Nachfolgelösungen durch Stiftungen sind eine Nische in der deutschen Unternehmenslandschaft. Doch die Zahl nimmt zu – aus finanziellen, ideellen und familiären Gründen. Ein Beispiel dafür ist die neue Struktur für den Kosmetikhersteller Laverana, der in die Thomas-Haase-Stiftung überführt worden ist.

„Familienstiftung sichert Kontinuität und künftigen Erfolg von Knorr-Bremse“, titelte die Presseabteilung des börsennotierten Industrieunternehmens im März dieses Jahres. Rund einen Monat nach dem Tod Heinz Hermann Thieles waren die Weichen gestellt, wie es mit dem Konzern, der führend bei Bremssystemen für Schienenfahrzeuge ist, weitergehen soll. Gemäß Thieles testamentarischer Verfügung werde die über Holdinggesellschaften gehaltene Mehrheitsbeteiligung an dem Unternehmen von 59 Prozent in eine Familienstiftung überführt. Die Familie Thiele werde auch weiterhin mit dem Unternehmen Knorr-Bremse eng verbunden sein.

Für Aufsehen sorgte die Ankündigung, dass auf die Familie Thiele wohl ein hoher Betrag an Erbschaftssteuer zukommen könnte: Die Stiftung war schlicht zu spät fertig. Von mehr als fünf Milliarden ist die Rede, die das Finanzamt fordern könnte. Auch um solche Situationen zu vermeiden, bereiten Unternehmer zu Lebzeiten den Übergang des Lebenswerks an eine Stiftung vor – der finanzielle Aspekt spielt allerdings häufig eine Nebenrolle.

Das zeigt sich bei einer weiteren prominenten Bekanntmachung aus dem Juli: Thomas Haase, Gründer und Geschäftsführer des Kosmetikherstellers Laverana bei Hannover, hat ebenfalls eine Stiftung gegründet, die sein Unternehmen fortführen soll. „Es ging darum, den Erhalt des Lebenswerks zu sichern. Das ist das primäre Ziel“, sagt Prof. Hans Fleisch. Der frühere Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen und Of-Counsel bei Flick Gocke Schaumburg berät zahlreiche Gründungen und ist Vorsitzender des Vorstands der Thomas-Haase-Stiftung.

Beim Laverana-Konstrukt handle es sich nicht um eine reine Familienstiftung, sondern um ein Mischmodell. „Die Satzung enthält drei Zwecke“, sagt Fleisch: Versorgung der Stifterfamilie, die offen formulierte gemeinnützige Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie die Förderung von sozialen Einrichtungen für Betriebsangehörige und deren Familien. „Die Satzung muss einen konkreten Rahmen vorgeben und gleichzeitig Freiräume eröffnen. Das ist elementar, um Tradition und Zukunft miteinander zu vereinen“, sagt Thomas Haase. Die Stiftung ist die einzige Eignerin des Unternehmens. die Lösung sei langsam gereift. „Für mich ist es bei allen betrieblichen Entscheidungen wichtig, sich rechtzeitig Gedanken über die Zukunft zu machen und Entscheidungen zu treffen, die der Umwelt sowie unseren zukünftigen Generationen dienen“, so Haase. „Mit der Unternehmensnachfolge beschäftige mich bereits seit zehn Jahren sehr intensiv.“

Entkopplung von der Familie

Die zentrale Rolle der Thomas-Haase-Stiftung, das Wachen über die langfristige Entwicklung des Unternehmens, ist mehrheitlich von Familienbanden entkoppelt. Dem mindestens vier-, spätestens nach dem Tod des Stifters fünfköpfigen Vorstand der Stiftung dürfen höchstens zwei Familienmitglieder angehören. Auch ziehen die Kinder Haases nicht automatisch in die Geschäftsführung des Unternehmens ein – was nicht bedeutet, dass eine Rolle dort ausgeschlossen wäre. Die operative Führung ist für die Stiftung tabu, was dazu führt, dass auch der Stifter nicht dem Vorstand angehören kann, solange er Geschäftsführer ist. Gleichwohl ist Haase mit besonderen Befugnissen ausgestattet: So wird er regelmäßig vom Vorstand einbezogen und kann den selbst benannten Gründungsvorstand aus wichtigem Grund abberufen. Der Vorstand wählt seine Mitglieder mit 75 Prozent der Stimmen auf fünf Jahre selbst, die zur Wahl stehende Person hat keine Stimme. Sobald Haase die Geschäftsführung verlässt, kann er sich selbst zum Vorstand ernennen.

Die finanzielle Unterstützung der Nachkommen unterliegt der klaren Maßgabe, dass die Familie dem Unternehmen zu dienen habe und nicht umgekehrt. „Es geht um eine Absicherung“, sagt Fleisch. Das ist auch zum Schutz der Destinatäre gedacht: Aus Sicht des Stifters könne ein großes Erbe mitunter eine große Belastung sein – sowohl steuerlich als auch psychologisch. „Der Stifter ist der Überzeugung, dass die Kinder sich selbst etwas aufbauen, zugleich aber keine wirtschaftliche Not leiden sollen.“ Zahlungen etwa für Ausbildung und Familiengründung seien angedacht, aber eben nicht pauschale höhere Ausschüttungen. Dazu passt, dass die Entscheidung über die Höhe ohne die Destinatäre stattfindet: Nicht nur aufgrund der fehlenden Mehrheit, sondern auch, weil sie in sie betreffenden Fragen kein Stimmrecht haben. „Bei den Beträgen gibt es ein großes Ermessen des Vorstands“, sagt Fleisch.

Signal nach innen und außen

Die Stiftungsgründung ist ein Signal nach innen wie nach außen. Thomas Haase sei dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet – von den Anfängen in Form der eigenen Gesichtscreme gegen die Neurodermitis über den Bioladen bis zum ausgewachsenen Unternehmen, so Fleisch. Und auch hinsichtlich der Zukunft von Laverana selbst. „Nach mehr als drei Jahrzehnten habe ich mit der Thomas-Haase-Stiftung eine neue, nachhaltige Unternehmensära eingeleitet und stelle damit sicher, dass das Unternehmen nicht mehr zersplittert werden kann“, sagt Haase. „Das ist eine Sorge weniger.“

Die Stiftung hat auch eine Schutzfunktion im Hinblick auf Unternehmensaktivitäten im Ausland, zum Beispiel in den USA. Verbraucherschutzklagen und die dort zum Teil anfallenden extrem hohen Summen können nicht voll durchschlagen. „In diesen Fällen wird die Durchgriffshaftung qua Stiftung begrenzt. Das heißt: Bei der Stiftung ist da Schluss.“

Bei aller Transparenz in den Governance-Strukturen: Die Satzungen unternehmensverbundener Stiftungen werden in der Regel nicht veröffentlicht. Das trifft auch auf die Thiele- sowie die Haase-Stiftung zu. Das ist kein Zufall: Die Dokumente enthalten die Destinatäre der Stiftung und damit Namen von Familienmitgliedern, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Zum einen können sie Details aus dem Privatleben enthalten, etwa zu Patchworkfamilien oder unehelichen Kindern, zum anderen besteht ein Entführungsrisiko. „Im Stiftungsregister werden solche Passagen geschwärzt sein“, sagt Fleisch mit Blick auf das für 2026 geplante Verzeichnis.

Typisches Anwendungsbeispiel

Das Konstrukt, das Laverana in die Zukunft führen soll, weist die typischen Merkmale einer Nachfolgelösung auf, wie sie auch Rechtsanwalt und Steuerberater Thorsten Klinkner kennt, der Unternehmer bei diesem Prozess berät. Die Unterstützung der Nachkommen sei ein Aspekt, im Zentrum stehe aber das Unternehmen. „Es ist gewünscht, dass das Unternehmen Flexibilität im Operativen hat, in der Stiftung wiederum die DNA verankert ist, der unveränderliche Kern, der Leitplanken für die ganze unternehmerische Tätigkeit enthält.“ Den Ton setze die Präambel. Hier lasse sich die Werteorientierung der Unternehmerfamilie festhalten.

Auch der Schutz vor zu viel Erbmasse gehört zu den Leitmotiven der Gründung unternehmensverbundener Stiftungen. „Die nächste Generation hat kein Interesse daran, auf einen Schlag ein riesiges Vermögen zu bekommen. Ich habe es bislang noch nie anders erlebt.“ Eine Einschränkung der Flexibilität, wie sie etwa im Zuge der Debatte um die GmbH mit gebundenem Vermögen immer wieder vorgebracht wird, sieht Klinkner nicht. Dass im Fall von Knorr-Bremse die Stiftung erst so spät aufgebaut wurde, erinnert ihn an diese Vorstellung der mangelnden Flexibilität. „Sie ist immer noch weitverbreitet – das scheut ein Vollblutunternehmer natürlich, und der wartet dann vielleicht ab. Es ist aber schlicht stiftungsrechtlich falsch.“

Ist dann doch die Stiftung als Lösung angedacht, passiert es mitunter, dass die Ausgestaltung nicht den Vorstellungen der Familie entspricht – weil diese gar nicht gefragt werde. „Wenn man gewohnt ist, alleine zu entscheiden, und auf diese Weise auch für die nächste Generation eine Stiftung gründet, ohne Ehepartner und Kinder einzubeziehen, ist Streit programmiert“ – man provoziere, was man eigentlich verhindern wolle. Es sei entscheidend, alle Beteiligten zu fragen, was sie wollen. „Das ist ein Coaching- und Sparringsprozess, der meiner Erfahrung nach vorgelagert sein und für den man sich ausreichend Zeit nehmen sollte. Unternehmer fragen am Anfang natürlich, wie lange das dauert und was das kostet. Der erforderliche zeitliche Aufwand ist jedoch völlig individuell, je nach Familie. Die Frage lässt sich nicht generell beantworten.“

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