DIE STIFTUNG: Wo sehen Sie latente Risiken für das (Vermögens-) Management einer Stiftung?
Monika Müller: Also ich nehme wahr, dass die langfristige Perspektive bei Stiftungen ein wenig verloren geht. Das betrifft auch das Vermögen. Der kurzfristige Anlagehorizont ist das größte Risiko. Gute Strategien sind solche, die über Jahrhunderte Bestand haben und auf solch eine Strategie müssen Stiftungen zurückgreifen. Das Risiko bezieht sich beispielsweise auf Nachrichten oder auch auf Berater, die eine Stiftung dazu bringen können, sich mit einem kurzfristigen Problem an den Märkten eingehender zu beschäftigen, als sie dies eigentlich müsste. Was Stiftungen unterstützen könnte, sind Vorbilder und zwar solche, die es über Jahrhunderte hinweg geschafft haben, sich immer wieder neu zu erfinden. Oder Stiftungen könnten sich auch erfolgreiche Unternehmen anschauen und versuchen bewährte Strategien im Umgang mit Geld und Risiko abzuleiten.

DIE STIFTUNG: Haben Sie solch ein Vorbild für uns parat?
Müller: Das 1760 in Zürich gegründete Schweizer Unternehmen Pestalozzi beispielsweise ist ein Unternehmen in der siebten Generation. Deren Erfolgsgeheimnis sind unter anderem regelmäßige, teilweise tiefgreifende Transformationen. Ganz besonders beeindruckend ist eine Richtlinie für den Umgang mit Geld, die nicht verschriftlicht ist, die aber von Generation zu Generation weitergetragen wird und für jeden Unternehmenslenker ein hohes Maß an Verbindlichkeit besitzt. Es braucht diesen roten Faden im Umgang mit Geld und Risiko.

DIE STIFTUNG: Kann das, bezogen auf eine Stiftung, eine Anlagerichtlinie sein?
Müller: Diese Parallele kann gezogen werden, das ist richtig. Stiftungen haben das Problem, dass mangelnde Diversifikation in der Vermögensanlage, zu hohe Kosten für Anlageprodukte und zu wenig bewusster Umgang mit Risiko, eine gefährliche Mixtur darstellen. Entscheider, Berater oder Vermögensverwalter von Stiftungen legen wahrscheinlich viel Wert auf die Produktauswahl und manchmal etwas zu wenig auf die Rahmenbedingungen für Stiftungen. Aber insbesondere die Verhaltensaspekte bei guten Entscheidungen werden vernachlässigt. Dabei werden wertvolle Chancen für das Geld verpasst.

DIE STIFTUNG: Wie kann sich eine Stiftung gegen die Verhaltensrisiken wappnen?
Müller: Stiftungen brauchen einen roten Faden für ihr Vermögen. Mit einem unabhängigen Berater sollte ein Kriterienkatalog für gute Anlageentscheidungen entwickelt werden, der auch für die bestehenden Beziehungen zu Banken und Vermögensverwaltern angewandt wird. Und wenn es nötig ist, dann sollten Stiftungen auch den Mut aufbringen, den Berater, die Bank oder den Vermögensverwalter zu wechseln. Aus meinen Gesprächen zur Vorbereitung auf das Expertenforum Risikoprofiling mit dem Schwerpunkt Stiftungen, entsteht der Eindruck: Stiftungen sind oft abhängig von wenigen – lokalen – Banken und deren Standardprodukten. Ein Blick über den Tellerrand könnte helfen, die Vermögensanlage zu professionalisieren.

DIE STIFTUNG: Sehen die das Niedrigzinsumfeld vor diesem Hintergrund als Risiko oder als Chance, sich professioneller aufzustellen?
Müller: Für mich ist eine Krise ganz klar immer auch eine Chance. Insofern kann diese Krise, für die Stiftungen ja zunächst nichts können, eine Chance sein, sich kritisch zu hinterfragen. Das Risiko besteht darin, hier nicht tief genug zu graben bei den Veränderungen. Alleine neue Produkte und das Eingehen von mehr Anlagerisiko reichen nicht für dauerhaft bessere Entscheidungen. Anlageprozesse sollten so aufgestellt sein, dass sie in jeder Marktphase funktionieren.

DIE STIFTUNG: Wenn Sie einer Stiftung einen Tipp zu ihrem Risikomanagement geben dürften, wie sähe dieser aus?
Müller: Zuerst einmal gilt es zu verstehen, was die Entscheider in den Stiftungen mit Risiko verbinden, wie sie Risiken wahrnehmen, welche Risikobereitschaft die Entscheider haben, welche gemeinsamen Stärken und blinde Flecken bzw. Schwächen sie haben und, damit verbunden, in welchen Denk- und Entscheidungsmustern sie unbewusst gefangen sind. Diese Reflexion hilft, ein gemeinsames Verständnis für gute Entscheidungen zu entwickeln. Und es gibt Anregungen für das Gespräch auf Augenhöhe mit dem Berater oder Vermögensverwalter. Nehmen wir den Begriff: Risiko. Der kommt ja einmal von ‚risk‘, also aus dem Griechischen und meint damit Gott gegeben, und von ‚risikare‘, was im Ursprung umschiffen meint. Während also einer das Risiko als nicht beeinflussbar kategorisiert, ist es für den anderen zu handhaben, zu umschiffen. Wenn das in den Köpfen der Beteiligten, beispielsweise in einer Anlageausschusssitzung einer Stiftung, drin ist, wird es schwierig auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Wir empfehlen jedem, der wichtige Finanzentscheidungen trifft, ein persönliches Risikoprofil der beteiligten Entscheider zu erstellen. Treffen zwei oder mehr Menschen Finanzentscheidungen gemeinsam, sind unterschiedliche Bedürfnisse vorprogrammiert. Dann hilft es, darüber bewusst zu sprechen, damit bei neuen Vermögensanlagen oder Vermögensumstrukturierungen keine emotionalen Blockaden aufkommen, sondern gute gemeinsame Entscheidungen entstehen.

DIE STIFTUNG: Wo sollte eine Stiftung tendenziell eher ansetzen: auf der Einnahme- oder Ausgabenseite?
Müller: Professionalisierung ist sicher auf beiden Seiten sehr wertvoll. Doch dazwischen liegt immer die Verwaltung des Vermögens, damit aus Einnahmen auch mal Ausgaben werden können. Darauf sollten Stiftungen sehr viel mehr Acht geben. Denn hier ist noch viel drin: kostengünstige und zugleich performancestarke Produkte gibt es immer mehr. In den USA zahlen Anleger für Beratung und erhalten zum Teil schon Fonds ganz ohne Kosten. Davon sind wir in Deutschland leider noch ein bisschen entfernt. Die Konkurrenz aus dem Internet wie Robo-Adviser, innovative kundenzentrierte Berater und aufgeklärte, kritische Kunden werden diese Situation jedoch in naher Zukunft ändern.

DIE STIFTUNG: Dann lassen Sie uns von heute an daran arbeiten. Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Tobias M. Karow.

 

monica_mueller_300dpiMonika Müller ist Diplom-Psychologin, Master Certified Coach (ICF) und seit 1999 Geschäftsleiterin von FCM Finanz Coaching. Sie ist darauf spezialisiert durch Coaching, Seminare und Organisationsentwicklung Finanzentscheidungen, Finanzberatung und die Entwicklung von Finanzdienstleitungsunternehmen zu optimieren.

 

Hinweis: Monika Müller ist mit ihrem Unternehmen Organisatorin des 7. Expertenforums „Risikoprofiling von Anlegern“ am 18. Juni 2015 in den Räumen der IHK in Wiesbaden. Verlagsleiter von DIE STIFTUNG, Tobias Karow, wird hier zwischen 12 und 13 Uhr in einer offenen Runde zum Thema „Gehen wir jedes Risiko ein, um Sicherheit zu erlangen?“ mit anderen Experten diskutieren. Alle Informationen zur Veranstaltung und den vergünstigten Anmeldemöglichkeiten für Leser von DIE STIFTUNG finden Sie hier.

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