Die Stiftungstradition wurde in München bereits kurz nach dessen erster urkundlicher Erwähnung im Jahre 1158 begründet: So stiftete 1213 der schwer kranke Goldschmied Bernhard der Deutsche in Venedig den Insassen des Leprosenhauses am Gasteig ein Vermögen von 50 Venezianer Denaren. Und diese Tradition lebt bis heute.

Nach 1870 führte der breite bürgerliche Wohlstand wieder dazu, dass bis zur Inflation von 1923 zahlreiche Stiftungen gegründet wurden. Große Stifter darunter waren z.B. die beiden Bierbrauer Matthias Pschorr (1897) und Trappentreu (diverse Stiftungen von 1870-1883), Michael von Poschinger (1899) oder August Ungerer (1911).

Das Stiftungswesen in München wurde massiv von der Hyperinflation von 1923 getroffen. Das Kapitalvermögen der 360 städtischen Stiftungen von 39,6 Mio. sank auf weniger als 12 Mio. Goldmark. Die jährlichen Ausschüttungen von 3 Mio. vor dem Ersten Weltkrieg rutschten auf 37.000 Reichsmark (RM).

München

Hyperinflation und Währungsreform sorgten dafür, dass viele Stiftungen “restlos entwertet” wurden, wie es in den historischen Aufzeichnungen heißt.

In den Stiftungsrechnungen findet sich in den Jahren 1923 bis 1925 bei der Angabe des Gesamtvermögens immer wieder die Formulierung „restlos entwertet“. Dennoch konnten sich die meisten Stiftungen darüber hinwegretten und nach einigen Jahren der Untätigkeit wieder Erträge ausschütten.

Durch die Währungsreform vom 20. Juni 1948 schrumpfte das in der Zwischenzeit wieder auf ca. 23 Mio. RM angewachsene Kapitalvermögen der Stiftungen auf bloße 1,25 Mio. DM. Über die Hälfte der 212 städtischen, zum Teil jahrhundertealten Stiftungen, war nicht mehr lebensfähig. Sie wurden 1953 förmlich aufgelöst und die Reste ihres Vermögens dem Stiftungszweck entsprechend in Sammelstiftungen vereinigt.

Fazit
Die Betrachtung des Münchner Stiftungswesens von seinen Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zeigt, dass Stiftungen über die Jahrhunderte erfolgreich bestehen konnten. Das liegt unter anderem daran, dass Währungen bis ins 17. Jahrhundert stabil waren. Mit der Inflation von 1923 war Kapital allein erstmals nichts mehr wert.

Damit einhergehend setzte eine Entwicklung ein, die 2013 in die einheitliche Regelung für Verbrauchsstiftungen mündete. Danach darf eine Stiftung nun offiziell für eine bestimmte Zeit errichtet und ihr Vermögen für die Zweckerfüllung verbraucht werden.

Aktuell spricht einiges dafür, dass der Staat sich mehr und mehr aus seiner sozialen Verantwortung stiehlt, wie diverse Kürzungen an den Sozialausgaben belegen. Es bleibt abzuwarten, ob mit abnehmender Bedeutung des Sozialstaates das Stiftungswesen zumindest im Bereich des sozialen Engagements wieder zu seiner großen Bedeutung und Relevanz für die Wohlfahrt, die es im Mittelalter gehabt hatte, zurückfinden wird oder zurückfinden muss.

 

 

Wesentliche Beitragsteile entstammen den Quellen:

Michael Schattenhofer: Stiftungen und Stifter in Münchens Vergangenheit. In: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte, Wilhelm Gessel, Peter von Bomhard (Hrsg.), 28. Band (1974) 11-30.

Alois Mitterwieser: Geschichte der Stiftungen und des Stiftungsrechts in Bayern. In: Forschungen zur Geschichte Bayerns 13 (1905) 166-210, 14 (1906) 192-200.

Elisabeth Kraus: Aus Tradition modern. Zur Geschichte von Stiftungswesen und Mäzenatentum in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. In: historisches Jahrbuch 121 (2001) 400-419.

 

 

11.5.14 im GOPRechtsanwältin Dr.jur. Barbara Wagner ist Autorin von 25 Fachveröffentlichungen und verfügt als ehemaliger langjähriger Vorstand einer von einem prominenten deutschen Industriellen gegründeten Kinderhilfsstiftung über viel Praxiserfahrung im Stiftungswesen. Ihre Kanzlei bietet Beratung und Begleitung im Stiftungs- und Non-Profitrecht sowie bei Testamentsgestaltung, Nachfolgeplanung, Vorsorge und Betreuung.

 

Cover_MSF-ProDieser Beitrag ist im redaktionellen Programmheft zum Münchner Stiftungsfrühling erschienen.

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