Quelle: panthermedia/Markus BestingArgentinien erlebte 2001 den bislang größten Staatsbankrott. Die Entwicklungen des südamerikanischen Landes und Griechenlands in den Jahren vor der Insolvenz ähneln sich stark. Kann man aus der Historie Argentiniens Lehren für Griechenland ziehen?

Von Christian Gritzka

In den 1980er Jahren litt Argentinien unter wirtschaftlicher Instabilität sowie hoher Inflation. Daher beschloss die Regierung 1991, die heimische Währung fest an den US-Dollar zu binden. In der Folge sanken die teilweise dreistelligen Inflationsraten auf eine hohe einstellige „Restinflation“. Durch die Dollar-Bindung und die verbliebene Inflation verteuerten sich argentinische Produkte jedoch auf dem Weltmarkt und führten letztlich zu hohen Handelsbilanzdefiziten. Um diese zu finanzieren, stieg die Auslandsverschuldung Argentiniens rasant an.

Externe Krisen beeinflussen Argentiniens Wirtschaft
In den 1990er Jahren beeinflussten externe Faktoren die Wirtschaft Argentiniens: Mexiko und Brasilien werteten nach Wirtschaftskrisen ihre Währungen massiv ab. Deren Produkte wurden für den Weltmarkt deutlich billiger, die exportorientierte argentinische Wirtschaft litt darunter.

Nun setzte eine Spirale ein: die argentinische Wirtschaftslage verschlechterte sich weiter, zu der Krise in Lateinamerika kam der Zusammenbruch eines bedeutenden Hedgefonds. Die folgende Vertrauenskrise an den Kapitalmärkten führte zu einer Flucht des Anlagekapitals in sichere Werte. Anleger zogen ihr Kapital aus Argentinien ab, die Argentinier wurden misstrauisch gegenüber ihrem Bankensystem.

Folgen der Krise
Nachdem in Argentinien die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schossen, kam es zu Protesten der Bevölkerung. Die Zahl der Schwarzarbeiter stieg an, es bildeten sich lokale Tauschringe, die auf Warenaustausch beruhten, um einen Ausgleich für die immer wertloser werdenden Gehälter zu erzielen.

Wirtschaftsexperten forderten die Regierung auf, die Währung abzuwerten, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen und die Schuldenlast zu reduzieren, aber die Politiker wehrten sich dagegen. Sie befürchteten, durch eine folgende Kapitalflucht und Spekulationswellen alles noch schlimmer zu machen.

Im November 2001 informierte Argentinien den IWF, dass es die Haushaltsziele nicht erfüllen könne; daraufhin lehnte der Währungsfonds die Auszahlung eines Darlehens ab. Durch den wachsenden Bevölkerungsprotest sowie die Weigerung von lokalen Politikern, den bislang eingeschlagenen Wirtschaftskurs weiter zu unterstützen, erklärte Argentinien Ende Dezember 2001 schließlich seine Zahlungsunfähigkeit.

Argentinien nach der Insolvenz
Nach dem Staatsbankrott entschied sich Argentinien für eine Währungsabwertung. Die Folgen waren zunächst verheerend: das Vertrauen der Argentinier schwand weiter und der Verfall der Währung setzte sich fort. Die Regierung fror fast alle Bankeinlagen ein, um die Zahlungsfähigkeit der Banken zu erhalten. Die Arbeitslosenquote stieg auf 23%, die Armutsquote erreichte sogar 57%; die Wirtschaftsleistung brach 2002 um 12% ein.

Dies stellte aber der „Höhepunkt“ der argentinischen Krise dar. Ab Mitte 2002 stabilisierte sich die Währung; durch die Abwertung waren argentinische Produkte auf dem Weltmarkt wieder konkurrenzfähig. Gleichzeitig mussten viele Güter und Dienstleistungen, die vorher aus dem Ausland bezogen wurden, nun wieder im eigenen Land hergestellt werden, da die ausländischen Produkte zu teuer waren. Als Folge dessen wächst die argentinische Wirtschaft seit dem Jahr 2003 dynamisch, die Arbeitslosigkeit ging deutlich zurück.

Die Situation in Griechenland
Die griechische Krisengeschichte liest sich in weiten Teilen ähnlich: Die inflationsgeplagte Drachme wurde 2002 durch den stabilen Euro ersetzt, aber durch die inflationären Tendenzen der griechischen Volkswirtschaft wurden hellenische Produkte unattraktiv für den Weltmarkt. Das Handelsbilanzdefizit schoss in die Höhe, die Staatsverschuldung stieg immer weiter an.

Als dann 2007 durch die US-Subprime-Krise weltweit die sogenannte „Flucht in Qualität begann“, investierten Anleger nur noch sicher und kurzfristig. Das Misstrauen gegenüber Banken wuchs. Aufgrund dieser erneuten Vertrauenskrise begannen (reiche) Griechen, ihr Kapital außer Landes zu bringen. Es kam zu einer Rezession, Griechenland verfehlte die Haushaltsziele drastisch. Seitdem steigen die Arbeitslosenzahlen, die Bevölkerung geht auf die Straße.

Immer mehr Experten forderten nun den Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum. Am Ende der Entwicklung stand die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Bei der anschließenden Umschuldung waren sowohl bei Argentinien als auch bei Griechenland die Verbindlichkeiten bei überstaatlichen Schuldnern wie beispielsweise dem IWF ausgenommen.

Nach der Schuldenrestrukturierung scheint sich die Situation in Griechenland noch zu verschlimmern: die Proteste auf den Straßen dauern an, die Arbeitslosenzahlen steigen weiter. Auch wenn Griechenland inzwischen wieder eine beschlussfähige Regierung hat, wurden bislang noch keine der angekündigten Strukturreformen umgesetzt, die harten Sparmaßnahmen halten die Wirtschaft weiterhin im Würgegriff.

Aber es gibt erste Lichtblicke: das Reallohnniveau der Griechen hat sich innerhalb eines Jahres um 25% gesenkt – ein erster Schritt zu mehr Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands ist getan.

Der Unterschied zu Argentinien
Auch wenn es viele Parallelen zwischen Argentinien und Griechenland gibt, existiert ein großer Unterschied: die Südamerikaner wurden erst wieder wettbewerbsfähig, nachdem sie ihre Währung abgewertet haben. Erst dadurch gewannen argentinische Produkte für das Ausland wieder an Attraktivität und der Anreiz, innerhalb des Landes Investitionen zu tätigen, stieg.

Dieser Schritt bleibt den Griechen bislang verwehrt, da die europäischen Politiker die Ansteckungsgefahren fürchten. Weitere Sparmaßnahmen in Hellas sind jedoch nicht mehr möglich, da die Schmerzgrenze bei der Bevölkerung bereits erreicht ist.

Die Historie zeigt, dass ein Euro-Austritt Griechenlands der einzig wirkungsvolle Schritt sein dürfte, um die Wirtschaftskraft Griechenlands – und auch ganz Europas – wieder zu stärken. Nur ein solcher Schritt würde dafür sorgen, dass die griechische Wirtschaft wieder international wettbewerbsfähig werden würde – und auch der für Griechenland so wichtige Tourismus könnte erheblich davon profitieren.

Ohne diese Maßnahme dürfte die Staatsschuldenkrise weiter andauern, der Druck auf ein Auseinanderbrechen des gemeinsamen Währungsraumes würde weiter zunehmen. Auch wenn die Rückkehr zur Drachme die Krise zunächst weiter verstärken würde, wäre dies der beste und schnellste Weg, um Europa wieder zurück zu wirtschaftlicher Stärke zu führen.

Christian Gritzka ist seit 2001 Prokurist und Portfolio Manager bei der Knapp Voith Vermögensverwaltungs AG mit Sitz in Hamburg. Das Unternehmen betreut neben Stiftungen auch das Vermögen von Privatpersonen sowie Family Offices.

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