Der Wunsch, sich gemeinnützig zu engagieren, ist für viele Stifter der erste Impuls auf dem Weg zur Gründung. Es empfiehlt sich, einige Erfahrungswerte zu berücksichtigen, damit das Herzensanliegen Erfolg hat.

Als ich mich Ende der 1980er Jahre zum ersten Mal mit dem Thema Stiftungen befasste, wurden in Deutschland jährlich 181 gemeinnützige rechtlich selbstständige Stiftungen errichtet. In den Folgejahren war ein rasanter Anstieg zu verzeichnen – bis zum Rekordjahr 2007 mit 1.134 Neugründungen. Danach folgte ein sukzessiver Rückgang, teilweise um mehr als 50 Prozent, wie die Daten des Bundesverbands Deutscher Stiftungen zeigen*. Diese Entwicklung hatte gute Gründe: Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten „Stiftungsgespräche“ mit Kunden. Der Gedanke, sich gemeinnützig zu engagieren, entstand meist bei der Nachfolgeplanung und mündete häufig in der Entscheidung, im Erbfall eine Stiftung mithilfe eines Testamentsvollstreckers zu errichten. Mitte der 1990er Jahre haben Stiftungsexperten  – durchaus zu Recht – propagiert, eine Stiftung schon zu Lebzeiten zu gründen, auch wenn die volle Ausstattung erst sukzessive erfolgen sollte. So erfuhren die Stifter, ob die von ihnen errichtete Stiftung in der täglichen Arbeit funktionierte, um bei Änderungsbedarf Anpassungen an der Satzung vorzunehmen. Die potenziellen Philanthropen konnten damals schon mit einem geringen Kapitaleinsatz starten. Einige rechtlich selbständige Stiftungen wurden mit einem Anfangskapital von nur 50.000 Euro gegründet – das funktionierte auch: Die Kapitalerträge waren dank hochverzinslicher Anleihen hoch, die Kosten niedrig, da die Stifter meist selbst und ehrenamtlich tätig waren. Auch die Aufsichts- und Finanzbehörden ermöglichten eine zügige und reibungslose Errichtung solcher Stiftungen; der Weg von der Idee zur Stiftung war daher meist schnell gegangen.

Stiftungsboom und Rückgang

Diese Gegebenheiten lösten in den 1990er Jahren einen – auch von den Stiftungsaufsichtsbehörden gern gesehenen – regelrechten Stiftungsboom aus und führten zu einem regelrechten Wettbewerb zwischen den einzelnen Länderbehörden. Die immer zahlreicheren Neugründungen waren deshalb keine Überraschung. Der nachfolgende Rückgang ließ aber auch nicht lange auf sich warten, denn es stellte sich bald heraus, dass viele neu gegründete Stiftungen, vor allem bei geringer Kapitalausstattung, in eine unsichere Zukunft manövrierten: Die andauernde Niedrigzinsphase war dabei nur eine von vielen Ursachen. Das Kapital, das die Stifter als Aufstockung zugesagt hatten, floss oft nicht wie geplant: Gerade bei Ehepaaren bemerkte ich, dass der überlebende Partner die Begeisterung an der Stiftung verlor – oder nie hatte – und das gesamte Erbe an andere Begünstigte ging. Auch bei der Verwaltung der Stiftungen traten Probleme auf, weil die Stifter selbst nicht mehr aktiv mitwirken konnten und designierte Nachfolger nicht zur Verfügung standen oder nicht bereit waren, mit demselben unentgeltlichen Einsatz wie die Stifter zu agieren.

Gemeinnützigkeit im Fokus

Wenn ich heute in ein philanthropisches Beratungsgespräch gehe, steht natürlich der Gedanke meiner Gesprächspartner im Fokus, sich gemeinnützig engagieren zu wollen. Um herauszufinden, welche Anliegen die Stifter besonders berühren, welche Ziele mit ihrem Vorhaben erreicht und wie diese Ziele verwirklicht werden sollen, nutzen wir einen „Spendenplan“. Damit können auch weitere Fragen geklärt werden, wie: Reichen das der Stiftung zur Verfügung stehende Vermögen und die erzielten Erträge aus, eine rechtlich selbstständige Stiftung zu gründen und sie vor allem „am Leben zu erhalten“? Denn dem Rückgang der Kapitalerträge stehen immer höhere Kosten gegenüber; gerade der Verwaltungsaufwand ist in den vergangenen Jahren nachweislich gestiegen und kann mit ehrenamtlichem Einsatz meist nicht mehr bewältigt werden. Ist auch die Verwirklichung des Zwecks aufwändig gestaltet oder das Stiftungsvermögen diversifiziert, muss dies bei der Kapitalausstattung nachhaltig berücksichtigt werden. Ich erachte mittlerweile eine Mindestausstattung von drei bis fünf Millionen Euro als notwendig, um eine dauerhaft bestehende, rechtlich selbstständige Stiftung zu gründen. Auch wichtig zu klären: Wer wird den Stiftern nachfolgen? Gerade bei Stiftungen mittlerer Größe stellt sich die Herausforderung, geeignete Geschäftsführer oder Gremienmitglieder zu finden, die bereit sind, viel Zeit und Arbeit in eine Stiftung zu investieren, ohne dafür wie in der freien Wirtschaft honoriert zu werden.

Die richtige Lösung

Nicht zuletzt sollten sich die Stifter fragen: Ist eine eigene Stiftung wirklich die richtige Lösung für unser geplantes Vorhaben? Und wenn es nicht darauf ankommt, dass Stifter ihr Lebenswerk in eine Stiftung mit eigenem Namen einbringen wollen, könnten sie fragen: Gibt es bereits eine Organisation, die unsere Vorstellungen verwirklicht? Könnte eine zweckgebundene Zuwendung unsere Ziele genauso gut verwirklichen? Und wenn die steuerliche Abzugsfähigkeit der Zuwendungen keine wesentliche Rolle spielt, wäre es dann nicht sinnvoll, eine Verbrauchsstiftung zu gründen, mit der wir unser Anliegen für einen bestimmten Zeitraum verwirklichen?

Wenn sich das Engagement von potenziellen Stiftern auch finanziell „rentieren“ soll, könnte das Impact Investing eine gangbare Lösung sein, denn in Deutschland sind viele junge Unternehmen tätig, die eine positive Wirkung auf die Gesellschaft erzielen wollen. Von der Idee zur Stiftung: Der Weg ist vielleicht holpriger geworden, aber es entstehen auch immer mehr Wege, auf denen man seine Ideen individuell verwirklichen kann.

* Statistik Neugründungen 1990 bis 2020 des Bundesverbands Deutscher Stiftungen

Manuela McKensie
Leiterin Philanthropie,
Bethmann Bank
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