Die Kreuzberger Kinderstiftung fördert junge Menschen – zugleich können sie in einem Jugendrat und als Aktionäre über die Verwendung von Budgets entscheiden. Stifter Peter Ackermann stellte hierfür die Weichen, indem er sich für die seltene Rechtsform einer gemeinnützigen AG entschied.

Wenn das Tor zum Garten der Stiftung im Berliner Stadtteil Kreuzberg offen steht, kommen Spaziergänger und Jogger auf das Gelände, um das denkmalgeschützte Gebäude anzuschauen. Die Kreuzberger Kinderstiftung hat ihren Sitz direkt am Landwehrkanal, unweit der Spree und des Schlesischen Tors, im ehemaligen Dienstsitz des königlich-preußischen Landes- und Wasserstraßendirektors. Dass Besucher auf Tuchfühlung gehen, ist gerne gesehen: Es entspricht dem Grundgedanken der Kreuzberger Kinderstiftung, die auf Engagement und Partizipation angelegt ist.

STipendiatin Kreuzberger Kinderstiftung

Den Horizont erweitern: Diese Stipendiatin hat sich für einen Aufenthalt in Finnland entschieden. Foto: Kreuzberger Kinderstiftung

Dabei startete die Stiftung 2004 wie viele andere Stiftungen auch: als rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts; Stiftungszweck: Bildungsgerechtigkeit und Jugendengagement. Die Stiftung ist fördernd und operativ tätig, ein Schwerpunkt ist die Vergabe von Stipendien für Auslandsaufenthalte. „Ein Jahr im Ausland bewirkt viel für die Persönlichkeitsentwicklung. Eine neue Kultur kennenzulernen, sich durchzubeißen – das stärkt für das weitere Leben“, findet Andrea Spennes-Kleutges, Vorstandsreferentin für Finanzen und Fundraising. Laut Stiftung haben bisher über 500 Schüler ein Stipendium erhalten. Gefördert werden Schüler aus ganz Deutschland, die kein Gymnasium besuchen und deren Familien alleine dem Nachwuchs den Auslandsaufenthalt nicht zahlen können. Ein weiteres Stipendienprogramm unterstützt seit 2016 junge Erwachsene auf dem zweiten Bildungsweg.

Doch: Schüler bloß zu fördern, reichte Stifter Peter Ackermann nicht. „Herr Ackermann ist nicht der typische Stifter“, sagt Spennes-Kleutges. „Eine Stif­tung ist ja tendenziell eher hierarchisch organisiert, wie ein Unternehmen: Top-down. Sein Gedanke war, demokratische Prinzipien auch in der Organisation als Ganzem verwirklichen zu wollen.“ 2014 wählte der Jurist und Unternehmer Ackermann für seine Stiftungsidee das Vehikel einer gemeinnützigen Aktienge­sellschaft (gAG). Die Stiftung bürgerli­chen Rechts besteht zwar fort, aber als getrennte Organisation mit getrenntem Vermögen. „Der Stiftung gehört das Grundstück, auf der die gAG ihren Sitz hat, und sie kann auch Gelder an die gAG überweisen“, sagt Spennes-Kleutges.

Eine Aktie, eine Stimme

Andrea Spennes-Kleutges, Kreuzberger Kinderstiftung

Andrea Spennes-Kleutges ist Vorstandsreferentin für Finanzen und Fundraising bei der Kreuzberger Kinderstiftung. Foto: Christian Jungeblodt

Die gemeinnützige AG hat vor allem die Funktion, einem Kreis an Aktionären Mit­spracherechte zuzugestehen. Jeder Akti­onär kann genau eine der 75 Aktien – und damit genau eine Stimme – kaufen. „Das ist das demokratische Element“, sagt Spennes-Kleutges. „Niemand kann sich eine Mehrheit erkaufen.“ Eine Aktie kostet 1.000 Euro. Die Aktien sind indes nicht als Einnahmequelle gedacht, um die laufenden Stiftungsaufgaben zu fi­nanzieren. „Das ist unser Stammkapital, das auf einem Konto liegt und das wir auch nicht antasten“, erklärt Spen­nes-Kleutges.

Da der Aktienpreis von 1.000 Euro für junge Erwachsene recht hoch ist, bietet die Stiftung an, die Summe in Raten zu zahlen. Ebenso ist es möglich, die Aktie zurückzugeben und das Geld erstattet zu bekommen. Eine Aktie ist somit die Eintrittskarte, um an Ausrichtung und Gestaltung der Stiftung mitzuwirken. Spezielle Voraussetzungen für den Er­werb bestehen nicht. Im Grunde kann je­der Volljährige Aktionär werden. „Aktio­näre sollten unsere Ziele und Werte tei­len. Was wir uns wünschen, ist, mit unse­ren Aktionären die Vielfalt der Gesell­schaft abzubilden“, sagt Spennes-Kleut­ges. Explizit gewünscht ist, dass ehema­lige Stipendiaten sich in die Stiftung ein­bringen: „Wenn die Schüler ein Jahr im Ausland verbracht haben, laden wir sie ein und wollen wissen, wie es ihnen er­gangen ist. Und wir bieten ihnen an: ‚Werdet doch Aktionäre oder engagiert euch ehrenamtlich.‘ Geschätzt sind der­zeit 25 Prozent unserer Aktionäre unter 30 Jahre alt.“ Die gAG ist auf Wachstums­kurs: 2019 begab sie sieben neue Aktien, so dass sich die Zahl der Aktionäre auf 82 erhöhen wird.

Mit Mitte 20 im Aufsichtsrat der Kreuzberger Kinderstiftung

 Stipendiaten 2019 vor dem Haus der Stiftung in Berlin Kreuzberg

Die Stipendiaten 2019 vor dem Haus der Stiftung in Berlin Kreuzberg. Foto: Christian Jungeblodt

Um mitgestalten zu können, treffen sich die Aktionäre der gAG einmal im Jahr zur Hauptversammlung: „Sie ist wie das Parlament im politischen System“, sagt Spennes-Kleutges. Die Hauptversamm­lung wählt aus ihrem Kreis den sieben­köpfigen Aufsichtsrat, der seine Funkti­on ehrenamtlich ausübt. Auch hier will die Stiftung gerne jungen Menschen Mit­spracherechte einräumen. „Im Auf­sichtsrat sitzen zwei ehemalige Stipendi­aten, die Mitte 20 sind, neben Menschen, die seit vielen Jahren im gemeinnützigen Sektor aktiv sind“, sagt Spennes-Kleut­ges. Der Aufsichtsrat bestellt wiederum den Vorstand, der aus zwei Personen be­steht. Der Vorstand ist also rechen­schaftspflichtig. Wie der Aufsichtsrat den Vorstand kontrolliert, ist durch das Aktienrecht festgelegt.
Wer sich die Arbeit in den Gremien als endlose Diskussionsveranstaltung vorstellt, liegt falsch. Ausufernde Dis­kussionen habe es auf den letzten Haupt­versammlungen noch nicht gegeben, sagt Spennes-Kleutges. Im Gegenteil, die meisten Aktionäre sammelten noch Er­fahrung: „Man ist ja selten – im gemein­nützigen Kontext eigentlich nie – Aktio­när. Aber ich denke, dass die Leute zu­nehmend mit ihrer Rolle vertraut sind. Und wir befördern das auch.“

Kreuzberger Kinderstiftung

Die Kreuzberger Kinderstiftung fördert ausschließlich Auslandsaufenthalte in europäischen Ländern, auch, um die europäische Idee hochzuhalten. Foto: Kreuzberger Kinderstiftung

Um die Aktionäre auf dem Laufenden zu halten und da auf der Hauptversamm­lung die Zeit zu knapp ist, um sich im De­tail mit den Projekten zu befassen, plant die Kreuzberger Kinderstiftung nun eine „Zukunftswerkstatt“. Diese soll den Akti­onären Raum geben, sich ausführlicher zu informieren und zur strategischen Ausrichtung zu diskutieren, damit sie gut vorbereitet in die Hauptversamm­lung gehen und dort mitentscheiden können. „In einer größeren Runde stel­len unsere jungen Aktionäre viel­ leicht nicht so schnell eine kritische Fra­ge, zumal wenn sie nicht informiert sind. Je informierter man ist, desto eher pas­siert das dann doch“, sagt Spen­nes-Kleutges.

Der ebenfalls 2014 gegründete Ju­gendrat gehört zur gAG. Die Mitglieder des Jugendrats sind ehemalige Stipendi­aten der Kreuzberger Kinderstiftung, die sich nach ihrer Zeit im Ausland ehren­amtlich engagieren. Zur Entstehung des Jugendrates erklärt Spennes-Kleutges: „Beweggrund für Herrn Ackermann, den Jugendrat ins Leben zu rufen, war, dass er sich dachte: ‚Diejenigen die es be­trifft, sollen entscheiden.‘“ 17 junge Menschen im Alter zwi­schen 17 und 25 Jahren entscheiden dort selbständig über eingehende För­deranträge. „Es ist nicht so, dass der Vorstand das noch einmal absegnen muss oder anficht“, sagt Spennes-Kleut­ges. 2019 bewilligte der Jugendrat Mittel in Höhe von über 110.000 Euro für 54 Kinder- und Jugendprojekte aus Deutschland.

Jugendratssitzung der Kreuzberger Kinderstiftung

Der Jugendrat der Kreuzberger Kinderstiftung bestimmt selbständig über die Vergabe von Fördergeldern. Foto: Kreuzberger Kinderstiftung

Kein Kapitalerhalt notwendig

Die Rechtsform der gemeinnützigen Ak­tiengesellschaft bringt auch andere An­forderungen und Möglichkeiten bezüg­lich der Kapitalanlage mit sich. So gibt es kein klassisches Stiftungskapital, der Vorstand kann also nicht nur Erträge, sondern auch das Vermögen für die Sat­zungszwecke verwenden. Dadurch kann die Stiftung als gemeinnützige Aktienge­sellschaft wesentlich höhere Aktienquo­ten fahren als eine Stiftung bürgerlichen Rechts. Derzeit liegt die Aktienquote bei etwa 55 Prozent. „Wir sind keine Stif­tung, die davon ausgeht, dass wir in Festgeldern investieren müssten. Wir sind da risikofreudiger. Und haben einen Stifter, der Erfahrung mit Aktien-Invest­ments hat“, sagt Spennes-Kleutges.

Neue Wege auch im Fundraising

Derzeit verfügt die Kreuzberger Kin­derstiftung über ein Eigenkapital von knapp drei Millionen Euro, die laufenden Kosten belaufen sich voraussichtlich auf etwa eine Million Euro. „Wir haben unse­re Bilanz 2019 noch nicht fertiggestellt: Aber es werden sicherlich Gelder aus den Rücklagen entnommen.“

Für die Stiftung ist deshalb Fundrai­sing ein großes Thema. Nicht zuletzt, um diesen Aspekt verstärkt anzugehen, wur­de Spennes-Kleutges 2018 als Vorstands­referentin für Finanzen und Fundraising eingestellt. Eine weitere Ertragsquelle ist bereits im Aufbau: Auf dem Grund­stück der Stiftung in Kreuzberg wurde ein Neubau errichtet, der den wachsen­den Raumbedarf für die eigenen Zwecke decken soll – dessen Versammlungsräu­me aber auch zur Vermietung vorgese­hen sind.

Andere Stiftungsthemen sind in der gAG nicht weniger kompliziert als in der rechtsfähigen Stiftung, etwa das Festle­gen von Anlagerichtlinien. „Wir haben einen Entwurf, da sind wir immer noch im Prozess. Es ist überhaupt nicht trivi­al“, findet Spennes-Kleutges. Oder die Frage, wie die Stiftung Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage umsetzen will. Insgesamt blickt Spennes-Kleutges optimistisch in die Zukunft: „Unsere Stif­tung ist ein Projekt, das entsteht und sich entwickelt. Das ist ein Stück weit ein Abenteuer. Wir machen jetzt die Zu­kunftswerkstatt und wollen unsere Akti­onäre mehr und mehr einbinden, damit sie die strategischen Entscheidungen treffen.“

Info

Webinar: Stiftungsziele sichern – aber wie?

In dem gemeinsamen Webinar von DIE STIFTUNG und der BW-Bank konnten die Teilnehmer ihre Fragen einbringen.

Zwei Fragen an Andrea Spennes-Kleutges aus unserem Webinar:

 

  1. Fördert die Kreuzberger Kinderstiftung auch Projekte im Ausland?
    Wir fördern Kinder- und Jugendprojekte in Griechenland. Das ist allerdings nur ein kleiner Anteil an unserem Budget. Indirekt fördern wir natürlich recht viel, weil wir Stipendiaten den Weg ins Ausland ebnen.
  2. Müssen Sie die Aktionäre zum Debattieren erziehen?
    Wir alle, Aktionäre, Vorstand, Aufsichtsrat und die Mitarbeiter, lernen kontinuierlich dazu, wie wir in unserer noch jungen Aktiengesellschaft miteinander agieren. 2014 wurde die gAG gegründet, die Aktien werden seit 2017 ausgegeben. Seitdem wächst unsere Aktionärsgemeinschaft. Es kommen auch immer mehr junge Leute dazu. Wir sind also immer noch auf dem Weg: Wir haben jetzt drei Hauptversammlungen mit einer wachsenden Zahl an Aktionären gehabt, die alle etwas anders abgelaufen sind. Bei der letzten Hauptversammlung wurde der Aufsichtsrat neu gewählt. Das war ein toller Moment, weil wir uns wünschten, dass sich auch junge Menschen aufstellen lassen. Es gab dann 14 Kandidaten für sieben Posten, also eine echte Auswahl, und jeder hat sich mit einer sehr engagierten Rede vorgestellt.

Den Videomitschnitt des Webinars finden Sie hier.



Im Interview mit DIE STIFTUNG spricht Stifter Peter Ackermann über seine Beweggründe, eine gemeinnützige AG zu gründen.

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