Vorwürfe von Greenwashing erschüttern das Vertrauen von Investoren in nachhaltige Produkte. Die aktuelle Situation und Ansätze zu echter Nachhaltigkeit waren Thema auf dem Berenberg Stiftungstalk in Hamburg mit Roland Kölsch, Geschäftsführer der Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen, und Bernd Deeken, Portfoliomanager der nachhaltigen Anlagestrategien bei Berenberg.

Die jüngste Berenberg-Umfrage von Investoren zu ihren Einstellungen zu ESG-Themen zeigt, dass die Nachfrage nach ESG-Investments weiter wächst. Viele Investoren fragen sich, wie sie das Thema Nachhaltigkeit bestmöglich in ihrem Portfolio umsetzen können.

Die Auswahl der Angebote ist groß. Doch damit einher gehen auch zwei Probleme. Zum einen fällt es Anlegern bei der Flut an Produkten oft schwer, den Überblick zu behalten. Zum anderen: Es gibt keine einheitlichen Standards für nachhaltige Investitionen.

Suche nach dem passenden Ansatz

Worauf sollte man also bei der nachhaltigen Geldanlage achten? Die klassische und auch älteste Variante ist etwa die Definition von „ethischen bzw. moralischen Grenzen“. Entsprechend werden Unternehmen, die zum Beispiel aus der Tabak- oder Rüstungsindustrie stammen, in der Anlageentscheidung nicht berücksichtigt. Der Ausschluss von bestimmten Industrien ist jedoch nur ein Teilschritt zur nachhaltigen Geldanlage. ESG-Kriterien, also die Einhaltung bestimmter ökologischer, ethischer und sozialer Standards (Environmental, Social, Governance) sind sowohl in Unternehmen als auch in der Finanzindustrie inzwischen international etabliert. Die Anwendung dieser Kriterien bringt zum Ausdruck, wie Unternehmen ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte in die Unternehmensentscheidungen einbeziehen.

„Es gibt viele Nachhaltigkeitsagenturen, die etwa täglich Hunderte bekannt werdende Kontroversen verarbeiten und eine Vielzahl an Daten analysieren. Der Unterschied ist, dass diese spezialisierten Expertenorganisationen jeweils eine eigene, individuell konsistente Methodik haben, um zu ihren Schlussfolgerungen zu kommen. Objektivität ist hier nicht leistbar. Da dieselben Aspekte oft unterschiedlich bewertet werden, kommt es – gerade wenn noch Einschätzungen von NGOs dazukommen – häufig zu sehr gegenläufigen Darstellungen von ‚Schmutzquoten‘ oder verbotenen Titeln in ein und demselben Fonds“, erläutert Kölsch.

„Die ESG-Agenturen kommen nicht selten zu unterschiedlichen Einstufungen über die Nachhaltigkeit einzelner Unternehmen.“

Roland Kölsch, Geschäftsführer der Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen

Auch in der Politik wird schon lange über eine einheitliche Definition diskutiert. Einen ersten Ansatz gibt es inzwischen auf EU-Ebene. Im Dezember 2019 einigten sich die Mitgliedstaaten auf die sogenannte EU-Taxonomie. Die EU hat hierbei Wirtschaftsaktivitäten von sechs Umweltthemen definiert. Für mehr Transparenz, Messbarkeit und Vergleichbarkeit soll die sogenannte Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation SFDR) sorgen. Dabei werden Finanzprodukte in drei verschiedene Kategorien – nach Artikel 6, 8 oder 9 der EU-Offenlegungs-Verordnung eingestuft. Grundsätzlich unterscheiden sich die drei Transparenz-Kategorien durch die Art des Umgangs mit Nachhaltigkeitsfaktoren bzw. -risiken des Produkts sowie deren Bewerbung bzw. Förderung. Dazu gelten je nach Artikel unterschiedliche Standards bei der Investition und damit einhergehend sind ergänzende Informationen zu veröffentlichen. Allerdings zeige die Offenlegungsverordnung nur, wie transparent ein Fonds ist. „Ob die Anlagen wirklich z.B. dem Klima helfen, muss sich erst noch beweisen“, sagt Kölsch. Die Frage ist also, inwieweit nachhaltige Investments tatsächlich zu einer besseren Welt beitragen.

Rahmenwerk für verschiedene Anlagestile

In Zeiten von Greenwashing und einer doch recht verwirrenden Lage der bislang nicht ineinandergreifenden verschiedenen Teil-Regulatoriken zu Sustainable Finance ist das Herunterbrechen der ganzen Komplexität, die die Nachhaltigkeit einer Geldanlage mit sich bringt, in Form einer einfachen Wiedererkennbarkeit für Anlegende enorm wichtig. „Es gibt verschiedene Definitionen, Rahmenwerke und Annäherungsweisen mit entsprechenden Methodiken. Hier Leitplanken zu setzen und vor allem Sparring-Partner für eine zielgerichtete Umsetzung zu sein, macht es nötig, Standards zu setzen“, so Kölsch. „Dies jedoch nicht mit bevormundenden normativen Maßnahmen. Sondern vielmehr mit einem Rahmenwerk, dass es ermöglicht, die jeweiligen Anlagestile mit ihren Besonderheiten und Überzeugungen der jeweiligen Produktanbieter prüfend und differenzierend bewerten zu können“, erläutert Kölsch.

Einen ganzheitlichen Ansatz bietet das FNG-Siegel. „Die gesamte Methodik versucht das zu greifen, was ein Investor, Pensionskasse oder Stiftung auch fragen würde. Wir versuchen über Ausschlusskriterien, Engagement, Reportings, Sektoransätze, Kontroversenmonitoring, Investmentprozesse und ähnliches möglichst viele Informationen zu sammeln, um eine ganzheitliche Aussage zu treffen. Dabei geht es im Grunde eher um das ‚Wie‘ als um das ‚Was‘. Unser Ansatz ist also sehr prozessorientiert. Das hat auch damit zu tun, dass die ESG-Agenturen nicht selten zu unterschiedlichen Einstufungen über die Nachhaltigkeit einzelner Unternehmen kommen, was keine Kritik ist, sondern in verschiedenen Herangehensweisen begründet ist“, so Kölsch.

Das FNG-Siegel ist dabei in zwei Elemente aufgeteilt: „Wir haben einerseits einen Mindeststandard gesetzt. Wenn bei einem Fonds gewisse Mindestausschlusskriterien, ein Maß an Transparenz und eine explizite Nachhaltigkeitsstrategie vorhanden sind, dann ist das für uns kein Greenwashing. Wichtiger ist das zweite Element, das die gesamte Infrastruktur des Fonds analysiert. Kölsch arbeitet hier mit der Universität Hamburg zusammen. Die Due-Diligence leistet ein externes eigenverantwortliches Prüfteam. Zusätzlich begleitet ein unabhängiges Komitee mit interdisziplinärer Expertise den Prüfprozess. „Die Wissenschaft gibt uns nicht nur das intellektuelle Rüstzeug, sondern vielmehr eine Methodenkompetenz an die Hand. Aber eines ist auch klar: Dieses Verfahren wird sicherlich nicht 100-prozentig Greenwashing vermeiden“, sagt Kölsch.

„Im Berenberg Wealth und Asset Management betrachten wir ESG-Aspekte als einen der wichtigsten Faktoren für unsere Anlageentscheidungen.“

Bernd Deeken, Portfoliomanager der nachhaltigen Anlagestrategien bei Berenberg

Doch wie lassen sich ESG-Kriterien nachvollziehbar und authentisch im Portfolio umsetzen? „Im Berenberg Wealth und Asset Management betrachten wir ESG-Aspekte als einen der wichtigsten Faktoren für unsere Anlageentscheidungen“, sagt Bernd Deeken, Portfoliomanager der nachhaltigen Anlagestrategien bei Berenberg. „Wir haben erkannt, dass die Integration von ESG unser Portfoliomanagement dabei unterstützt, Risiko und Rendite angemessen zu analysieren.“

Im Berenberg Wealth und Asset Management sind das ESG-Office und das ESG-Komitee für die Entwicklung, Umsetzung und Kontrolle der ESG-Strategie verantwortlich. Das ESG-Office ist für die ESG-Strategie und -Integration verantwortlich, überprüft die Einhaltung der festgelegten Standards und ist für den internen Wissensaufbau zu ESG-Themen zuständig. Innerhalb seiner Zuständigkeitsbereiche arbeitet das ESG-Büro eng mit allen relevanten Teams innerhalb des Berenberg Wealth und Asset Managements zusammen.

Das ESG-Komitee bildet das ESG-Governance- und Aufsichtsgremium innerhalb des Berenberg Wealth und Asset Managements und kommt mindestens vierteljährlich zusammen. Es überprüft die Fortschritte der ESG-Aktivitäten und diskutiert deren Weiterentwicklung unter Berücksichtigung aktueller Trends sowie regulatorischer Änderungen im Markt. Zu den zentralen Aufgaben des ESG-Komitees gehören die Überarbeitung und endgültige Genehmigung der ESG-Richtlinien. Darüber hinaus überprüft das Komitee unsere aktiven Eigentumsaktivitäten.

Um kontroverse Geschäftsbereiche oder problematische Geschäftspraktiken zu vermeiden verwendet Berenberg ESG-Ausschlusskriterien. Im Anschluss geht es in die Detailanalyse in Bezug auf fundamentale und ESG-Faktoren. Neben den entsprechenden Risiken wird auch ein starker Fokus auf positive Faktoren gelegt, die die Qualität und die langfristige Ertragskraft des Unternehmen begünstigen, wie etwa eine gute Unternehmensführung. Zusätzlich zum eigenen Research nutzt Berenberg externe ESG-Daten, um das Nachhaltigkeitsprofil von Unternehmen und Emittenten zu bewerten. „Wir sind bestrebt, im Rahmen eines umfassenden ESG-Anlageprozesses wesentliche Faktoren zu identifizieren, die für bessere Anlageentscheidungen essentiell sind“, erläutert Deeken.

Intern werden ESG-Themen diskutiert und dabei auf eine Kultur der unterstützenden Zusammenarbeit zwischen allen Teams gebaut. „Dieser offene Dialog zwischen unseren Investment- und ESG-Fachleuten im ESG-Office sowie im ESG-Komitee ermöglicht es uns, ihre Branchenerfahrung und ihr Wissen in unseren ESG-Ansatz zu integrieren und diesen kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu stärken“, erklärt Deeken.

Im Dialog mit den Unternehmen

Aktive Dialoge mit Unternehmen sind für Berenberg eine wichtige Säule, um ein besseres Verständnis für das Nachhaltigkeitsprofil zu erhalten und auch Veränderungen im Unternehmen voranzutreiben. Als langfristiger Investor kann Berenberg gezielt kritische Themen ansprechen und das Unternehmen auf dem Weg zu einem nachhaltigeren Geschäftsmodell unterstützen. Dabei tritt Berenberg nicht immer alleine in den Dialog. „Die Teilnahme an Branchen- und Investoreninitiativen ist für uns wichtig, um uns mit anderen Investoren und Unternehmen auszutauschen, uns gemeinsam ‚mit einer Stimme‘ zu engagieren und letztlich einen positiven Wandel zu unterstützen“, sagt er. „Wir beteiligen uns an übergreifenden Initiativen wie den Principles for Responsible Investment (PRI) der Vereinten Nationen und dem International Corporate Governance Network (ICGN), unterstützen aber auch Initiativen, die sich mit spezifischen Aspekten eines nachhaltigen Unternehmens befassen, wie die KnowTheChain-Initiative und die Access to Medicine Foundation.“

Das Berenberg ESG-Office und das Portfoliomanagement bilden eine gemeinsame Einheit in der Generierung, Weiterentwicklung, Umsetzung und Überwachung der Nachhaltigkeitsziele. „Durch klare Werte, umfangreiche Analysen und einen aktiven Dialog, treffen wir langfristig nicht nur bessere Anlageentscheidungen, sondern kommen unserer Verantwortung als Vermögensverwaltung in Bezug auf Nachhaltigkeit nach“, resümiert Deeken.

Stefan Duus
Wealth Management
Leiter Kompetenzteam Stiftungen & NPOs
Berenberg
E-Mail

 

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