Die Stiftung Kindertraum erfüllt schwerkranken Kindern in Österreich Wünsche und erleichtert ihnen durch Therapien und Hilfsmittel den Alltag.

DIE STIFTUNG: Bitte stellen Sie uns Ihre Stiftung in kurzen Worten vor.
Gabriela Gebhart: 1998 legte der Wiener Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Dr. Gert Breinl den Grundstein für die gemeinnützige Privatstiftung STIFTUNG KINDERTRAUM. Heute fließt das Herzblut von 5 hauptamtlichen und 15 ehrenamtlichen Mitarbeitenden in die vielseitigen Aktivitäten und Projekte mit dem gemeinsamen Ziel, die Lebensqualität der Kinder und ihrer Familien zu verbessern. Wir widmen uns den Herzenswünschen von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund einer schweren Erkrankung oder Behinderung ganz besondere Bedürfnisse haben.
Manche der Wünsche, die in unserem Wiener Büro eingehen, könnten auch auf einem klassischen Wunschzettel stehen: ein Computerspiel, ein Smartphone, ein Urlaub auf dem Bauernhof, eine Reise ans Meer oder ein Treffen mit dem Lieblingsstar. Immer häufiger werden jedoch auch Therapien, Hilfsmittel, Fördermaterialien oder Sportgeräte benötigt. Die Träume und Sehnsüchte der Kinder sind so unterschiedlich wie die Kinder selbst. Was jedoch alle Herzenswünsche eint, ist das Bedürfnis, gehört und respektiert zu werden. Somit schenken wir mit jedem erfüllten Wunsch auch eine große Portion Lebensmut. Für die Kinder, aber auch für ihre Familien und Betreuer.

ÖsterreichDIE STIFTUNG: Welches Projekt liegt Ihrer Stiftung aktuell am meisten am Herzen?
Gebhart: Das kann ich leider so nicht sagen. Wir liegen aktuell bei einem erfreulichen Wert von rund 200 Projekten, sprich, erfüllten Wünschen, pro Jahr. Das heißt, dass wir jeden zweiten Tag ein schwer krankes oder behindertes Kind glücklich machen. Uns liegt jeder einzelne Herzenswunsch „am Herzen“, es sind alle Projekte gleichwertig.

DIE STIFTUNG: Was sind für Sie die aktuell größten Herausforderungen?
Gebhart: Es erreichen uns immer mehr Anfragen bezüglich Therapien, therapeutische Hilfsmittel oder Spezialbetten und wir tun unser Möglichstes, um die Finanzierung dieser Herzenswünsche sicher zu stellen.
Spezialbehandlungen oder -geräte sind mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden, der nur zu einem geringen Teil von den Krankenkassen übernommen wird und Familien oft an ihre wirtschaftlichen Grenzen stoßen lässt. Mit diesen Finanzierungen können wir Familien den Pflegeaufwand und generell den Alltag massiv erleichtern. Ein Faktor, der mit Sicherheit auch zur psychischen Entlastung beiträgt. Aber auch wir müssen die finanziellen Mittel aufbringen – durch Privatspenden, Firmenspenden, Kooperationen und Erlöse aus Benefizaktivitäten.
Zudem sind die rund 172.000 Kinder und Jugendlichen mit einer schweren Krankheit oder körperlichen Behinderung und ihre Familien in Österreich nach wie vor mit Berührungsängsten und Vorurteilen konfrontiert. Wir sehen es daher als übergeordnetes Ziel, gleichzeitig mit unseren Aktivitäten wichtige Aufbauarbeit zu leisten. Nach wie vor schreckt die Angst, als Sozialfall wahrgenommen zu werden, viele Eltern ab, sich an unsere Stiftung zu wenden. Darum sprechen unsere Pro-bono-Kampagnen in den österreichischen Medien nicht nur potentielle Unterstützer sondern auch Eltern und Betreuer von kranken und behinderten Kindern an. Ihre Schwellenangst zu minimieren ist gerade in den letzten Jahren ein weiterer wichtiger Fokus der Stiftungsarbeit geworden.

DIE STIFTUNG: Inwiefern sind Sie durch das aktuelle Niedrigzinsumfeld herausgefordert und wie begegnen Sie dem?
Gebhart: Auch als kleine Organisation mit geringen Rücklagen müssen wir feststellen, dass die Zinserträge gegen Null tendieren und somit ein Ertragsposten in der Gewinn- und Verlustrechnung de facto wegfällt. Ist man – so wie wir – nicht gewillt, ein höheres Risiko – auf Kosten der Spendengelder – einzugehen, kann man dieser Entwicklung nichts entgegen setzen.

ÖsterreichDIE STIFTUNG: Woran mangelt es in Österreich, dass sich eine stärkere gemeinnützige Kultur noch nicht entwickelt hat? Im Vergleich zu Deutschland?
Gebhart: Meines Erachtens mangelt es einerseits an Anerkennung in der Bevölkerung für die Leistung, die gemeinnützige Organisationen zum Gemeinwohl beitragen, andererseits an zivilgesellschaftlichem Engagement. Menschen sollten sensibilisiert werden, sich mehr für gemeinnützige Arbeit zu interessieren. Damit vor allem auch junge Menschen, die im Wohlstand und ohne Entbehrungen aufgewachsen sind, ein soziales Gewissen entwickeln.
Unsere Arbeit benötigt sowohl Anerkennung als auch die entsprechenden rechtliche Rahmenbedingungen von Seiten der Politik.

DIE STIFTUNG: Wo liegt das Potential der österreichischen Stiftungslandschaft?
Gebhart: Durch eine Reform des Stiftungswesens könnte es zu einem wesentlich größeren Engagement von Stiftern für gemeinnützige Zwecke kommen. Politisch die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, wäre eine enorme Hilfestellung für den gemeinnützigen Sektor.

DIE STIFTUNG: Agenda 2020, wenn Sie einen Wunsch hätten: Wo soll der Dritte Sektor in Österreich im Jahr 2020 stehen?
Gebhart: Mein Wunsch richtet sich an die Politik in diesem Land – eine stärkere Begünstigung der Gemeinnützigkeit wäre wünschenswert. Meines Erachtens haben wir Anspruch auf eine Mitgestaltung der für uns relevanten rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, wie z.B. Vereinsrecht, Steuerrecht, Spendenabsetzbarkeit, Bankgebühren, Portokosten, etc..

DIE STIFTUNG: Frau Gebhart, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jennifer E. Muhr.

 

Luxundlumen_Kindertraum_Gabriela GebhartGabriela Gebhart hat nach vielen Jahren in der Werbung und Marktkommunikation 2001 die Projektleitung für Herzenswünsche und 2002 die Geschäftsführung der Stiftung Kindertraum übernommen. Darüber hinaus war Gabriela Gebhart von 2004 bis 2012 ehrenamtliches Vorstandsmitglied der IGO, Interessenvertretung gemeinnütziger Organisationen.

 

 

Die Serie wird gemeinsam mit dem Fundraising Verband Austria realisiert.

Logo_Fundraising_300dpi_rgb

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für Entscheider aus dem Stiftungswesen - Kompetent und unabhängig - Jeden Monat neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN
Alles Wichtige für Entscheider aus dem Stiftungswesen - Kompetent und unabhängig - Jeden Monat neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN