DIE STIFTUNG: Aktuelle Einschätzung zu den Märkten – wie interpretieren Sie das derzeitige Geschehen?
Dorothee Elsell: Die Unsicherheit der Marktteilnehmer nimmt angesichts der nun auch für die deutsche Wirtschaft rückläufigen Wachstumsprognosen zu, vorübergehend dominiert die Risikoaversion. Dies zeigt sich nicht nur am Aktienmarkt, sondern insbesondere auch bei Anleihen außerhalb des Investment Grade Bereichs (High Yield). Wir halten jedoch an unserem Basisszenario fest, dass der Wachstumstrend in den USA sich weiter verstärkt und in Verbindung mit einem stärker werdenden US-Dollar nach wie vor als Motor der Weltwirtschaft funktioniert und in der Folge auch die europäische Exportwirtschaft positiv beeinflusst.

DIE STIFTUNG: Inwiefern ist es wahrscheinlich, dass die Zinsen binnen 18 Monaten auf rund 4% in den USA steigen? Man hört derlei von dortigen Hedgefonds…
Elsell: Wir gehen von einem Zinsanstieg auf etwas mehr als 3% bis Ende nächsten Jahres aus.

DIE STIFTUNG: Wie positionieren Sie sich aktuell? Wo justieren Sie im Depot nach?
Elsell: Aktienseitig bevorzugen wir in Europa Unternehmen, die von der sich abzeichnenden US-Dollar-Stärke profitieren, und in Nordamerika diejenigen, die nicht darunter leiden.
Auf der Rentenseite halten wir bei einem aktiven Management die Portfolio-Duration (Kapitalbindungsdauer) höchstens im mittleren Bereich, um das Portfolio weitgehend gegen Kursverluste bei steigendem Marktzins zu immunisieren. Dabei werden weiterhin europäische Unternehmensanleihen gegenüber den Staatsanleihen der europäischen Kernländer bevorzugt. Darüber hinaus sind wir auch in Anleihen der Euro-Peripherie investiert.

DIE STIFTUNG: Welche Risiken sollten Stiftungen momentan auf der Agenda haben? Die Renaissance der Kriege scheint die Märkte nicht sonderlich zu verunsichern…
Elsell: Wie das Marktgeschehen aktuell und auch im Verlauf der letzten Monate zeigt, sind die Wahrnehmung und Interpretation der Nachrichtenlage und die daraus folgende Reaktion der Märkte nicht immer gleich. Mit Rückschlägen ist nicht nur am Aktienmarkt jederzeit zu rechnen. Auch am Rentenmarkt erfordert die sich abzeichnende Zinswende ein aktives Management der gesamten Vermögensanlage, um einerseits negative Entwicklungen zu begrenzen und andererseits bei Marktschwankungen sich bietende Chancen zur Realisierung von Kursgewinnen zu nutzen.

DIE STIFTUNG: Stichwort Ausschüttungen: Wo werden Sie in diesem und im nächsten Jahr rauskommen?
Elsell: Die Ausschüttung für das gerade abgelaufene Geschäftsjahr wurde noch nicht festgelegt, wird aber bezogen auf den Anteilswert zum Beginn des Geschäftsjahres mindestens 1,5% betragen. Wie in den vergangenen Jahren legt das Fondsmanagement des Bethmann Stiftungsfonds auch künftig großen Wert auf die Stetigkeit und Planbarkeit der Erträge. Aufgrund der Rücklagenbildung im Fonds und der Zins- und Dividendenerwartung unseres Hauses gehen wir davon aus, die Ausschüttung auch im nächsten Jahr leicht anheben zu können.

Die Stiftung: Werden Sie schon auf die Transparenzbestätigung hin allokiert von Stiftungen?
Elsell: Die Transparenzberichterstattung hat von Anfang an zu dem bemerkenswerten Wachstum des Bethmann Stiftungsfonds von Null auf über 170 Mio. EUR in weniger als 3 Jahren beigetragen. Die Verantwortlichen in Stiftungsgremien begrüßen diese Form der laufenden Berichterstattung durch einen unabhängigen Dritten, da sie hierdurch in ihrer Verantwortung zur Kontrolle des Vermögensverwalters unterstützt werden.

DIE STIFTUNG: Wie homogen ist die Anlegerschaft aus dem Stiftungsbereich?
Elsell: Die Problematik der schon seit längerer Zeit rückläufigen Zinserträge ist für alle Stiftungen dieselbe. Trotzdem sind die Reaktionsweisen unterschiedlich: Während viele Stiftungsverantwortliche erkannt haben, dass die Investition in Substanzwerte, also in Aktien solider Unternehmen, schon allein wegen der besseren Ausschüttungsrendite eine notwendige Beimischung darstellt, gibt es nach wie vor häufig Anlagerichtlinien, die ausschließlich Investitionen im Rentenmarkt zulassen. In solchen Fällen sehen sich Stiftungen häufig gezwungen, auf höher rentierliche Anleihen geringerer Bonität auszuweichen, ohne sich immer der damit verbundenen Risiken bewusst zu sein.

DIE STIFTUNG: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Frau Elsell.

Das Interview führte Tobias M. Karow.

 

Dorothee ElsellDorothee Elsell ist Leiterin Vermögensverwaltung Spezial und mit ihrem Team verantwortlich für die Ausgestaltung individueller Mandate in der Vermögensverwaltung der Bethmann Bank. Dabei liegt insbesondere auch die Entwicklung der nachhaltigen Anlagephilosophie der Vermögensverwaltung sowie die Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Nachhaltigkeitsbeirat der Bethmann Bank in ihrem Verantwortungsbereich.

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