2017 hat Claudia Langer die Generationen-Stiftung gegründet. Mit ihr möchte sie jungen Menschen eine Plattform für politische Mitbestimmung bieten.

Claudia Langer ist Unternehmerin, Gründerin und Aktivistin. Sie hat mehrfach gegründet, mehrfach aufgebaut und sich mehrfach wieder von ihren Engagements getrennt. Vor fünf Jahren hat sie wieder gegründet: Mit der Generationen-Stiftung, einer gGmbH, möchte die 57-Jährige jungen Menschen eine Bühne bauen, damit sie den Diskurs in der Öffentlichkeit mitgestalten und Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Probleme anbieten können, sagt sie. Die Pfarrerstochter kommt ursprünglich aus der Friedens- und Umweltbewegung. Tschernobyl und saurer Regen hätten sie in den achtziger Jahren geprägt. Zu einer Politisierung habe dies jedoch nicht unmittelbar geführt. Bei Langer stellte sich vielmehr das Gefühl ein, „Teil einer verlorenen Generation“ zu sein. „Aus Trotz bin ich in die Werbung gegangen“, sagt sie, und gründete ihre eigene Agentur, machte unter anderem Werbung für Philip Morris. „Ich bereue nichts“, sagt Langer rückblickend über ihre berufliche Karriere in der Werbebranche. Als die Agentur immer erfolgreicher wurde und schließlich die Deutsche Bank und andere Konzerne als Kunden gewann, verkaufte Langer sie 2004.

Ihre Gedanken aus der Jugend holten sie wieder ein. Dieses Mal sollte es mit einem Engagement für die Gesellschaft klappen. 2007 gründete Langer Utopia, eine Internetplattform, die über das Thema Nachhaltigkeit berichtet. „Mir ging es vor allem um Aufklärung und darum, nachhaltigen Konsum attraktiv zu machen“, sagt sie über das Ziel der Plattform. Die Anzeigenkunden von Utopia hätten sich besonders für das gebildete und kaufkräftige Publikum, die sogenannten Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability), interessiert. Langer wollte vor allem konventionellere Verbraucher erreichen und so für gesellschaftlichen Wandel sorgen. Ein, seinerzeit, ambitioniertes Ziel. „Wir waren der Zeit voraus, und mit der Finanzkrise war das Thema Nachhaltigkeit erst einmal gestorben“, sagt Langer über die Idee hinter der heute noch existierenden Plattform. 2015 stieg Langer bei Utopia aus, verkaufte ihre Anteile an die DDVG, die Medienholding der SPD. Seitdem fokussiert sich Langer ganz auf die Stiftungsarbeit.

Die Gründung der Generationen-Stiftung – „ein schleichender Prozess“

Dabei war die Gründung der Stiftung „ein schleichender Prozess“, wie sie sagt, der noch in die Zeit fällt, in der Langer für Utopia tätig war. Im Zuge der Bundestagswahl 2013 sammelte Langer zum ersten Mal Unterschriften für ein Generationen-Manifest, welches zur darauffolgenden Bundestagswahl um ein weiteres Manifest ergänzt wurde. In beiden Dokumenten fordern mittlerweile 350.000 Unterzeichner die Politik zu entschiedenerem Handeln in Fragen der Klima-, Umwelt- und Sozialpolitik auf. Die Forderung nach mehr Generationengerechtigkeit und einem neuen Generationenvertrag bilden einen eigenen Punkt, der nach Langers Vorstellung auch ins Grundgesetz aufgenommen werden soll. Doch warum ist der Gründerin der Generationen-Begriff so wichtig? Für die erfahrene Werberin stellte sich die Frage, wie die Probleme der Zeit auf den Punkt gebracht werden können. Der Begriff Generation schaffe das am eindrücklichsten, weil er die Menschen emotional berühre und dazu motiviere, selbst Verantwortung zu übernehmen – im Gegensatz zu dem „eher verkopften Begriff Nachhaltigkeit“, so die Mutter dreier Kinder. Aufbauend auf diesem Denken rief Langer 2017 die Generationen-Stiftung ins Leben. Die Struktur der gGmbH gliedert sich in drei Bereiche: das Team, den Jugendrat sowie Kuratorium und Ältestenrat. Zum Team gehören neben Langer drei weitere Mitarbeiter, die sich auf Teilzeitbasis um Buchhaltung, und Pressearbeit kümmern. Hinzu kommen Freelancer und Freiwillige, die Langer auf Projektbasis beschäftigt.

Claudia Langer hat die Generationen-Stiftung 2017 gegründet.

Claudia Langer hat die Generationen-Stiftung 2017 gegründet. Foto: Generationen-Stiftung

Ein eigenes Büro hat die Generationen-Stiftung nicht – bei Bedarf werden notwendige Räumlichkeiten gemietet oder gebucht. Die „agile Form der Zusammenarbeit“ helfe, die „Verwaltungskosten gegen null“ zu bringen, so Langer. Die zweite Säule und das „Herzstück der Stiftung“, so Langer, ist der Jugendrat, der sich aus bis zu 15 Mitgliedern unter 25 Jahren zusammensetzt. Die Mitglieder treffen sich einmal pro Woche digital und einmal im Monat in Berlin zum Jugendrat-Wochenende, einer Art Klausurtagung, erklärt Miguel Góngora, der seit März Mitglied des Jugendrats ist. Dort beschließen sie, welche Kampagnen und Projekte sie als Nächstes umsetzen möchten. Die Projekte, die der Jugendrat anstößt, sind von den Interessen des jeweiligen „Jahrgangs“, wie es Langer nennt, abhängig. Zuletzt sei den Mitgliedern die Klimakrise wichtig gewesen. Der derzeitige Jahrgang setze sich stärker für soziale Gerechtigkeit ein.

Nicht nur gute Erfahrungen

2018 setzte der Jugendrat die Kampagne „Wir kündigen den Generationenvertrag“, inklusive eigener Pressekonferenz und Webseite, um. Die Initiative will den bestehenden Generationenvertrag abschaffen und stattdessen einen neuen vereinbaren. Im Zuge eines neuen Vertrags fordern die Aktivisten die „radikale Einhaltung der Pariser Klimaschutzziele“ und ein „zukunftsfestes Rentensystem“. Bei einer anderen Kampagne mit dem Titel „No SUV“ konfrontierten die Mitglieder des Jugendrats Besitzer von Sport Utility Vehicles, die als besonders umweltschädlich gelten, mit ihrer Kaufentscheidung. Nicht immer glückt jedes Projekt. Langer erzählt von teils aggressiven Reaktionen der Autobesitzer und einer erschreckenden Erfahrung für die Mitglieder des Jugendrats. „Wenn junge Leute Aktivismus lernen wollen, ist das nicht immer einfach“, sagt sie. Einen Konsens für das gemeinsame Vorgehen zu finden, sei mitunter ebenfalls herausfordernd, sagt Góngora. Manchmal werde kontrovers diskutiert. Wenn die Einigung nicht gelinge, werde „auch mal abgestimmt“.

Miguel Góngora ist seit März dieses Jahres Mitglied des Jugendrats der Generationen-Stiftung.

Miguel Góngora ist seit März dieses Jahres Mitglied des Jugendrats der Generationen-Stiftung. Foto: Generationen-Stiftung

So sehr Claudia Langer sich dafür einsetzt, dass junge Menschen gehört werden – ein Vetorecht behält sie sich dennoch vor. Die Gemeinnützigkeit dürfe durch Aktionen, die etwa zivilen Ungehorsam vorsähen, nicht gefährdet werden, will sie sichergehen. Eine gemeinsam erarbeitete Charta, die regele, „was im Rahmen der Stiftung möglich ist und was nicht“, habe bisher jedoch gut funktioniert. Kuratorium und Ältestenrat setzen sich als letztes Organ der Stiftung aus bekannten Persönlichkeiten und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, die dem Jugendrat beratend zur Seite stehen. Zu den Mitgliedern von Kuratorium und Ältestenrat gehören unter anderem Maja Göpel, ehemalige Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, Hans Joachim Schellnhuber, ehemaliger Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, der Physiker Harald Lesch und der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen. Der Austausch mit den Experten ist gewünscht – verpflichtend ist die Abstimmung mit ihnen jedoch nicht, so Langer.

Inhaltliche Arbeit geht vor

In dieser Aufstellung sieht Claudia Langer ihr gemeinnütziges Unternehmen zwar gut für die Zukunft gerüstet, eine zentrale Funktion bereite ihr jedoch Sorgen. Das Thema Fundraising, sagt die Gründerin, „kommt immer zu kurz“. Die Bemühungen, für diesen Bereich jemanden zu gewinnen, seien bisher gescheitert. Nach derzeitigem Stand finanziere sich die Stiftung durch Spenden von knapp 1.000 Fördermitgliedern und Einzelspendern. Öffentliche Förderung wolle man nicht beantragen, um Neutralität und Glaubwürdigkeit, insbesondere bei Kritik an Subventionen und öffentlichen Zuwendungen, nicht zu gefährden. Die Suche nach einem Fundraising-Experten habe Langer bislang vernachlässigt und sich stärker auf die inhaltliche Arbeit fokussiert, womöglich auch durch die „panische Angst“, die sie angesichts der Zukunft ihrer Kinder und deren Kinder empfinde. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die eigenen Kinder nicht mit dieser Angst anzustecken, sondern ihnen eine unbeschwerte Jugend zu ermöglichen, falle ihr nicht immer leicht, sagt sie. Das erklärt vielleicht die Motivation der Gründerin, bei der Generationen-Stiftung die inhaltliche Arbeit anderen Arbeitsschwerpunkten – auch dem der Finanzierung – vorzuziehen. Sich selbst sieht die 57-Jährige dabei nicht im Mittelpunkt. Auf der Bühne sollen die Jungen stehen – anders als sie selbst in ihrer Jugend, als sie sich zunächst für einen anderen Weg entschieden hat. Ob Claudia Langer bereits an einem nächsten Projekt arbeitet, ist offen. Zuzutrauen wäre ihr eine weitere Gründung.

 

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