden erwähnt, wenn sie mit Vergaben bzw. Investitionen in soziale Unternehmen auch Renditen erzielen und damit ihre Steuerbefreiung in Frage gestellt wird. Hier gilt es, die verschiedenen Akteure zu sensibilisieren und für die neuen Chancen im Kontext Mission Investing zu öffnen. Der Pilotfonds des Bundesverbands Deutscher Stiftungen hat hier viel Aufwand investiert, solche Hürden aufzuspüren und an der Lösung auftretender Probleme zu arbeiten.

DIE STIFTUNG: Welche Vorreiter kennen sie, von denen Stiftungen in Ihren Augen auch hierzulande lernen könnten?
Schumacher: Im letzten Jahr habe ich Interviews mit Stiftungen aus verschiedenen Ländern geführt, die als Pioniere im Kontext Mission Investing gelten können. Besonders beeindruckend fand ich die Heron Stiftung in New York. Sie plant während der nächsten fünf Jahre das gesamte Vermögen von über 270 Mio. USD zweckkonform zu investieren. Als Grundlage dafür hat Heron die Mitarbeiter in ein gemeinsames „Kapitaleinsatzteam“ organisiert, das sich sowohl um Vergaben wie auch Investitionen kümmert, anstelle von zwei getrennten Teams. Das neue Team führt jetzt Direktbeteiligungen in non-profit wie auch kommerzielle Unternehmen durch, die das Potenzial aufweisen, den Stiftungszweck zu unterstützen.

DIE STIFTUNG: Kann man ein paar Zahlen zu MRI in den USA nennen?
Schumacher: Es gibt von verschiedenen Organisationen Erhebungen zu einem klaren Trend zu Mission Investing. Das US Social Investment Forum hat in den regelmäßigen Erhebungen zu nachhaltigen Anlagestrategien auch ein erhöhtes Engagement von Stiftungen festgestellt. Nach Schätzungen des Council on Foundations sind um die 300 Stiftungen in Sustainable und Responsible Investing involviert. Selbst der Verband kleinerer Stiftungen (Association of Small Foundations ASF) berichtet, dass über 10% ihrer Stiftungen in einer Umfrage angaben, im Bereich Impact Investing involviert zu sein.
Das Center for Effective Philanthropy (CEP) sieht Signale eines steigenden Interesses von Stiftungen für nachhaltige Anlagen. Bei einer Befragung von 211 Stiftungen, die mehr als 5 Mio. USD an Vergaben durchführen, haben 70 berichtet, bereits Impact Investments durchgeführt zu haben, fast 50 planten entsprechende Investments. Mit der Initiative More for Mission Campaign haben sich 96 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von 38 Mrd. USD zusammengeschlossen, dies stellt ein gewaltiges Potential für Mission Investments dar, denn momentan sind nur kleinere Anteile dieser Vermögen zweckkonform investiert.

DIE STIFTUNG: Wie muss man sich den Markt für MRI-Produkte in den USA vorstellen
Schumacher: Bei der Beschreibung des „Marktes“ ist genau abzugrenzen, welche Strategie angewendet wird. Wenn sich einige Stiftungen durch Hinweise aus ihrem Netzwerk und entsprechenden Fachkompetenzen als aktiver Aktionär engagieren, betrifft dies keine Anlageprodukte, sondern strategische Allianzen, die zu anderen Investoren oder thematisch sensibilisierten Asset Managern geschlossen werden. Solange sich die Mission Investments in konventionellen Anlageprodukten bewegen, kommen nachhaltige Anlageprodukte zum Tragen, die auch von anderen Investoren ausgewählt werden. Im Markt der expliziten Impact Investments, die häufig in alternativen Anlagekategorien anzutreffen sind, gibt es weniger Investoren, neben Stiftungen sind häufig auch HNWI-Investoren involviert. Die Rockefeller Stiftung hat sich vor einigen Jahren engagiert, durch die Unterstützung des Global Impact Investing Networks eine höhere Transparenz im Impact Investing zu schaffen. Mit einer zentralen Datenbank können Stiftungen jetzt gezielter nach Impact Investments suchen, die zur Organisation und zum Stiftungszweck passen. Durch diese Erleichterung bei der Implementierung können zumindest operative Barrieren reduziert werden. Weitere Fortschritte für Mission Investing ergeben sich sukzessive durch die bessere Bekanntheit des Anlagestils und einer besseren kulturellen Verankerung bei den verantwortlichen Finanzchefs der Stiftungen.

DIE STIFTUNG: Frau Dr. Schumacher, vielen Dank für diesen Einblick in den amerikanischen Mission Investing-Markt.
 

Ingeborg SchumacherDr. Ingeborg Schumacher-Hummel verfügt über mehr als 19 Jahre Erfahrung im Bereich Nachhaltiger Geldanlagen. Im letzten Jahr hat sie bei J. Safra Sarasin ein Kompetenzzentrum für Stiftungen aufgebaut, um Stiftungen umfassend zu beraten und Angebote im Kontext von Mission Related Investing zu entwickeln. Zudem wirkt sie seit der Gründung des Forums Nachhaltige Geldanlagen im Vorstand mit und hat vor einigen Jahren die Arbeitsgruppe FNG Dialog gegründet, mit der regelmäßige Veranstaltungen in Zürich zum Thema Responsible Investing organisiert werden.

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