In den vergangenen Jahren hatten öffentlich-rechtliche Institutionen und Stiftungen enorme Herausforderungen zu bewältigen. Sie mussten ihre Kapitalanlage im Spannungsfeld zwischen ihren originären Aufgaben, dem Niedrigzinsumfeld sowie geänderter Risikoeinschätzungen gestalten.

Während der Coronapandemie kamen neben der Aufrechterhaltung der eigenen Strukturen und dem schnelleren Ausbau der Digitalisierung auch große finanzielle Herausforderungen auf öffentlich-rechtliche Institutionen zu. Steuereinnahmen drohten einzubrechen, Hilfszahlungen und die Kosten für die Pandemiebekämpfung zu explodieren.

Im Februar 2022 dann der nächste Schock: Der Beginn des Krieges in der Ukraine. Damit einher gingen teils extreme Preissteigerungen im Energie- und Lebensmittelsektor, gefolgt von Inflationsraten, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben.

Enges Korsett

Die bis dato gut gefüllten Kassen vieler Städte, Gemeinden und Landkreise sowie anderer öffentlicher Einrichtungen wie Universitäten oder öffentlich-rechtlicher Stiftungen boten zwar ein gewisses Polster, wurden jedoch häufig aufgrund einer sehr restriktiven Risikoeinschätzung nicht angelegt. Aufgrund des Niedrigzinsniveaus bzw. der meist obligatorischen Verwahrgebühren verloren sie in der Folge an Wert.

„Viele der Verantwortlichen im Bereich Finanzen fühlen sich allein gelassen.“

Trotz des mittlerweile gestiegenen Zinsniveaus erschweren die anhaltenden Negativzinsen sowie eine erneute Reform der Einlagensicherung und Insolvenzen einiger Kreditinstitute die Situation zusätzlich. Auch ein seitens einiger Träger, zum Beispiel dem Bund oder der Länder, vorgegebenes, teils sehr enges Korsett für die Vermögensanlage stellt die Institutionen vor weitere Probleme.

Häufig gibt es jedoch keinerlei konkrete gesetzliche Vorgaben oder zentrale Eckpunkte für die Kapitalanlage öffentlich-rechtlicher Institutionen: Die Sicherheit der Anlage soll „ausreichend“ sein, der Ertrag „angemessen“ und die Verfügbarkeit „rechtzeitig gegeben“. Das ist eigentlich immer der Tenor von Kapitalanlagen im öffentlichen Sektor!

Aber was bedeutet das eigentlich konkret? Wie sollte eine „gute“ Kapitalanlage aussehen und wer ist am Ende für das Ergebnis verantwortlich?

Angst vor Entscheidung

Viele der Verantwortlichen im Bereich Finanzen fühlen sich allein gelassen. Sie treffen lieber gar keine Anlageentscheidung aus Angst, das Risiko nicht richtig einschätzen zu können und fürchten möglicherweise negative Konsequenzen. So hört man immer wieder das Zitat: „Für gute Ergebnisse wird man leider nicht gefeiert, für schlechte jedoch umgehend zur Rechenschaft gezogen.“

Das ist sicherlich auch ein Grund, warum nach wie vor viele öffentlich-rechtliche Institutionen und Stiftungen über keine bindende oder aktuelle Anlagerichtlinie verfügen. Dazu kommt häufig, dass für einige Bereiche wie das kurzfristige Liquiditätsmanagement, die langfristigen Pensionsverpflichtungen oder die über eine solche Institution gehaltene Stiftung unterschiedliche Richtlinien erlassen werden müssten. Nicht nur bei den Richtlinien, sondern auch bei den Lösungen gibt es eine große Bandbreite: von reinen Tages- und Festgeldern über Anleihen bis hin zu Aktien, Währungen und Rohstoffen. Unterschiedliche Anlagerichtlinien erfordern individuelle Ansätze. Diese bedingen jedoch, dass man sich damit auseinander setzt und sie im Vorfeld einer konkreten Erstellung oder Beschlusses professionell vorbereitet und bespricht.

Die öffentlich-rechtliche Geldanlage unterscheidet sich eben erheblich von denen privater oder sonstige institutioneller Anleger – teilweise schon deshalb, weil die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel im Jahresverlauf erheblich schwanken können. Neben den mittel- bis langfristig zur Verfügung stehenden Volumina und einem festen Liquiditätssockel gibt es häufig auch rollierende Gelder; diese füllen zu bestimmten Terminen die Kasse, werden dann aber nach und nach wieder verfügt und müssen jederzeit liquidierbar sein. Neben der Finanzierung laufender Ausgaben sind das vor allem zukunftsweisende Investitionen in Infrastruktur, die Sicherung der Pensionsverpflichtungen, aber nicht zuletzt auch die Erfüllung von Stiftungsaufgaben.

Viele Verantwortliche erkennen, dass aufgrund der aktuellen politischen sowie derzeitigen Kapitalmarktsituation dringender Handlungsbedarf besteht und suchen das Gespräch und einen professionellen Austausch.

Diversifizierung bleibt das A und O

Welche sind nun die bevorzugten Investments? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Zu unterschiedlich sind die Finanzausstattung und die Anforderungen und zu individuell die Auf- oder Ausgaben. Aber es gibt Trends. Die Beurteilung von Risiken verändert sich. So sieht man aktuell, dass auch vermeintlich sichere Anleihen im Umfeld steigender Zinsniveaus durchaus Risiken mit sich bringen. Daher ist eine breite Diversifizierung in der Anlage nach wie vor das A und O.

Ganz gleich, für welche Strategie man sich entscheidet: Elementar ist die vorherige ausführliche Diskussion innerhalb der Gremien und mit einem Anlageberater über Risiken und Chancen und zu guter Letzt auch ein aktives Management.

Andrea Wirges
Direktorin
Institutionelle Anleger,
Bethmann Bank
Kontakt

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