Die Pestalozzi-Stiftung mit Sitz in Burgwedel stand aufgrund von Misshandlungs- und Missbrauchsvorwürfen aus den 1970er Jahren gegen einen früheren Vorstand in den Schlagzeilen – Jahrzehnte nach dessen Tod. Im Interview sprechen die Vorstände Sebastian Bernschein und Andrea Sewing über Aufarbeitung und Veränderung.

Wie erleben Sie die Diskussion damals und heute um die Missbrauchsvorwürfe? Was ist heute anders als in der Vergangenheit?

Sebastian Bernschein: Erste Vorwürfe gab es schon in den 2000er-Jahren. In dieser Zeit hat man sie zur Kenntnis genommen, die Betroffenen eingeladen und mit ihnen gesprochen. Doch damals wurde ausschließlich in Aufsichtsgremien kommuniziert, wir sind nicht in die Mitarbeiterschaft gegangen. Es war nicht so, dass das Thema unter Verschluss gewesen wäre, aber der offensive Umgang damit kam erst in den vergangenen Jahren.

„In der Vergangenheit waren die Strukturen hierarchisch und patriarchalisch.“
Andrea Sewing

Andrea Sewing: Man hat den Betroffenen zugehört, vor Ort Führungen durch die Stiftung angeboten und versucht, praktisch zu helfen durch die Vermittlung an einen Entschädigungsfonds der Landeskirche. Aber die Idee, dass es ein öffentliches Interesse gibt, ist erst mit der Zeit entstanden. Im kirchlichen Zusammenhang wirken Verfehlungen natürlich doppelt enttäuschend und desillusionierend, weil man eine andere Erwartung an Christentum und Nächstenliebe hat. Ein Pastor und Vorstand sollte eine Vertrauensperson sein. Dazu kommt, dass der Fall weit zurückliegt, man nicht mehr ermitteln kann. Es gibt keine Anzeigen oder Strafverfahren. Das ist der belastendste Aspekt aus meiner Sicht. Wir wollen keinem Opfer abstreiten, dass das Erlebte stimmt – und jeder hat ein Recht, Gehör zu finden. Gleichzeitig gibt es Nachkommen und Angehörige der Familie Badenhop, die mit Vorwürfen konfrontiert sind, die sich nicht mehr rechtlich überprüfen lassen. Diesen Widerspruch können wir nicht auflösen.

Sie haben den Sachverhalt in der Festschrift zum 175-jährigen Bestehen beschrieben. Wie waren die Reaktionen?

Führen die Pestalozzi-Stiftung: Vorstand Sebastian Bernschein … Foto: Pestalozzi-Stiftung

Bernschein: Seitens der Familie Badenhop gab es die verständliche Forderung, wir müssten das wissenschaftlich noch einmal aufarbeiten lassen. Das ist passiert. Alles, was in unseren Akten steht, ist ausgewertet. Daher mussten wir leider sagen, dass wir nichts mehr tun können.

Sewing: Wir haben vor der Festschrift mit der Familie Badenhop Gespräche geführt und das Dilemma dargestellt: Nur weil man entsetzt ist und nicht glauben kann, dass es Täter in der eigenen Familie gibt, kann man Opfern nicht vorwerfen, Geschichten zu erfinden. Das würde alles, was wir an Prävention und Strukturen entwickeln, ad absurdum führen. Die Festschrift hat positiven Anklang gefunden, bei den Mitarbeitern, aber auch in der Fachwelt und in den wissenschaftlichen Archiven.

Hat sich die öffentliche Debatte auf die Unterstützung der Stiftung ausgewirkt, etwa was Spenden angeht?

Sewing: Es gab keinen Rückgang an Spenden, keine Partner, die abgesprungen sind. Wir hatten natürlich Gespräche, aber es hat sich niemand abgewandt.

Bernschein: Das Feedback, das ich zu unserer Aufarbeitung aus dieser Zeit bekomme, ist durchweg positiv, auch von Älteren, die die Stiftung schon lange kennen. Ein weiteres Thema, mit dem wir offen umgehen, ist Euthanasie im Nationalsozialismus und welche Rolle unsere Stiftung dabei gespielt hat. Hier wird es Forschung dazu geben, wie es den Kindern ergangen ist, die abtransportiert wurden. Auch damit gehen wir an die Öffentlichkeit. Wir wollen wissen, was geschehen ist, und die Aufarbeitung wird auch von uns erwartet.

Sie haben Prävention und Strukturen angesprochen. Wie muss man sich die Situation heute vorstellen?

Bernschein: Wir haben heute eine gänzlich andere Situation als noch vor 40, 50 Jahren, also in der Zeit, aus der die Vorwürfe gegen den früheren Vorstand stammen. Heute würde niemand gedeckt, der als Kollege Missbrauch betreibt. Alle Bereiche sind sensibilisiert.

„Als Arbeitgeber haben wir aber auch eine Verantwortung unseren Mitarbeitern gegenüber. Denn nicht jeder Vorwurf ist gerechtfertigt.“
Sebastian Bernschein

Sewing: Natürlich hat sich das Wissen der Fachwelt um das Thema Missbrauch stark verbessert. Es findet auf breiter Ebene statt – man geht davon aus, dass Missbrauch überall passieren kann. In unserem Fall gab es ja nicht nur lange zurückreichende Vorwürfe gegen den früheren Vorstand, sondern auch gegen frühere Mitarbeiter, auch wenn sie weniger im Fokus stehen. Das ist ein ständiger Aktualisierungsprozess. Wir sind dabei, Gewaltschutzkonzepte zu überarbeiten, mehr zu verknüpfen und das Thema auch in Bewerbungsgespräche einzubinden: Unser Ziel ist es, dass Mitarbeiter sich sofort an Vorgesetzte wenden, wenn ihnen etwas auffällt. Kinder und Jugendliche in unseren Gruppen können sich an unseren Beratungsdienst, an die Erziehungsleitung oder ans Jugendamt wenden. Wir wollen Offenheit. In der Vergangenheit waren die Strukturen hierarchisch und patriarchalisch. Das war keine Einrichtung, in der etwa Reformpädagogik betrieben worden wäre.

Auch die Organisation hat sich verändert. Sie sind die erste Vorständin, es gibt keinen Pastor im Vorstand.

… und Vorständin Andrea Sewing. Foto: Pestalozzi-Stiftung

Sewing: Ja. Als ich noch keine Ahnung hatte, dass ich mich um diesen Posten bemühe, fiel mir positiv auf, dass sich der Aufsichtsrat in Zusammenarbeit mit dem damaligen Vorstand darum kümmert, moderne Strukturen zu schaffen. So eine Satzung ändert man nicht nebenbei. Heute kann es bis zu drei gleichberechtigte Vorstände geben geben.

Bernschein: Diese Veränderungen wurden von langer Hand vorbereitet. Sie sind auch eine Reaktion auf die gestiegene Komplexität. In der Vergangenheit konnten die Vorstände noch in alle Bereiche hineinwachsen. Ob das heute noch möglich wäre, bezweifle ich.

Haben Sie sich für den Umgang mit Missbrauch externe Unterstützung eingeholt?

Sewing: Wir haben niemanden direkt eingestellt, der uns beim Umgang mit sexueller Gewalt unterstützt hat, sind aber gut vernetzt im diakonischen Werk in Niedersachsen und stehen im kollegialen Fachaustausch. Wir werden gut unterstützt.

Bernschein: Als Arbeitgeber haben wir aber auch eine Verantwortung unseren Mitarbeitern gegenüber. Denn nicht jeder Vorwurf ist gerechtfertigt. Wenn etwa einem Mitarbeiter Freiheitsberaubung vorgeworfen wird, weil er ein Fenster verriegelt habe, unterstützen wir den Mitarbeiter mit dem Angebot, einen Anwalt hinzuzuziehen. Wenn wir als Stiftungsleitung uns direkt gegen eigene Mitarbeiter stellen würden, hätte das eine Schlagwirkung, die wir nicht mehr einfangen könnten. Auf der einen Seite müssen wir die Vorwürfe ernst nehmen, zugleich aber auch den Mitarbeiter schützen. Beim geschilderten Fall hatte sich der Schüler das ausgedacht: Die Fenster lassen sich nicht verriegeln.

Sewing: Wir gehen aber lieber die Gefahr ein, übertrieben zu agieren und im Nachhinein zu klären. Wir kommunizieren auch die vermeintlichen Vorfälle, hinter denen am Ende nichts steckt, konsequent – nicht nur in den Dienstbesprechungen, sondern in der gesamten Organisation. Auch Führungskräfte haben verstanden, dass jeder Fall als besonderes Vorkommnis zu werten ist. Damit wir das nicht mit Strukturen decken.

Kann dieser scharfe Ansatz nicht auch eine Belastung für die Teams sein?

Sewing: Wir brauchen für den Ansatz eine offene Fehlerkultur. Die Mitarbeiter können sagen: „Chef, hier hast du überreagiert.“ Wenn das kommt, ist es ein gutes Zeichen. Dann kann man darüber sprechen, warum man wie reagiert hat – und sich gegebenenfalls auch entschuldigen. Öffentlich im Team. Dann haben wir diese Situation gemeistert. Bis zur nächsten. Ein anderes Thema in diesem Zusammenhang ist das „Nähe-Distanz-Problem“. Auch wenn heute längst nicht mehr alle gemeinsam in einem Gebäude leben. Wir betreuen Jugendliche im Übergang ins Erwachsenenalter. Es geht also nicht einmal unbedingt um Gewalt oder sexuellen Missbrauch. Die Grenze ist viel früher erreicht, etwa wenn in einem Abhängigkeitsverhältnis eine Affäre anfängt. Überall dort, wo ein Abhängigkeitsverhältnis besteht, braucht es Aufklärung, die Schaffung von Bewusstsein. Zugleich sind die Grenzen fließend: Wie reagieren Sie, wenn sich ein siebenjähriges Mädchen auf Ihren Schoß setzt? Wie geht man damit um, wenn ein Mensch mit geistiger Behinderung einen dauernd küssen möchte? Diese Fragen diskutieren wir zum Beispiel in Teambesprechungen, Supervisionen und Fachberatung. Sie begleiten uns ständig und werden das auch künftig tun.

Info

Die Pestalozzi-Stiftung

Die Pestalozzi-Stiftung, benannt nach dem Schweizer Pädagogen Johann-Heinrich Pestalozzi, wurde 1846 in Hannover gegründet, um Kindern in Not zu helfen. Das Sozialunternehmen mit Sitz in Burgwedel ist in Erziehung und Bildung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowie in der Behindertenhilfe tätig.

 

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