Bei der Suche nach passenden Lösungen für eine nachhaltige Kapitalanlage treffen Stiftungen auf viele offene Fragen. Neben unterschiedlichen Nachhaltigkeitsbegriffen ist auch die Datenlage unübersichtlich und lückenhaft. Wie finden sich institutionelle Anleger wie Stiftungen und Finanzdienstleister angesichts einer Vielzahl an Bewertungsmaßstäben zurecht?

Die Berücksichtigung von ESG-Faktoren (Um­welt, Soziales, Governance) und eine nachhaltige Kapitalanlage soll zum Standard werden, eine Selbstverständlichkeit wie Angurten oder Zähneputzen. Regulierungen auf EU-Ebene und internationale freiwillige Selbstver­pflichtungen haben das Ziel, den Fußabdruck von Investitionen in Sachen Klimawirksamkeit, aber auch anderen Nachhaltigkeitsfaktoren sichtbarer zu machen. Tatsächlich nehmen die Investitionen im Bereich der nachhaltigen Kapitalanlage stetig zu – seit August 2022 sind Dienstleister wie Vermögens­verwalter und Banken in der EU durch die Richtlinie Mifid 2 (Markets in Financial Instruments Directive) sogar verpflichtet, im Beratungsgespräch Nachhaltigkeitspräferenzen zu klären.

Was heute ins Bewusstsein vieler Stiftungen und anderer Anleger gerückt ist, war es bis vor kurzem keineswegs. Der Weg in die nachhaltige Kapitalanlage und zu einem nachhaltig ausge­richteten Portfolio kann beschwerlich sein, wie die Erfahrung von Edith Wolf, Vorständin der Vector-Stiftung, zeigt. Als sie vor sechs Jahren von der Robert-Bosch-Stiftung an ihre neue Stelle wechsel­te, habe sie das Portfolio der unternehmensverbun­denen Vector-Stiftung in einer Struktur vorgefun­den, die vor allem an Rendite und Risiko orientiert war. Ausschlüsse auf bestimmte Aktientitel, bei­spielsweise von Unternehmen aus der Rüstungsindustrie, sowie der Best-in-Class-Ansatz seien zwar vorhanden gewesen, erinnert sich die 51-Jährige. Die Entscheidung aber, das gesamte Stiftungsver­mögen nachhaltig anzulegen, brauchte laut Wolf „ein paar Diskussionen“ mit dem Stiftungsrat sowie den eigenen Vermögensverwaltern – und führte zu kontroversen Gesprächen: zum Beispiel über Anlei­hen des französischen Energiekonzerns EDF. Ein Vermögensverwalter hatte sie der Stiftung empfoh­len, doch für Wolf kam und kommt eine Investition in Atomkraft und Gas nicht in Frage – unabhängig von der umstrittenen politischen Entscheidung, beide Energieträger entgegen den Empfehlungen der Expertenkommission als nachhaltig in die EU-Taxonomie aufzunehmen.

Nach und nach nachhaltig

Inzwischen hat Wolf das Stiftungsvermögen, das heute einem Wert von 50 Millionen Euro entspricht, sukzessive mit Fokus auf Nachhaltigkeit anlegen lassen. Von den Anleihen, die insgesamt 80 Prozent des Stiftungskapitals ausmachen, sind wiederum 80 Prozent oder 32 Millionen Euro in Green Bonds und Social Bonds (Finanzierung nachhaltiger Pro­jekte), Sustainability-linked Bonds (Kuponhöhe be­rücksichtigt Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen) und Anleihen angelegt, deren Emittenten den UN Global Compact unterzeichnet haben. Auch beim in Aktien angelegten Stiftungsvermögen kommen Nachhaltigkeitskriterien zum Einsatz. Hier setzt die Stiftung auf Artikel-8- sowie die weiter reichenden Artikel-9-Fonds.

„Standardisierte Nachhaltig­keitskennzahlen gibt es heute nicht.“

Edith Wolf, Vector-Stiftung

„Es war und ist ein Lernprozess auf allen Sei­ten“, sagt Wolf über die Diskussionen. Auch die fälschliche Vorstellung, dass nachhaltige Finanz­produkte per se weniger Rendite erwirtschafteten, sei ihr begegnet. Dass man nicht auf Performance verzichte, wenn man nachhaltig anlege, sei jedoch längst bewiesen, sagt Wolf. Vorgaben wie Mifid 2 sieht sie positiv: „Das schärft das Bewusstsein“ – insbe­sondere auf Investorenseite. Regularien seien sehr wichtig, „um den Markt zu zwingen, überhaupt in eine nachhaltige Richtung zu gehen“.

Und so verändern sich die Fragen in Sachen nachhaltige Kapitalanlage: Stand in der Vergangenheit das Ob im Mittelpunkt – inklusive vieler Vorurteile und Wissenslücken –, geht es nach Jahren der öffentlichen Diskussion und zunehmen­den Regulierung um die Frage nach dem Wie. Damit ist der Einstieg einfacher, aber die Ausgestaltung noch lange nicht selbsterklärend geworden: Inves­toren, die beginnen, sich mit dem Thema zu be­schäftigen, stehen nicht nur vor der Frage, wie streng und in welcher Ausrichtung sie Nachhaltig­keit umsetzen möchten – sie treffen auch auf eine komplexe Datenlandschaft: Alleine für ESG-Ratings (Umwelt, Soziales, Governance) von Unternehmen gibt es im europäischen Raum 59 unterschiedliche Anbieter, die den Nachhaltigkeitsbegriff unter­schiedlich verwenden und messen, sagt André Höck, der beim Assetmanager EB-SIM der Evangeli­schen Bank für nachhaltige Investments verant­wortlich ist. Die unterschiedlichen Ansätze dieser Vielzahl von Anbietern empfindet auch Wolf als Pro­blem. „Standardisierte Nachhaltigkeitskennzahlen gibt es heute nicht.“ Die Suche nach dem eigenen Fußabdruck wird dadurch nicht einfacher. Sie erfor­dert Initiative der Anleger.

Edith Wolf hat sich als Vorständin der Vector-Stiftung dazu entschlossen, das Stiftungskapital nachhaltig anlegen zu lassen.

Edith Wolf ist Vorständin der Vector-Stiftung. Foto: Vector-Stiftung

Bereits auf der Stufe vor dem Rating besteht Handlungsbedarf: Die nachhaltigkeitsbezogene Be­richterstattung von Unternehmen sei nach wie vor zu anekdotisch und lückenhaft, sagt Olga Emelianova, die beim Datenanbieter MSCI im Bereich ESG-Forschung tätig ist. Auch wenn Unternehmen heute deutlich umfangreicher berichteten als in der Vergangenheit, sei es immer noch ein langer Weg zu einer konsistenteren Datenlage. „Die Verordnungen scheinen recht eindeutig zu sein, aber wenn man sie genauer betrachtet, fehlen ihnen klare Definitio­nen“, sagt Emelianova.

Die richtigen Daten für eine nachhaltige Kapitalanlage?

Maßnahmen wie die Corporate Sustainability Re­porting Directive (CSRD), die die nachhaltigkeitsbe­zogenen Berichtspflichten in der EU ab dem Jahr 2023 erweitert, sollen Abhilfe schaffen. Betroffen sind alle an Börsenplätzen in der EU notierten Un­ternehmen und solche, deren Bilanzsumme 20 Milli­onen Euro übersteigt, die mehr als 40 Millionen Euro Nettoumsatzerlöse verbuchen und mehr als 250 Mitarbeiter zählen. Sie müssen künftig die Wir­kung von Nachhaltigkeitsaspekten auf ihre eigene wirtschaftliche Lage sowie die Auswirkungen der Unternehmensaktivitäten auf Nachhaltigkeitsaspekte offenlegen. Für Emelianova ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig sei es außerdem zu fragen, welche nachhaltigkeitsrelevanten Zahlen allgemein wichtig seien – und welche für bestimmte Sektoren. „Natürlich brauchen wir viele Daten, aber noch wichtiger ist es, dass wir die relevanten Daten bekommen.“

Insgesamt sei die CSRD, so Höck, ein Meilen­stein zur Verbesserung der Datenqualität. Weitere Schritte werden folgen. So habe sich auch die Euro­päische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) auf den Weg gemacht, die Standardisierung von ESG-Ratings voranzutreiben, wie aus einem Ende Juni erschienenen Call for Evidence hervor­geht. „Der Regulator dreht an den richtigen Stell­schrauben“, sagt Höck.

Finanzdienstleister wie MSCI ergänzen die bis­her von den Unternehmen bereitgestellten Daten durch eigene Analysen, Modelle und Datenpunkte. Der weltweit größte Datenanbieter der Finanzindustrie betrachte für jedes Unternehmen rund 1.000 zusätzliche Indikatoren, so Emelianova. Dazu gehöre unter anderem der physische Standort der Geschäftstätigkeit und die Aufschlüsselung der Ein­nahmeströme von Unternehmen: „Welche Produkte stellen Sie her? Welche Art von Dienstleistungen? Wie groß ist der Anteil eines bestimmten Produkts an Ihren Einnahmen? Wie viele Lieferanten haben Sie in Ihrer Lieferkette? Was genau tun diese Liefe­ranten für das Unternehmen?“, lauten die Fragen. Die Unternehmen verfügten jedoch nicht immer über vollständige Informationen zu jedem dieser Aspekte ihres Geschäfts, so die ESG-Expertin.

„Lücken schließen“

Auch J.P. Morgan Asset Management greift ange­sichts unzureichender Unternehmensangaben und unterschiedlicher ESG-Ratings auf eigene Modelle zurück. Um „Lücken zu schließen“, sagt Roland Rott, Leiter des Sustainable Investing Research. Durch die Kombination offengelegter und eigener, modellgenerierter Daten habe man eine Übergangs­lösung für Unternehmensvergleiche und darauf ba­sierende Investitionsentscheidungen. Dabei, so Rott, sei es selbst „für die am besten ausgestatteten Vermögensberater keine einfache Aufgabe, eine umfassende Datenbank mit allen wichtigen Nach­haltigkeitskennzahlen aufzubauen“. Einerseits, weil die Inanspruchnahme von Datendienstleistern kostspielig sein kann, andererseits aufgrund der Datenlücken auf Unternehmensseite.

Dennoch ist mittlerweile einiges in Bewegung geraten was die Möglichkeiten in Sachen nachhaltige Kapitalanlage angeht. Neue Offenlegungsstandards für Daten wie Kohlenstoffemissionen auf Unternehmensseite ver­ringerten zum Beispiel die Abhängigkeit von ande­ren Kennzahlen, so Rott. Gängige Modelle zur Mes­sung von Unternehmensemissionen im Markt be­ziehen sich etwa auf die unterschiedlichen Ebenen Scope 1 bis Scope 3. Während der Ausstoß, den das Unternehmen selbst verursacht (Scope 1), recht einfach zu erfassen ist, wird dies bei eingekaufter Energie (Scope 2) bereits deutlich schwieriger. Die gesamte Lieferkette bis hin zu den Zulieferern der Zulieferer zu durchleuchten, ist eine entsprechend große Herausforderung. Daher kommt bei Scope 3 Schätzungen bislang noch eine große Rolle zu. Dass die Gesamtbetrachtung aller Elemente entschei­dend für die Bewertung ist, zeigt ein plakatives Bei­spiel zweier unterschiedlicher Branchen: Während etwa Hersteller von Automobilen mit Verbren­nungsmotor die größte CO2-Belastung erst bei der Nutzung ihrer Produkte verantworten, erreichen Zementhersteller ihr Maximum bereits bei der Pro­duktion.

„Natürlich brauchen wir viele Daten, aber noch wichtiger ist es, dass wir die relevanten Daten bekommen.“

Olga Emelianova, MSCI

Wie geht es nun weiter? In der aktuellen Situation sind für EB-SIM-Experte Höck zwei Fragen zen­tral: „Was wird gemessen – und wie wird es gemes­sen?“ Sie werden allerdings von den Finanzdienst­leistern unterschiedlich beantwortet. Bereits für Anbieter von Finanzprodukten wie Banken und Ver­mögensverwalter sei es herausfordernd, die Metho­dik von ESG-Ratings im Detail zu verstehen: Wäh­rend manche Agenturen für ihr ESG-Rating ein Peer- Group-Vergleich durchführten, berechneten andere ein absolutes Rating, weshalb Transparenz seitens der Produktanbieter elementar sei, so Höck. Es be­dürfe erfahrener Spezialisten, um die Unterschiede zwischen den Nachhaltigkeitsratings genau zu ver­stehen. Außerdem würden für ESG-Ratings mitun­ter unterschiedliche Fragebögen genutzt oder auf verschiedene Rohdaten zurückgegriffen. Eigene Nachhaltigkeitskennzahlen von Finanzdienstleis­tern würden helfen, ein umfassendes Nachhaltig­keitsbild zu erhalten. EB-SIM etwa beziehe zwar Ra­tings von etablierten Datenanbietern, werte jedoch auch selbständig ESG-Rohdaten aus, die in die Un­ternehmensbewertung des Vermögensverwalters mit einfließen würden. Weitere Metriken also, die verstanden sein wollen.

Passend zur Strategie

Die grundsätzliche Vielzahl an unterschiedlichen Nachhaltigkeitskennzahlen im Bereich nachhaltige Kapitalanlage sei jedoch nicht das Problem, so Höck. Jedes Rating habe unterschiedli­che Stärken und Schwächen. Man müsse verstehen, welche Kennzahlen zu den eigenen Investitionsent­scheidungen passten – was wiederum eine Beschäf­tigung mit der eigenen Strategie erfordert. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Emelianova. Ratings würden sich in ihren Zielen und Methoden unterscheiden. Es sei wichtig zu verstehen, „welche Ratings zu den eigenen Anlageentscheidungen pas­sen“.

Nicht nur Banken und Vermögensverwalter, sondern auch Investoren wie die Vector-Stiftung er­warten von Regularien, dass sie eine Wirkung erzie­len. Ob kommende Richtlinien und Standards die­sen Forderungen gerecht werden, wird sich, trotz der gebotenen Eile, erst zeigen müssen. Dabei wird es auch darauf ankommen, wie zwingend Stiftungen und Investoren ihr Kapital nachhaltig anlegen wol­len. „Ein Wandel muss stattfinden“, so Wolf. „Investitionsentscheider sollten nicht mehr gut schlafen können, wenn sie sich die Notwendigkeit zur nach­haltigen Kapitalanlage nicht bewusst machen.“

Mehr zum Thema nachhaltige Kapitalanlage im Stiftungssektor lesen Sie hier.

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