Im März wurde der neue Fair Share Monitor 2022 veröffentlicht – ein Index zur Prüfung des Frauenanteils in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Jedes Jahr werden Fort- und Rückschritte der Organisationen offengelegt. Stiftungen schneiden im Vergleich zu anderen NGOs wesentlich schlechter ab. 

Der im Jahr 2019 gegründete Verein Fair Share of Women Leaders erstellt jährlich den Fair Share Monitor. Das Ziel des Monitorings ist es, den Frauenanteil in den Belegschaften, Gremien und Leitungsebenen zivilgesellschaftlicher Organisationen zu untersuchen. 2020 wurde der Fair Share Monitor das erste Mal erhoben, bis 2030 soll er jährlich aktualisiert werden.

Die Organisationen, die am besten abschneiden, werden in einem Ranking aufgelistet, mit dem jeweiligen Frauenanteil im Personal und in den Führungspositionen. Der daraus resultierende Fair Share Index zeigt, wie sich der Anteil von Frauen in der Führung proportional zum Anteil in der Belegschaft verhält.

Die Initiatorinnen geben im Ranking auch Auskunft über die positiven oder negativen Tendenzen in den untersuchten Organisationen. Ziel ist es unter anderem, einander zu animieren, da sich die Organisationen auf diese Weise miteinander vergleichen können und in den Wettbewerb gehen können. Zu den Stiftungen, die es in diesem Jahr in die Top 25 geschafft haben, zählen die „Stiftung do“, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Amadeo-Antonio-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Stiftung für Engagement und Ehrenamt.

Zu den Ergebnissen des Jahres 2022: Frauen sind in Führungspositionen eindeutig unterrepräsentiert. Der Frauenanteil in der Belegschaft der 180 untersuchten zivilgesellschaftlichen Organisationen beläuft sich auf 69 Prozent, während der weibliche Anteil in den Führungspositionen bei 39 Prozent liegt.

28 Prozent der Geschäftsleitungen haben einen mehrheitlich weiblichen Anteil – bei 54 Prozent der Organisationen sind die Mitglieder im Gegensatz dazu mehrheitlich männlich, 66 Organisationen von den 180 haben keine einzige Frau im Leitungsteam. Bei 18 Prozent der beteiligten Geschäftsführungen ist die Zahl von Männern und Frauen ausgeglichen (siehe Grafik).

Bei der Besetzung der Aufsichtsräte sieht es nicht besser aus: Bei 20 Prozent der Aufsichtsgremien sind die Mitglieder mehrheitlich Frauen. Bei 68 Prozent der Gremien überwiegen die männlichen Mitglieder. Nur zwölf Prozent der Gremien verfügen über einen gleichen Anteil von Männern und Frauen. Während in 60 Organisationen eine Frau den Vorsitz des Aufsichtsgremiums innehat, führt bei den verbleibenden 120 Organisationen ein Mann das Gremium.

Stiftungen ziehen im Vergleich zu Nichtregierungsorganisationen den Durchschnitt sogar weiter nach unten. Bei den 77.862 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in den 82 untersuchten Stiftungen liegt der Frauenanteil bei 69 Prozent insgesamt. Doch 45 Prozent der Stiftungen haben keine einzige Frau in ihrer Leitung. Immerhin ist bei rund einem Viertel der Stiftungen eine Frau Vorsitzende des Aufsichtsgremiums.

 

„Wir möchten den Missstand transparent machen“

Das Team von Fair Share of Women Leaders e.V. hat die Ergebnisse des Monitors 2022 gemeinsam erarbeitet. Carolin Müller-Bretl und Lea Schiewer berichten über die Motivation, mehr gemeinnützige Organisationen von einer Beteiligung am Monitor zu überzeugen:

Sie haben zum dritten Mal den Fair Share Monitor erhoben. Können Sie schon Veränderungen in der Präsenz von Frauen in den Führungsetagen von Stiftungen und NGO feststellen?

Lea Schiewer: Der Anteil von Frauen in der Führung ist seit Beginn der Erhebung noch nicht wirklich gestiegen. Die Veränderungen, die wir sehen wollen, stellen sich nicht über Nacht ein, das ist uns bewusst. Wir suchen die Balance zwischen Aktivismus und Pragmatismus. Momentan liegt der Frauenanteil in Führungsetagen durchschnittlich bei ungefähr 40 Prozent und in der Belegschaft bei rund 70 Prozent. Das ist weit entfernt von einer fairen Repräsentation, und wir wollen das ändern. Trotzdem müssen wir uns bei allem Ehrgeiz in Geduld üben.

Wie reagiert der Sektor insgesamt auf die Untersuchung?

Carolin Müller-Bretl: Aktuell erheben wir Daten von 180 Organisationen. Es kommen stets weitere Organisationen freiwillig dazu – grundsätzlich wollen wir versuchen, den Sektor langfristig möglichst umfassend abzubilden. Daher haben wir die Erhebung auch niedrigschwellig angelegt. Im Wesentlichen erheben wir den Frauenanteil in der Belegschaft und bitten um eine Aufschlüsselung der Geschlechterverteilung innerhalb der obersten Entscheidungsgremien, sprich Geschäftsführung und Aufsichtsgremium.

Schiewer: Die Zahl der committed Organisationen nimmt zu, langsam, aber stetig. Zudem setzen sich die Organisationen allgemein mehr mit den Ergebnissen auseinander als noch beim ersten Monitor 2020 und melden sich bei uns mit Fragen, zum Beispiel zu ihrer Platzierung im Ranking oder der Funktionsweise des Index. Bedauerlich ist, dass sich nur ein Drittel aller Organisationen, die wir anschreiben, zurückmelden. Für die zwei Drittel stillschweigende Mehrheit recherchieren wir selbst, wobei viele Organisationen auf ihren Websites wenig Transparenz hinsichtlich der Geschlechterverteilung in ihrer Belegschaft zeigen.

Müller-Bretl: Wichtig ist uns, Folgendes festzuhalten: Das Ziel des Monitorings ist es nicht, Frauen als die besseren Führungskräfte darzustellen. Wir wollen einen Kulturwandel vorantreiben, der Chancengerechtigkeit und faire Repräsentation Wirklichkeit werden lässt. Unsere Erhebung dient der Problematisierung und Sichtbarmachung der strukturellen Benachteiligung von Frauen, die zahlenmäßig die größte Gruppe aus einer Vielzahl an diskriminierten und marginalisierten Bevölkerungsgruppen stellen. Wir möchten diesen Missstand transparent und messbar machen, so dass Entscheiderinnen und Entscheider sich zunehmend für fehlende Repräsentation verantworten müssen.

Wie gehen Sie mit Organisationen um, die gar nicht teilnehmen wollen oder die anfangs mitgemacht haben, dann aber ausgestiegen sind?

Schiewer: Organisationen werden von uns auch untersucht, wenn sie nicht teilnehmen möchten. Dazu recherchieren wir auf deren öffentlich zugänglichen Webseiten und in den Jahresberichten. Uns ist es wichtig, dass auch wir transparent vorgehen, daher schicken wir den Organisationen vor der Veröffentlichung die von uns recherchierten Zahlen zu, damit sie sie gegebenenfalls korrigieren können. Bisher nutzen jedoch nur die wenigsten diese Gelegenheit. Wir respektieren den Wunsch, nicht länger zum Monitor kontaktiert zu werden – die Organisation bleibt jedoch trotzdem Teil der Untersuchung.

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