In einer Phase der immensen Marktbelastungen liegt der Schluss nahe, dass der Weltuntergang bevorsteht. Wer glaubt, dass die Europäische Union auseinander bricht und Chinas Wachstum mit kreischenden Bremsen zum Stehen kommt, baut jetzt vermutlich Bunker und betreibt Überlebenstraining. Dr. Michael Hasenstab ist nicht in Panikstimmung. Er ist sogar zuversichtlich, dass die Eurozone fortbesteht und China nicht in Feudalismus zurückfällt. Dennoch glaubt er, dass auf den Finanzmärkten derzeit bahnbrechende Ereignisse stattfinden, die in Zukunft Folgen für Anleger haben – einige positive, aber auch weniger günstige. Als langfristiger Investor stellt er sich auf diese möglichen künftigen Konsequenzen ein und positioniert sich entsprechend.

Quelle: panthermedia/Joachim OpelkaGelddrucken ist nicht die Lösung
Hasenstab macht sich weniger Sorgen um den europäischen Finanzmarkt: Er geht nach wie vor davon aus, dass die Brandmauern für einen eventuellen Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone gezogen sind – dass das europäische Finanzsystem auf einen „Grexit“ vorbereitet ist. Langfristig hält er diese Option für positiv, wenn die Alternative in der unbegrenzten Bezuschussung Griechenlands durch den Rest der EU besteht. In Spanien und Italien erkennt er Anzeichen für allmähliche Fortschritte und sieht Gründe für Optimismus in Bezug auf Europas Zukunft. Die Lage ist heikel, doch Weltuntergangsstimmung ist meines Erachtens nicht angebracht. Griechenland liegt finanziell offenbar in den letzten Zügen, Italien und Spanien, wie ich es sehe, aber keinesfalls.“, so Hasenstab wörtlich.

Sobald die Panik im Zuge der Krise in der Eurozone nachlässt, hält er zwei andere Themen aus langfristiger Investmentperspektive für erwägenswert: die lockere Geldpolitik, die viele Zentralbanken seit Jahren verfolgen, und eine wirtschaftliche Neuausrichtung in China.

Seit Einsetzen der Finanzkrise in den USA 2008/2009 haben die US-Notenbank Federal Reserve und mehrere weitere Zentralbanken weltweit diverse Anreizmaßnahmen ergriffen, um kurzfristige Marktschocks abzufedern und Wachstum anzukurbeln. Diesen Ansatz hält Hasenstab jedoch für falsch: „Ein Land kann eine Liquiditätskrise bewältigen, indem es Geld druckt, doch eine Solvenzkrise überwindet es so nicht – und Arbeitslosigkeit ebenso wenig. Die Arbeitslosenquote in den USA ist hoch, weil das Land einen typischen Aufschwung nach dem Crash im Zuge einer Finanzmarktkrise erlebt, von dem es sich womöglich erst in zehn Jahren erholt. Die Druckerpressen sorgen für Liquidität, beschleunigen diesen Prozess aber nicht, der für Inflation und Kapitalflüsse meines Erachtens in Zukunft eher negative als positive Folgen haben wird.“

Ein Teil dieses frisch gedruckten Geldes rekapitalisiert zwar das kranke Finanzsystem im eigenen Land, doch ein Teil fließt auch auf andere Märkte. Hasenstab glaubt, dass solche Geldströme Schutz vor einer potenziellen Kreditklemme in den Schwellenländern bieten können, was er positiv wertet. Der von den USA ausgelöste „geldpolitische Tsunami“ könnte aber in anderen Ländern auch Inflation herbeiführen, wenn die vielen Dollars das System überfluten und die Rohstoffpreise in die Höhe treiben.

„Wenn die großen Volkswirtschaften Geld drucken und ihre Währungen dadurch abwerten, sucht sich das Publikum in der Regel Wertspeicher. Das Verpacken von Rohstoffen in Finanzinstrumente halte ich für eine direkte Folge dieser anhaltenden quantitativen Lockerungspolitik. Anziehende Rohstoffpreise machen sich gewöhnlich zuerst auf Schwellenmärkten bemerkbar, die stärker vom Rohstoffverbrauch abhängen und höhere Preise nicht so gut absorbieren können. Auf manchen dieser Märkte haben wir vorübergehend rückläufige Inflation festgestellt, doch sie ist immer noch ein Grundthema, das sich kaum verflüchtigen dürfte. In Anbetracht dieses außergewöhnlichen Experiments mit geldpolitischen Lockerungen müssen wir damit ausgesprochen defensiv umgehen.“

Quelle: panthermedia/Heiko KüverlingSchlussfolgerungen
Was bedeutet das alles heute für einen Anleger? „Es gibt keinen Free Lunch mehr.”, sagt Hasenstab. Mehr Rendite bedeutet also auch mehr Risiko. Als Investor glaubt er aber nach wie vor an Anlagechancen in Ländern, die Wachstum verzeichnen, allem Anschein nach verantwortungsvolle Fiskalpolitik betreiben und kein Fremdkapital abbauen. Und die findet er auch. Von der Vorstellung von einer „risikolosen“ Anlage hat er sich schon vor einiger Zeit verabschiedet: „Nach meiner Überzeugung ist keine Anlage mehr risikolos. Die Frage ist, ob man für eingegangene Risiken entschädigt wird. Die Lage ist zwar ernst, doch die Welt wird meines Erachtens nicht untergehen. Chancen gibt es immer, und mit langfristiger Perspektive können sie sich meiner Ansicht nach auszahlen.“

Hasenstabs Einschätzungen in aller Kürze:

„Die Lage ist heikel, doch Weltuntergangsstimmung ist meines Erachtens nicht angebracht. Griechenland liegt finanziell offenbar in den letzten Zügen, Italien und Spanien, wie ich es sehe, aber keinesfalls.“

„Ein Land kann eine Liquiditätskrise bewältigen, indem es Geld druckt, doch eine Solvenzkrise überwindet es so nicht – und Arbeitslosigkeit ebenso wenig.“

„Nach meiner Überzeugung ist keine Anlage mehr risikolos. Die Frage ist, ob man für eingegangene Risiken entschädigt wird. Chancen gibt es immer, und mit langfristiger Perspektive können sie sich meiner Ansicht nach auszahlen.“

Quelle: TempletonDr. Michael Hasenstab ist Senior Vice President und Co-Director des International Bond Department der Franklin Templeton Fixed Income Group.

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