Liane Stähle gründete 2006 den Verein „Junge Menschen für Afrika“, der die Gemeinde Kirinda in Ruanda unterstützt. Für ihre Arbeit erhält sie in diesem Jahr das Bundesverdienstkreuz. Von dieser Auszeichnung erhofft sie sich mehr Spenden und mehr Mitglieder.

Als der Brief ins Haus flattert, ist Liane Stähle fassungslos. Während sie den Umschlag öffnet und die ersten Zeilen überfliegt, kann sie nicht glauben, wer die Zeilen unterschrieben hat. Der Bundespräsident persönlich. Liane Stähle, Gründerin des Vereins Junge Menschen für Afrika, erfährt in diesem Brief, dass sie das Bundesverdienstkreuz erhält. Wegen Corona kann die Prämierung in Berlin zwar nicht stattfinden. Aber das scheint ihr nichts auszumachen. „Vielleicht bringt uns der Preis mehr Aufmerksamkeit und hoffentlich mehr Mitglieder. Das wäre mir wichtiger als die Reise nach Berlin“, sagt die 63-Jährige mit kurzem, blondem Haar.

140 Mitglieder zählt der Verein mit Sitz in Ober-Ramstadt in der Nähe des südhessischen Darmstadt, knapp 90 Projekte in den Bereichen Bildung, Infrastruktur, Landwirtschaft und Tiere hat er mittlerweile in Kirinda, im Westen Ruandas, durchgeführt. Zwei Kolleginnen des Vereins hatten deren Gründerin Liane Stähle bereits vor zwei Jahren bei der hessischen Landesregierung als Preisträgerin vorgeschlagen, erzählt sie, danach aber nie wieder etwas gehört. Und sie haben der Vereinsgründerin auch nichts von ihren konspirativen Plänen erzählt. „Ich hatte keine Ahnung“, versichert sie.

Es war nicht das erste Mal, dass Freunde und Unterstützer von Liane Stähle ohne ihr Mitwissen ihren Hut in den Ring geworfen haben. Kurz nachdem Stähle ihre Aktivitäten mit und für Ruanda im Jahr 2003 mit einer Bekannten gestartet hatte, nominierte eine Freundin sie für den Wettbewerb der Initiative „Start Social“. Und auch hier gewann der Verein „Junge Menschen für Afrika“ einen Preis. Dieser bestand in Coaching-Workshops, durchgeführt von verschiedenen Partnern von „Start Social“ – großen Unternehmen wie Pro Sieben Sat1, Allianz oder McKinsey Unternehmensberatung.

Keine Zeit für Wettbewerbe

Die Coaches gaben Tipps, wie man sich selbst und die Arbeit besser organisiert. Sie schlugen auch vor, einen Verein zu gründen. „Die Idee gefiel mir nicht, warum sollte ich mich mit Bürokratie und Juristen herumschlagen, wenn ich doch meine Zeit für die Projekte in Ruanda brauchte?“, stellte sie sich damals die Frage. Zwei Jahre später nahm sie die Hürde aber doch und gründetet 2006 den Verein. Warum der Sinneswandel? „Ich habe gemerkt, dass Spender es mögen, wenn Quittungen ausgestellt werden.“

Liane Stähle und ihr Mann bei einem Abschlussfest. Foto: Junge Menschen für Afrika e.V.

Liane Stähle arbeitet konzentriert an der Sache. Sich für Preise zu bewerben oder an Strukturen zu arbeiten, würde ihr Zeit für die Projektarbeit rauben. „Zum Glück habe ich Nicole. Im Gegensatz zu mir hat sie alles im Blick“, sagt Stähle. Nicole Müller ist seit 2006 Finanzchefin des Vereins und kümmert sich um die Verträge mit den Mitarbeitern vor Ort. Sie arbeitet wie ungefähr 15 weitere Vereinsmitglieder ehrenamtlich für „Junge Menschen für Afrika“. Die meisten von ihnen sind zwischen 20 und 35 Jahre alt, die über Reisen oder freiwillige Projekt- und Sozialarbeit einen persönlichen und emotionalen Bezug zu Ruanda aufgebaut haben.

So wie Liane Stähle: „Ich habe eine zweite Heimat in Ruanda gefunden.“ Zwischen 1989 und 1991 lebte sie dort mit ihrem Mann, der für eine große Ingenieurfirma ein Wasserprojekt der Weltbank betreute. Dann wieder von 2009 bis 2012, als ihr Mann für einen Energiekonzern entsandt wurde. Bei ihrem ersten Aufenthalt hat sie sich einen Job bei einer Hamburger Import- und Exportfirma gesucht. Im Jahr 2003 übernahm sie eine Patenschaft an einer Schule in Kirinda in der Region Karongi in der Westprovinz Ruanda: Dort bezahlte sie das Schulgeld eines Kindes – der Beginn einer dauerhaften Beziehung nicht nur zum Kind, sondern auch zur Schule. Sie überzeugte in ihrem Freundeskreis mehrere Menschen, auf diesem Wege Kindern die Ausbildung zu finanzieren.

Seitdem ist viel passiert, aber immer Schritt für Schritt. Aus der Patenschaft eines Kindes wurde ein Projekt zur Unterstützung der Schule in Trägerschaft der presbyterianischen Kirche. Da war der Kauf von Fachbüchern und der Bau einer Bücherei. Laptops wurden besorgt. Der Verein kümmerte sich um die Sprach- und Fortbildung der Lehrer, als die Regierung im Jahr 2008 entschied, die offizielle Landessprache Französisch durch Englisch zu ersetzen. Es folgte die Errichtung des Kindergartens, des Ausbildungslehrgangs zur Näherin oder zum Näher sowie des Fachbereichs Bauwesen. Es blieb aber nicht bei den Bildungsprojekten. Auch Bananenstauden wurden gepflanzt, Kartoffeln angebaut, Ziegen verteilt, neue Wasserquellen gefasst und Leitungssysteme gebaut. Aktuell sammelt Liane Stähle Spendengelder für einen Schlafsaal für Mädchen.

Ein Projekt nach dem anderen

Die finanzielle Förderung der Projekte richtet sich nach den Bedürfnissen vor Ort. „Die Menschen wissen selbst ganz genau, was sie brauchen. Wir Europäer sind manchmal davon überzeugt zu wissen, was für die Menschen wichtig ist“, erklärt sie. Daraus folgt, dass Liane Stähle ihren Partnern vor Ort vertrauen muss. Die eine oder andere Enttäuschung hat sie schon erlebt, aber diese Erfahrung schmälert nicht grundsätzlich ihr Vertrauen. Ein langjähriger Partner ist der Schuldirekter Charles Gahutu, ein Ruander, der unter anderem in Bamberg studiert hat und derzeit seine Doktorarbeit schreibt. Oder Francine Musabeyezu, die seit 2012 als Agrarökonomin die Koordinatorin in Kirinda ist. Der Gemeinderat stimme zum Glück den Projekten immer zu, fügt Stähle hinzu.

Auch ohne andere Partner wäre der Verein nicht dort, wo er heute ist, weiß Liane Stähle. Die Kooperation mit „Ingenieuren ohne Grenzen“ habe vieles ermöglicht, ebenso die Zusammenarbeit mit dem „Senioren Experten Service“ (SES) oder dem Verein Partnerschaft Rheinland-Pfalz-Ruanda, über den „Junge Menschen für Afrika“ auch Geldtransferleistungen abwickelt.

Und obwohl Liane Stähle über die vielen Jahre ein Netzwerk aufbauen konnte und auf einen wertvollen Erfahrungsschatz zurückblickt, möchte sie die Projektarbeit nicht auf andere Regionen in Ruanda oder gar auf andere Länder ausweiten. In Erinnerung bleibt ihr ein „weiser Rat“, den ihr vor vielen Jahren jemand gab: „,Verzettele Dich nicht.‘ Daran orientiere ich mich. Ich möchte lieber in Kirinda mit langem Atem die Menschen begleiten. Hier oder da mal hinreisen und kurz nach einem neuen Projekt schauen – das würde mir nicht liegen“, sagt sie.

Und so wird sie emsig wie in den vergangenen 17 Jahren in Deutschland in ihrem Freundes- und Familienkreis um Mitglieder und Spenden werben. „Eine Ziege kostet hierzulande nur 35 Euro, und solch eine Spende eignet sich wunderbar als Geschenk. Aber dort in Ruanda verändert sie das Leben einer alleinstehenden Frau“, erklärt sie jetzt in der Vorweihnachtszeit. Natürlich schreibt sie auch Briefe an große Stiftungen, um Fördergelder zu erhalten. So hat sie zum Beispiel die Röchling-Stiftung für das Wasserprojekt als Unterstützer gewinnen können. Doch insgesamt ist sie eher enttäuscht über die Resonanz. „Von den 30 Stiftungen, die ich anschreibe, antworten vielleicht zehn, meist mit einer höflichen Absage. Die restlichen 20 melden sich gar nicht zurück. Das finde ich schade“, sagt sie. Vielleicht wird sich das mit der Ehrung, die ihr zuteil wird, ändern.

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