26.07.2012 | Von Die Stiftung

„Bewertungen im Aktienmarkt sind im Allgemeinen attraktiv“

DIE STIFTUNG: Nehmen die Börsen aktuell eine Konjunkturschwäche voraus?
Mark Burgess:
Die jüngste Vergangenheit zeigt uns, dass wir mit einer gewissen Nervosität auf den August schauen sollten, denn er könnte das Umfeld für weitere Marktschwächen bieten. Aus der volkswirtschaftlichen Perspektive wird deutlich, dass sich das weltweite Wirtschaftswachstum verlangsamt, und zwar aus einer Reihe von Gründen; einer davon ist der akute und weltweite Aufschub von unternehmerischen Entscheidungen. Der genaue Auslöser ist unbekannt, aber anscheinend verschieben Unternehmen derzeit ihre Anlage-, Investitions- und Einstellungspläne, bis der Ausblick ein wenig klarer wird. Dies wiederum schlägt auf die Realwirtschaft durch und wirkt sich auf das Wachstum aus, was wiederum die Unsicherheit erhöht. Diese Situation befördert – wenn Sie so wollen – eine selbsttragende Spirale von Negativwachstum und Verlusten. Insgesamt werden die Euro-Krise und die drohende US-Finanzkrise weiterhin wie eine dunkle Wolke über der Weltwirtschaft hängen und das Tempo des Wachstums bis ins nächste Jahr begrenzen.

DIE STIFTUNG: Wie erhalte ich mein Kapital in Zeiten wie diesen?
Burgess:
Alle Vermögenswerte im aktuellen Umfeld scheinen zumindest ein gewisses Ausfallrisiko in sich zu bergen. In einem so volatilen Umfeld ist eine globale, flexible und aktive Bewertung aller Assetklassen und Risiken sehr wichtig. Da das langfristige Wirtschaftswachstum in Europa und den USA schwächer ausfallen wird als in vergangenen Jahrzehnten, wird sich das auch auf die Gewinne der Unternehmen auswirken. Der Wert vieler großer Blue Chips ist attraktiv und wir konzentrieren uns zum Beispiel auf Aktien, die ein wirklich nachhaltiges Wachstum versprechen. Für Investoren, die in der Lage sind, in Qualitätsunternehmen mit wenig Schulden und gutem Free-Cash-Flow-Level bei niedrigen Bewertungen einzusteigen, stellt dies eine gute Langfrist-Chance dar.

Zusätzlich bieten eine Reihe hochkarätiger Unternehmen regelmäßige Gewinne durch hohe und steigende Dividenden. Ein gut gemanagtes Aktienportfolio sollte darauf abzielen, langfristig wesentlich höhere Renditen als Anleihen zu erzielen. Das macht den Aktienmarkt zu einem attraktiven Ziel für einen Teil des Kapitals eines Anlegers. Allerdings sollten sich Anleger auch darüber im Klaren sein, dass Aktien volatiler als Anleihen sein können.

Quelle: panthermedia/Andreas PollokDIE STIFTUNG: Welche Anlageklasse favorisieren Sie aktuell?
Burgess:
Wir glauben, die Bewertungen am Aktienmarkt sind im Allgemeinen attraktiv und dass sie viele negative Nachrichten einpreisen. Darüber hinaus sind börsennotierte Unternehmen generell finanziell gut aufgestellt und arbeiten profitabel. Wenn man sich jedoch das aktuelle Marktumfeld anschaut, so ist der Volatilitätsindex VIX nah an seinem 12-Monats-Tief und die Aktienmärkte sind eher im oberen als im unteren Bereich ihrer jüngsten Trading Ranges. Wenn man dies in Verbindung sieht mit dem Einbruch der Handelsvolumina, den wir jüngst beobachten konnten, und zusätzlich bedenkt, dass die Märkte in der Ferienzeit im August noch dünner werden könnten, wächst das Risiko einer Abwärts-Wende in den Märkten. Als Konsequenz haben wir entschieden, Geld aus einer breiten Auswahl von Märkten heraus zu ziehen.
Staatsanleihen erscheinen zu den momentanen Renditen teuer. Doch die Renditen könnten in Anbetracht des aktuellen Umfelds für einige Zeit niedrig bleiben. Corporate Bonds und Emerging Market Bonds bieten bessere Werte als Staatsanleihen und wir sehen hier weitgehend gesunde Fundamentaldaten.

DIE STIFTUNG: Sollten Stiftungen Ihre Aktienquoten substanziell anheben, und wenn ja, warum?
Burgess:
Auf kurze Sicht dürften die Anleger risikoscheu bleiben, und in einem solchen Umfeld könnten Equity Income Fonds eine attraktive Option darstellen, denn die Dividendenrendite bildet einen nützlichen Puffer. Equity Income Fonds konzentrieren sich zumeist auf Qualitäts-Unternehmen mit starken Bilanzen und überdurchschnittlichen Renditen, und diese Qualitäten sollten sich in den schwierigeren Bedingungen, denen Weltwirtschaft und Aktienmärkte gegenüber stehen, als nützlich erweisen. Aktien werden im Vergleich zur Vergangenheit derzeit zu sehr attraktiven Bewertungen gehandelt und erscheinen auch im Vergleich zu (teuren) Staatsanleihen als billig. Aber auch Corporate Bonds und Emerging Market Bonds bieten bessere Aussichten als Staatsanleihen.

DIE STIFTUNG: Damit hätten wir die Frage des Ob, geklärt, fraglich bleibt nur, wann der richtige Zeitpunkt für einen Einstieg in den Aktienmarkt ist. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führten Tobias M. Karow und Jennifer E. Muhr

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