04.09.2020 | Von Die Stiftung

Nachhaltig hinschauen

Stiftungen wollen ökologisch und ethisch korrekt investieren – bei der Auswahl können sie Berater, Siegel und Ratingagenturen nutzen. Noch besser wird es, wenn sie die zugrundeliegenden Bewertungsparameter verstehen. Von Stefan Preuß

Nachhaltigkeit
An Schlagwörtern herrscht beim Fondsvertrieb kein Mangel. Doch Investoren, die es mit der Nachhaltigkeit ernst meinen, sollten sich die Systematik genau anschauen. Foto: irsak – stock.adobe.com

„Stiftungen sind per se Nachhaltigkeitsakteure“, weiß Berenike Wiener von der Evangelischen Bank. Aber nicht überall, wo Nachhaltigkeit draufsteht, ist auch Nachhaltigkeit drin. Das zwingt Stiftungen, genau hinzusehen und zu prüfen.

Stiftungen als gewichtige Kundengruppe für Fondsanbieter und Vermarkter von Direktinvestitionen sorgen zusammen mit Pensionskassen und Versorgungswerken für Nachfrage nach einschlägigen Produkten. Das führt dazu, dass neben wirklich nachhaltigen Produkten auch Investments angeboten werden, die die bekannten Schlagwörter von „Sustainable“ über „Impact“ bis „Fair“ oder Abkürzungen wie ESG und SDG aus Marketing- und Vertriebszwecken in die Fondsnamen einsetzen, ohne diese Versprechen zu halten.

Nachhaltigkeit rückt immer mehr in den Mainstream

Die Situation dürfte sich kurzfristig verschärfen, denn nachhaltige Anlagen rücken immer mehr in den Mainstream, wenn schon Blackrock-CEO Larry Fink im Brief an die Aktionäre feststellt, dass nachhaltige Investitionen fürderhin die zentrale Antwort des Konzerns auf die Herausforderungen der Zukunft sein werden. ESG-Integration sei dabei keine triviale Investmentstrategie, warnen die Autoren der aktuellen Marktanalyse des Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG): „Sie in das gesamte Kerngeschäft eines Assetmanagers zu implementieren ist ein komplexer Vorgang, der sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und verschiedene Unternehmensbereiche und -prozesse betrifft.“ Aus der Sicht des FNG zeichnet sich die Qualität von ESG-Integration inhaltlich durch die fünf Handlungsfelder Policies, Prozesse, Reporting, Coverage und Wirkung aus. Folgt man dieser Argumentation, sind Stiftungen einstweilen bei Unternehmen besser aufgehoben, die bereits seit Jahren oder besser Jahrzehnten und umfassend nachhaltige Themen verfolgen.

„Nachhaltiges Investment hat immer etwas mit Vertrauen zu tun“ Thomas Erdle, Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds

Das muss nicht heißen, dass Newcomer ohne einschlägigen Track-Record nicht auch seriöse und attraktive Nachhaltigkeitsangebote machen könnten – sicherer dürfen sich Stiftungen natürlich bei Anbietern fühlen, die mit kirchlichem, genossenschaftlichem und sozialpolitisch engagiertem Hintergrund die sozial-ökologische Form der Geldanlage quasi mitentwickelt haben. „Nachhaltiges Investment hat immer etwas mit Vertrauen zu tun“, bestätigt Thomas Erdle, Geschäftsführer des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds, „und da fühle ich mich zum Beispiel bei einer kirchlichen Bank doch ganz gut aufgehoben“.

Die Komplexität der Bewertung hat schon früh eine von der Verbraucherzentrale Bremen in Auftrag gegebene Untersuchung verdeutlicht, im Rahmen derer konventionelle Fonds mit Nachhaltigkeitsprodukten verglichen wurden. Es zeigte sich, dass die Bewertung der Nachhaltigkeit auf mehreren Ebenen vorgenommen und insbesondere indirekte Treibhausgasemissionen berücksichtigt werden müssen. Basierend auf dem Standard des Greenhouse Gas Protocols wurden bei der vorgestellten Klima-Analyse die direkten und die indirekten Treibhausgasemissionen der Unternehmen vollständig berücksichtigt. „Dabei werden drei sogenannte Scopes unterschieden: Treibhausgasemissionen aus dem operativen Geschäft (Scope 1), aus zugekaufter Elektrizität und Wärme (Scope 2) sowie aus der Wertschöpfungskette und dem Nutzungszyklus der entsprechenden Produkte und Dienstleistungen (Scope 3)“, so die Untersuchung.

Nur eine ehrliche Klimabilanz hilft weiter

Insbesondere die Ebene der Wertschöpfungskette und des Nutzungszyklus ist wichtig, um die Treibhausgasemissionen eines Unternehmens vollständig und umfassend zu ermitteln. So müssten beispielsweise bei der Erstellung einer „ehrlichen“ Klimabilanz für eine Bank ebenfalls die Klimaauswirkungen der vergebenen Kredite berücksichtigt werden. In der Klimabilanz eines Autoherstellers muss auch der Treibhausgasausstoß berücksichtigt werden, der während der Lebensdauer der produzierten Autos entsteht sowie bei deren Entsorgung.

„Für die große Zahl der Stiftungen ohne eigenes professionelles Kapitalmanagement bietet sich ein Investment in nachhaltige Fonds an“, befindet Frank Ackermann, Geschäftsführer der SDG Investment GmbH. Er sieht eine gute Orientierung durch das FNG-Siegel, das nach strengen Kriterien nur an Nachhaltigkeitsfonds vergeben wird. „Das sind in Deutschland inzwischen mehr als 100 Fonds“, verweist er auf die mittlerweile stattliche Auswahl. Interessante Möglichkeiten seien auch Anleihen deutscher Emittenten mit eindeutig nachhaltigen Geschäftsmodellen. Als Beispiele nennt Ackermann die Deutsche Lichtmiete oder das Bike-Sharing-Unternehmen Nextbike.

Für Berenike Wiener, die den Bereich Nachhaltige Finanzen bei der Evangelischen Bank leitet, gibt es inzwischen viele hilfreiche Plattformen, die die Orientierung für Stiftungen erleichtern. „Zu nennen wären etwa der Bundesverband Deutscher Stiftungen, CSSP, das Forum Nachhaltige Geldanlage und andere.“ Aus ihrer Sicht ist es für Stiftungen unerlässlich, sich intensiv mit dem Themenfeld nachhaltiger Investments zu beschäftigen und dann eigene Kriterien zu entwickeln. „Kleinere Stiftungen ohne umfangreiche personelle Ressourcen werden aber weiterhin auf seriöse, vertrauenswürdige Nachhaltigkeitsexpertise angewiesen sein.“

„ESG-Datenanbieter geben nur selten Informationen darüber hinaus, wie sie zu ihren Scoring-Methoden gekommen sind.“ Rupini Deepa Rajagopalan, ESG-Leiterin bei Berenberg

Das bestätigt Erdle, wenngleich der Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds mit 300 Einzelstiftungen alles andere als klein ist: „Wir arbeiten bereits seit mehr als 15 Jahren mit einem Berater zusammen, da ist zwischenzeitlich viel Vertrauen entstanden.“ Die Stiftung mit historisch gewachsenem großem Immobilienbestand und Grundbesitz etwa in Form von Ackerflächen versucht vor allem mit Direktinvestitionen den Anteil der ESG-Vermögensanlage zu erhöhen. Dabei, so Erdle, habe man auch schlechte Erfahrungen gemacht, konkret mit Engagements vor Börsengängen im Bereich der regenerativen Energieerzeugung. Die Unternehmen hätten nachhaltige Geschäftsideen vermarktet, aber nicht verfolgt – man habe sich deshalb von solchen Engagements wieder verabschiedet. Stattdessen investiert die Stiftung direkt in Photovoltaikanlagen und verpachtet gerne Flächen für Windräder: „Das garantiert Einnahmen, die durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) abgesichert sind.“

„Fehlende Transparenz bei ESG-Datenanbietern“

Rupini Deepa Rajagopalan, ESG-Leiterin bei Berenberg, sieht in der Bewertung durch Agenturen und der Vergabe von Siegeln prinzipiell einen hilfreichen Weg, warnt aber vor unkritischem Vertrauen: „Es gibt viele Anbieter von ESG-Daten, die mit vielen verschiedenen Methoden arbeiten. Allerdings geben diese ESG-Datenanbieter nur selten Informationen darüber hinaus, wie sie zu ihren Scoring-Methoden gekommen sind. Hier fehlt es den ESG-Datenanbietern an Transparenz.“ Die grundsätzliche Bedeutung und der Nutzen des ESG-Scoring seien unbestreitbar, die Methoden dahinter aber bisweilen fehlerhaft. Es würden Unternehmen, die viele Daten veröffentlichen, mit positiven Scorings belohnt, ohne zu untersuchen, was tatsächlich offengelegt wird. „Es ist also die Quantität, die vielfach einzig zählt. Das zeigt sich etwa auch daran, dass bei großen Unternehmen die Qualität der Informationen abnimmt, je tiefer man in die Daten reingeht.“ Um wirklich nützliche Daten zu finden, aufgrund derer man fundierte Entscheidungen über das potentielle Wachstum des Unternehmens unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit treffen kann, sei deshalb sehr viel mehr Arbeit nötig, als sich nur die Informationen der Datenanbieter anzusehen.

Wichtig ist dabei aber, die Systematik hinter dem Rating zu verstehen. Das ist nicht so einfach, denn wie bei Kreditratings geben auch Nachhaltigkeitsagenturen Kriterien nicht vollumfänglich preis. Lediglich die grundlegenden Systematiken sind bekannt, etwa die Zuordnung von Umsätzen zur Erfüllung bestimmter SDGs, die Klassifizierung von Investmentthemen für deren Tauglichkeit zur Beförderung der SGDs oder die Vergabe von Punkten für Risikomanagement, Engagement, Berichterstattung oder Voting zur Einordnung in ein Ranking. Stiftungen müssten sich daher „unbedingt einen soliden eigenen Wissensstand über nachhaltiges Investieren aneignen“, sagt Wiener. „Und dann fragen, fragen, fragen.“

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