Zweimal im Jahr lädt die Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch zum Presselunch und erläutert die Welt der Finanzmärke aus ihrer Sicht heraus. So auch jetzt wieder. In Frankfurt kamen rund 15 Journalisten der Einladung nach, um dem Experten – Bert Flossbach – zu lauschen und mit ihm zu diskutieren. Einmal mehr eine spannende Angelegenheit.
Von Tobias Karow

In seinen Ausführungen nahm sich Bert Flossbach diesmal den deutschen Kapitalanleger ein wenig zur Brust. Ist der Deutsche ein schlechter Anleger? Mit dieser Frage sprach er eine unangenehme Wahrheit aus, die die Deutschen aber leider viel Geld kostete und noch mehr Geld kosten wird. Für Flossbach steht der deutsche Michel dem Thema Aktie fast schon phobisch gegenüber, was auch aus der Verteilung des deutschen Geldvermögens deutlich wird. Etwa 3.500 Mrd. EUR hält der Deutsche allein in Bargeld und Einlagen sowie aus Ansprüchen gegenüber Versicherungen. Ganze 264 Mrd. EUR würden in Aktien investiert sein, im Vergleich zum Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft, in die man eigentlich Vertrauen haben müsste, ein vergleichsweise lächerlicher Wert. Der typische deutsche Anleger ist grundsätzlich falsch aufgestellt, denn in Zeiten niedriger Zinsen sind Anleihen unter Umständen keine gute Idee, Aktien aber dagegen auf jeden Fall keine schlechte.

Noch lange Jahre Niedrigzinsen
Womit Flossbach beim Kern seiner Thesen war. Das Niedrigzinsumfeld wird noch eine ganze Weile anhalten, es würde ihn nicht verwundern, würden es noch zehn oder mehr weitere Jahre werden. Mit einer Kultur, die Anlagen in Aktien fast schon verteufeln, sei dem Anlagedilemma aber nicht beizukommen. Anders machten es die Amerikaner, die von Haus aus schon anders investierten, mittlerweile sich aber noch stärker der Aktie zugewendet hätten. Der größte Fonds der Welt sei mittlerweile ein ETF auf den S&P 500, mit annähernd 250 Mrd. EUR Volumen. Aber sollen Anleger bedingungslos auf die Aktie setzen? Bedingungslos nicht, allerdings mit Bedacht. Flossbach verglich die aktuelle Situation mit jener von Magellan, der, als er die erste – mutmaßlich schlimmste – Klippe umschifft hatte, erkannte, dass das Abenteuer nun erst recht startete. Eine schöne Analogie.

Keine Karte für die aktuelle Reise
Die Wirren der Finanzkrise hätten wir umschifft, aber nun befänden wir uns in einer bisher so noch nie gekannten Situation. Finanzanalysten würden hier von einer unchartered area sprechen. Es gäbe laut Flossbach keine Karte dafür, was jetzt die beste Maßnahme wäre. Die Japaner haben bewiesen, ein System mehr als 20 Jahre am Laufen halten zu können, nachdem ein Überboom zu spekulativen und kreditfinanzierten Übertreibungen geführt hätte. Flossbach zitierte einen Experten, der meinte, es könne noch lange so weitergehen, denn die Notenbanken haben nahezu unendliche Ressourcen, neues Geld in Umlauf zu bringen. Das dürfte dazu führen, dass sich so etwas wie Normalität an den Finanzmärkten zunächst nicht einstellen wird. Stattdessen wird es normal sein, dass tiefes Wachstum und niedrige Inflation niedrige Zinsen bedeuteten.

Sind wir alle Japaner?
Die Frage die sich stellte, ob die Situation in Japan nun die Blaupause für die USA und Europa sei, sein könnte. Flossbach wusste an dieser Stelle überzeugend darzulegen, was gegen steigende Zinsen vor allem in den USA spricht. Einmal verträgt der US-Häusermarkt aktuell noch keine höheren Zinsen. Daneben bedeuteten höhere US-Zinsen nahezu unkalkulierbare Turbulenzen für die Emerging Markets. Wie derlei aussehen könnte, war im Frühsommer dieses Jahres zu beobachten gewesen. Manche Börsen seien förmlich eingestürzt. Vor allem aber, und das ist für Flossbach das entscheidendste Argument gegen steigende Zinsen in den USA, würden die Staatshaushalte steigende Zinsen nicht vertragen. Demgemäß müssten Anleihen relativ zu Aktien unattraktiv sein, für Flossbach besteht die große „Challenge“ darin, bei Aktien irgendwie mit dabei zu sein. Die Schere zwischen unattraktiven Anleihen und attraktiven Aktien ist jedenfalls noch so weit geöffnet, dass genügend Platz für höhere Aktiennotierungen sei.

Veto pro Aktie?Foto: Tobias Karow
Wichtig sei, ein Portfolio mit den Bewertungen der Aktien atmen zu lassen, gleichzeitig aber nicht desinvestiert zu sein. Wenn aber Aktien weiter stiegen, könnten sie auch zum Feind beispielsweise des Goldes werden. Letzteres ist für Flossbach ein Muss in jedem Portfolio, jedoch in Maßen. Zehn Prozent könne heute jeder vertreten, und auf die Frage, ob denn Gold nicht seinen Zenit längst überschritten hat, zog Flossbach die Geldmengenkarte. Geld würde viel stärker oder schneller vermehrt als Gold, zumal das spekulative Kapital mittlerweile weitgehend aus dem Goldmarkt ausgestiegen sei. Auch würden sich die Inder von einer zusätzlichen Steuer ihren natürlichen Goldhunger nur temporär vermiesen lassen. Insofern könnte Gold weiterhin eine interessante Anlagealternative zu einem Papiergeldinvestment sein, aber im Vergleich zur Aktie wirft Gold keine regelmäßigen Erträge ab, weshalb das Veto des Anlegers im skizzierten Umfeld tendenziell eigentlich in Richtung Aktie tendieren müsste. Gleichzeitig sei Gold kein schlechtes Investment, noch zudem es preislich ordentlich korrigiert habe.

Fazit
Bert Flossbach ist bekannt für seine klaren Worte, insbesondere zur Verfassung der Staatsfinanzen. Diese machen ihm nach wie vor Sorgen, allerdings kann auch er nicht sagen, wohin die Reise künftig wirklich geht. Denn Geld drucken könnten die Notenbanken ewig, Japan macht es uns aktuell einmal mehr vor. Die Folgen dessen sind nicht abzusehen, einzig eine Entwertung der Währungen sei kaum auszuschließen. Als Anleger müsse man dies antizipieren und sich mit dem Thema Aktie vordergründiger befassen. Für Flossbach ist das fast schon ein therapeutischer Auftrag. Es wirkt dabei aber so, als mache es ihm Freude, Anleger für die Aktie zu bekehren. Zeit jedenfalls ist es dafür, höchste Zeit sogar.

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