Mit viel Hingabe und einem starken Netzwerk lindert das Team der Hanel-Senioren-Stiftung Armut und Einsamkeit von alten Menschen in Cuxhaven. Nicht von Anfang an lief es für die Gründerin Anita Hanel so rund wie heute.

Von München ans Meer, vom Kreuzfahrtschiff in die Wohnzimmer von Senioren: So könnte man die Entwicklung von Anita Hanel zusammenfassen, die sie innerhalb der vergangenen zehn Jahre vollzogen hat. 2017 gründete die damals 60-Jährige eine Stiftung zur Linderung von Altersarmut und Einsamkeit. Als Stiftungssitz wählte sie Cuxhaven – und erfüllte sich damit den Traum, einmal am Meer zu leben.

Beruflich war Hanel lange Sportlehrerin gewesen, nach einigen Jahren aber ins Sportamt der Stadt München befördert worden. Die Verwaltungsarbeit frustrierte sie, sie vermisste den lebendigen Kontakt mit Menschen, dass jeder Tag anders ist als der vorige. Kurzentschlossen heuerte sie als Ausflugsleiterin bei einer Kreuzfahrtgesellschaft an. Dort kam sie ins Gespräch mit Senioren, entwickelte ein Gespür für die Altersgruppe der über 70-Jährigen. „Diese Generation war immer auf sich gestellt und hat nie Hilfe in Anspruch genommen. Mir wurde bewusst, dass sie aber trotzdem häufig Hilfe bräuchten und diese ihnen rechtlich auch zusteht.“

Sachspenden für die Würde

Selten reichen bedürftige Senioren selbst Unterstützungsanträge bei der Hanel-Senioren-Stiftung ein. Meist sind es deren Kinder oder Nachbarn. Foto: Hanel-Senioren-Stiftung

Um hilfsbedürftigen Senioren eine Brücke zu bauen, gründete sie nach dem Tod ihrer Eltern mit deren Nachlass die Hanel-Senioren-Stiftung. Drei Mitarbeiterinnen in Teilzeit hat sie mittlerweile eingestellt, 24 Ehrenamtliche komplettieren das Stiftungsteam. Ihr Auftrag: alten Leuten Gesprächspartner sein, ihnen zuhören, ihre Sorgen ernst nehmen, Bedürfnisse erkennen, akute und chronische Probleme lösen. Zuwendungen gibt die Stiftung ausschließlich als Sachspenden aus – sei es in Form von Lebensmittelpaketen, eines Gutscheins für den Friseur, eines Wintermantels oder von Hygieneprodukten. Auch Karten für einen gemeinsamen Theaterbesuch sind schon einmal darunter. „Es sind immer neue Waren – nichts Gebrauchtes, das ist mir wichtig“, betont Hanel. So wahre sie die Würde, die die Senioren verdienten.

Bargeld zu verteilen, lehnt sie aus mehreren Gründen ab. Zum einen seien es nicht nur finanzielle Gründe, die alte Leute von notwendigen Besorgungen abhielten: Häufig seien sie nicht mobil genug, um selbst in den Supermarkt zu fahren, oder würden sich nicht mehr auskennen, wo sie bestimmte Dinge kaufen könnten, die sie brauchen. Zum anderen gebe es auch in dieser Altersgruppe Suchtprobleme, vor allem in Form von Alkohol und Nikotin. „Mit einem Lebensmittelpaket, das wir jemandem nach Hause bringen, ersparen wir der Person den Weg, den Einkaufszettel und schenken ihr außerdem eine nette Unterhaltung“, fasst Hanel die Idee zusammen.

Nicht ins Wohnzimmer – wegen der Corona-Beschränkungen

Wegen der Corona-Bestimmungen dürften sie und ihr Team aktuell die Wohnungen der Menschen nicht betreten, bedauert Hanel. Früher hätten sie sich gemütlich im Wohnzimmer unterhalten können. Aber auch vor der Wohnungstür kämen einsame Senioren schnell in Quatschlaune. „Ich nenne das ‚Tratsch im Treppenhaus‘“, sagt sie lachend. „Und der dauert gern mal zwei Stunden.“

Meist öffnen sich die alten Leute erst nach mehreren dieser Treffen mit ihren wahren Problemen, erzählen in Nebensätzen, dass sie aktuell nicht spazieren gehen, weil sie keine Winterschuhe haben, oder dass sie dieses eine Formular nicht verstehen, mit dem sie Geldzahlungen beantragen könnten. Dann packt Hanel ihr Gegenüber ein, fährt mit ihm oder ihr zum Schuhgeschäft und kauft auf Stiftungskosten ein Paar Winterschuhe. Oder sie vereinbart einen Termin beim Sozialamt und geht mit dorthin („als emotionale Stütze“). Zupackend und lebensnah zu sein, das ist Hanels Anspruch an die Arbeit ihrer Stiftung.

„Wieso noch eine Seniorenstiftung?“

So rund wie heute lief die Seniorenhilfe nicht von Anfang an. Hanel war bei Stiftungsgründung neu in Cuxhaven, verfügte weder privat noch beruflich über ein Netzwerk, das sie hätte anzapfen können. Also ging sie das Telefonbuch durch, suchte alle sozialen Einrichtungen raus, die klangen, als hätten sie mit Senioren Kontakt, und vereinbarte persönliche Termine.

„Nicht überall stieß ich sofort auf Interesse, zumal als Zugezogene. Es wurde gefragt, wieso es meine Stiftung brauche, es gebe ja schon Angebote für Senioren.“ Dies waren meist soziale Einladungen zu Kaffee und Kuchen. „Ich aber wollte vor allem diejenigen Senioren erreichen, die nicht zu solchen Treffen kamen – sei es, weil sie mobilitätseingeschränkt sind, oder weil sie sich dort ihrer Armut schämen.“

„Der Tratsch im Treppenhaus dauert gern mal zwei Stunden.“

Anita Hanel, Stiftungsvorständin

Der Begriff „schämen“ fällt häufig im Gespräch mit Anita Hanel, es ist ein zentrales Gefühl, das sie in ihrer täglichen Stiftungsarbeit erlebt. „Senioren der Generation über 70 schalten lieber die Heizung und den Fernseher aus, als die gesetzliche Grundsicherung zu beantragen, wenn ihre Rente nicht ausreicht“, sagt sie. Kaum Empfänger ihrer Hilfsleistungen würden sich selbst als bedürftig bei der Hanel-Senioren-Stiftung melden. Meist riefen Nachbarn an, die mitbekommen haben, dass jemand einsam und bedürftig ist, entfernt lebende Verwandte oder die sozialen Dienste. Dann machen sich Hanel oder eine ihrer Mitarbeiterinnen auf dem Weg zu einem spontanen Besuch.

Hanel-Senioren-Stiftung mit großem Partnernetz

Über die Jahre haben Hanel und ihr Stiftungsteam einige Organisationen als Partner gewonnen, die sie bei ihrer Stiftungsarbeit unterstützen. So füllt die gemeinnützige Organisation „Die Formularfüchse“ mit den Senioren gemeinsam ihre Anträge für die Ämter aus, die Cuxhavener Tafel leitet Lebensmittel weiter, der örtliche Drogeriemarkt spendet Hygieneprodukte, und ein lokaler Optiker hält immer Termine frei für Hanel, wenn sie wieder einmal mit einem Senior vorbeikommt, dessen Brille kaputtgegangen ist.

In der Weihnachtszeit hat die Hanel-Senioren-Stiftung einen Wunschbaum in einem Cuxhavener Kaufhaus aufgestellt. Auf den daran hängenden Postkarten hatten bedürftige Senioren ihre Weihnachtswünsche notiert. Interessierte Spender konnten sich Karten vom Wunschbaum aussuchen, die gewünschten Geschenke besorgen und bei der Stiftung abgeben. Foto: Hanel-Senioren-Stiftung

Den Einkauf der Waren, die sie an die Senioren ausgibt, finanziert die Stiftung teils aus eigenen Mitteln. Das Stiftungskapital in Höhe von 50.000 Euro hat Hanel in ein Mehrfamilienhaus investiert, die Mieteinnahmen fließen in den Stiftungszweck. Zudem betreibt die Hanel-Stiftung aktives Fundraising. „Mittlerweile sind wir sehr bekannt hier in der Stadt“, freut die Stifterin sich. Manche Unternehmen und die örtliche Sparkasse lassen ihr jedes Jahr eine Weihnachtsspende zukommen, einige Sportvereine spenden den Erlös des Waffelverkaufs auf ihrem Sommerfest. Drei Jahre lang erhielt Hanel 135.000 Euro aus dem Topf der Deutschen Fernsehlotterie. Hinzu kommen viele Privatspender.

Dass sie ausschließlich Sachwerte an ihre Klienten ausgibt, schätzen viele dieser Spender, weiß Hanel aus Gesprächen. „Es fühlt sich weniger anonym an, man sieht als Spender, wo die Hilfe ankommt. Und alle verstehen, dass unsere besondere Aufgabe der vertrauensvolle, menschliche Kontakt ist.“

Lästige Formalien

Da sie selbst keine Kinder hat, wird auch Anita Hanels Erbe komplett in die Stiftung fließen, die sie als Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet hat. Ein befreundeter Rechtsanwalt hatte ihr im Gründungsprozess diese Rechtsform empfohlen, die Gründe dafür weiß Hanel nicht mehr – mit Formellem beschäftigt sie sich nicht gern. In ihrem Stiftungsrat sitzen drei Freundinnen aus Münchner Zeiten: eine Steuerberaterin, eine Rechtsanwältin und eine Krankenschwester.

Zweimal im Jahr kommt das Gremium zusammen, früher persönlich, derzeit per Videoanruf. Ein konkretes Zuständigkeitsprofil für den Rat gibt es nicht. „Sie beraten mich. Ich berichte von unserer Arbeit in der Stiftung und sie geben Tipps oder haben noch eigene Ideen“, sagt Hanel.

Erwartet sie auch Tipps und Unterstützung aus der Politik? Anita Hanel überlegt lange. „Vielleicht kann die große Politik gar nichts gegen Einsamkeit und Armut im Alter tun“, sagt sie schließlich. Es gebe ja die Grundsicherung, die alte Leute beantragen können, deren Rente nicht ausreicht. Auch Wohngeld, Pflegegeld und andere Sozialleistungen sind für Rentner verfügbar. „Man muss die Menschen, die sie brauchen, aber zum Amt kriegen, ihr Vertrauen gewinnen und ihnen helfen, ihre Scham abzubauen. Diese menschliche Arbeit können nur lokale Organisationen leisten, keine Gesetzesschreiber in Berlin.“

Info

Armut und Einsamkeit im Alter
Laut einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderten Studie sind mehr als 22 Prozent der über 80-Jährigen in Deutschland von Armut betroffen. Bei Frauen liegt der Anteil um neun Prozentpunkte höher als bei Männern. Armut ist definiert als ein Einkommen von unter 1.167 Euro im Monat.
Auffällig ist auch die Differenzierung nach Bildungsgrad: Die Armutsquote unter den Niedriggebildeten ist mit 41,5 Prozent sehr viel höher als bei den Hochgebildeten dieser Altersgruppe mit 6,7 Prozent. Die Armutsquote der ab 80-Jährigen ist in Ostdeutschland niedriger als in Westdeutschland (18,2 Prozent gegenüber 23,7 Prozent).
Die Studie „Hohes Alter in Deutschland“ (D80+) führte das Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health (ceres) gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) durch. Die Daten basieren auf Angaben von mehr als 10.000 Personen im Alter ab 80 Jahren.

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