Das Kapitalmarktjahr 2020 war extrem. Die Dramaturgie reichte von völliger Verunsicherung und rasantem Abverkauf durch den Corona-Schock mit Höhepunkt im März bis zu neuen Höchstständen bei Einzelaktien und Indizes. Für 2021 sind die Analystenerwartungen angesichts der Rahmenbedingungen insgesamt positiv – ohne allerdings die Risiken der Geldschwemme zu übersehen.

Allmähliche Impfung und Öffnung von Wirtschaft und Gesellschaft auf der einen, stark angewachsene Geldmenge, Kursrallys und Höchstkurse mitten in der Pandemie auf der anderen Seite: An mitunter widerstreitenden Faktoren herrscht am Kapitalmarkt auch 2021 kein Mangel. Und dennoch ist die Grundtendenz überwiegend positiv. „Es ist damit zu rechnen, dass in vielen Ländern in diesem Jahr die überwiegenden Teile der Bevölkerung geimpft werden“, so die Analysten der Bethmann Bank. Damit einher gehe eine Normalisierung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. „2021 dürfte damit von deutlichen Aufholprozessen gekennzeichnet sein, auch wenn diese erst im Laufe des Jahres spürbar Fahrt aufnehmen. Unterstützt werden diese Entwicklungen durch eine starke fiskalpolitische Expansion und eine anhaltend lockere Geldpolitik.“

Die Chancen angesichts der Rahmenbedingungen prägen auch die Perspektive von Prof. Bernd Meyer, Chefanlagestratege bei Berenberg: „Wir erwarten bei zunächst niedriger Inflation eine von Fiskal- und Geldpolitik unterstützte globale Konjunkturerholung, die mehrere Jahre tragen dürfte.“ Allerdings hätten die Märkte die Erholung für dieses Jahr bereits zum großen Teil eingepreist, was sie anfällig mache. „Ziehen sich die Corona-Beschränkungen weiter hin, besteht die Gefahr, dass sie die Geduld verlieren und nicht mehr bereit sind, durch diese Belastungen hindurchzuschauen.“

„Der Blick auf die Indizes vermittelt teilweise ein falsches Bild.“ Bernhard Matthes

Tatsächlich war das Börsengeschehen 2020 nach dem Tiefpunkt im März nicht zuletzt davon geprägt, Erklärungen für die sich konstant erholenden Indizes zu finden. Ob Standard & Poor’s 500, Nasdaq oder Dax – viele Börsenbarometer haben noch im ersten Coronajahr neue Höchststände erreicht und diesen Trend auch 2021 bislang insgesamt fortgesetzt. Doch selten war es wichtiger, genauer hinzuschauen, als in dieser Ausnahmesituation: „Der Blick auf die Indizes vermittelt teilweise ein falsches Bild“, sagt Bernhard Matthes, Leiter Portfoliomanagement bei der Bank für Kirche und Caritas. Die Bewertung sei zum Teil extrem verzerrt durch eine Handvoll Aktien. Hatten etwa große Technologieaktien durch ihre Marktkapitalisierung und Skalierbarkeit die Wertentwicklung schon zuvor maßgeblich geprägt, hat die Coronakrise diesen Umstand aus den bekannten Gründen verschärft: Das Geschäftsmodell von Amazon, Apple, Alphabet, Facebook, Netflix und Co. wurde nicht getroffen, sondern konnte angesichts von Krise und Gegenmaßnahmen sogar profitieren. 2020 war das Geburtsjahr der sogenannten Stay-at-home- Aktien in allen Facetten.

Unsicheres Fundament

Die Dominanz von Technologie- und Internetwerten und allem, was den Aufenthalt zu Hause erleichtert – mitunter ungetrübt von der Nüchternheit betriebswirtschaftlicher Kennzahlen –, war und ist für defensive, fundamental orientierte Fondsmanager kein einfaches Szenario. „Wir wollen eigentlich sauber arbeiten, aber es gibt eben keine fundamental sauberen Bepreisungen“, sagt Matthes über die Kursparaden. „Es ist ein Balanceakt. Man muss leider gelegentlich etwas gegen die eigenen Überzeugungen arbeiten, was uns in einen Konflikt bringt – aber auch wir können uns natürlich in einem solchen Umfeld nicht dauerhaft verweigern und die Märkte davonlaufen lassen.“ Die positive Kehrseite der trendgetriebenen Rallys ist allerdings, dass so mancher fundamental nachvollziehbar bepreiste Wert links liegen bleibt und sich mittelfristig Chancen auftun. Es gebe „intakte Geschäftsmodelle mit einer Value-Prämie, die wenig nachgefragt werden, weil sie aktuell nicht angesagt sind – trotz stabiler Gewinne und Dividenden“, sagt Matthes.

In diesem Kontext ist die von Experten wie Torben Bumann, Senior Equity Analyst bei BNP Paribas Wealth Management, erwartete Aufholbewegung relevant: die vieldiskutierte Rotation von Wachstums- in Value-Aktien. Bumann erläutert seine Erwartung mit dem Blick in die USA: „Die von den Demokraten geplanten höheren Unternehmenssteuern treffen vor allem den Technologiesektor, und höhere Mindestlöhne beflügeln den Konsum. Dies sind Treiber für die ‚Value‘-Rotation. In der Vergangenheit waren Rohstoff-, Bank- und Value-Aktien die größten Gewinner einer Reflation am Aktienmarkt.“

Hatte das Geldmengenwachstum schon seit der letzten Finanzkrise zugenommen, brachte die Reaktion auf Corona eine neue Dimension: Allein die sofort verfügbare Geldmenge im Bankensystem M1 in US-Dollar stieg zwischen 24. Februar 2020 von rund 3,9 Billionen auf rund 6,8 Billionen am 21. Januar 2021. Für einen vergleichbaren Anstieg hatte es davor etwa ein Jahrzehnt gebraucht. Wie sich die Finanz- in Verbindung mit der Impfspritze auswirken wird, ob die stark erhöhte Liquidität in Verbindung mit dem Anspringen der breiten Wirtschaft und aufgestautem Konsum inflationär wirken wird, gehört zu den großen taktischen Fragen: „Kommt die Konjunkturerholung wie erwartet, gilt es die Inflation, die Inflationserwartungen und die Entwicklung der langfristigen Anleiherenditen im Blick zu behalten, weil diese vor allem für die relative Entwicklung von Anlageklassen und Aktiensektoren wichtig sind“, sagt Bernd Meyer.

Vorbereitung tut not

Stiftungen tun gut daran, ihre Anlagesituation zu prüfen, um sich entsprechend vorzubereiten. „Stiftungsportfolien sind traditionell in dieser Hinsicht höchst fragil durch die hohen Anleihenquoten“, sagt Matthes. „Ein Hebel, sich zu schützen, wäre eine Änderung der Rentenquote. 70 oder gar 80 Prozent sind nicht mehr unbedingt zeitgemäß.“ Aber auch Aktien schützen nicht immer vor Inflation. Das hänge davon ab, „ob die Unternehmen Inputkosten weitergeben können. Das ist je nach Branche sehr unterschiedlich“, sagt Matthes. „In großen Inflationsphasen gibt es eine hohe Streuung. Man muss in Bereiche wie Industrie, Grundstoffe, Energie, Rohstoffe hineingehen, um einen Inflationsbeitrag ins Portfolio holen zu können.“

Dort werden sich unabhängig von der jeweiligen Ausrichtung einzelner Anleger auch immer mehr nachhaltige Konzepte finden. Ralf Müller-Rehbehn, Leiter Equity Portfolio Management bei EB-SIM, sieht einen starken Impuls in Richtung ESG-Faktoren (Environmental, Social, Governance), ebenso Torben Bumann – „sowohl durch den EU-Wiederaufbaufonds als auch durch die Umsetzung von Bidens Wahlprogramm“. 70 Prozent der globalen Vermögenswerte in Publikumsfonds mit Fokus auf ESG liegen demnach in Europa. „Wenn die hohen amerikanischen Anlagevolumina folgen, bringt das einen gewaltigen Schub“, sagt Bumann. Für Blackrock, den größten Assetmanager der Welt, ist Nachhaltigkeit eine Schlüsselkomponente. Der Jahresausblick spricht von einer tektonischen Verschiebung über Jahrzehnte zu nachhaltigen Assets.

 

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