06.09.2012 | Von Die Stiftung

„Deutsches know-how bei Autos, Maschinen und Ingenieurwesen bleibt weltweit gefragt“

Im Gespräch mit Burkhard Wagner, PARTNERS Vermögensmanagement.

Im Gespräch mit Burkhard Wagner, PARTNERS Vermögensmanagement.

DIE STIFTUNG: Die Aktie ist unbeliebt, beim deutschen Privatanleger sowieso, bei hiesigen Stiftungen aber auch. Warum ist das so?
Burkhard Wagner: Das hat vielfältige Gründe – aber vor allem: Der deutsche Anleger liebt sein Sparbuch und sein Festgeld. Entsprechend gibt es auch hohe Stiftungsvolumen, die sehr konservativ und ertragsstark angelegt werden sollen. In Zeiten inflationsdeckender Zinssätze ein legitimes und akzeptables Vorhaben. Die Niedrigzinsphase macht allerdings vielen Stiftungen einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Man wird hier zukünftig als Stifter und als Verwalter von Stiftungsvermögen umdenken müssen. Zudem gibt es unverändert hohe regulatorische Hürden, die es einem Stifter mit dem Wunsch, in Aktien anzulegen, nicht leicht machen. Im Gegensatz zur Aktienanlage gehören Immobilieninvestments eher zur Zunft der präferierten Anlageklasse. Viele Stiftungen sowie auch institutionelle Investoren denken allerdings derzeit über eine strategische Erhöhung Ihrer Aktienquoten nach. Zuletzt wurde berichtet, dass in Deutschland die Zahl der Aktionäre wieder ansteigt – das lässt hoffen.

DIE STIFTUNG: Warum spricht aktuell aber Vieles für eine Erhöhung der Aktienquoten im Depot?
Wagner: Durch die Wirren der Finanzkrise, die seit 2008 die Kapitalmärkte im Griff hat, sind die Bewertungsmaßstäbe historisch günstig geworden. Zudem hat eine Aktienanlage Sachwert-Charakter. Nehmen Sie die Währungsreform 1948, als von Reichsmark auf DM umgestellt wurde. Besitzer von Bargeld und Anleihen verloren alles. Die Aktien ausgesuchter substanzstarker Unternehmen überlebten. Beispielsweise erfreuten sich Siemens-Aktionäre bereits 1953 wieder über eine Dividendenzahlung. Stichwort Dividende: Die durchschnittlichen Dividendenrenditen liegen aktuell wesentlich über den Renditen bonitätsstarker Anleihen. Selbst wenn die konjunkturelle Abkühlung zu geringeren Gewinnen – und entsprechend geringeren Ausschüttungen – führen kann, bleiben Aktien mit langjährig relativ stabilen Dividenden für strategische Investitionen interessant.

DIE STIFTUNG: Welche Titel profitieren besonders im Umfeld niedriger Realzinsen?
Wagner: Bevorzugt werden Titel mit stabilem Geschäftsfeld und hervorragendem Marktzugang durch eine gewisse Marktführerschaft. Nehmen Sie als Beispiel Coca-Cola: Selbst wenn die derzeitige Gewinnbewertung eher etwas ambitioniert erscheint, hat Coca-Cola vor 50 Jahren zuletzt die Dividende nicht erhöht. Aus Anlegersicht ist das zu vergleichen mit einer langlaufenden Anleihe mit steigendem Kupon. Seitdem wurde kontinuierlich und vierteljährlich regelmäßig mehr bezahlt. Die Aktie gehörte allerdings nicht immer zu den Top-Favoriten. Es gab auch Jahre zu Beginn des Jahrtausends, als im Vergleich zum amerikanischen Index die Aktie einen „Durchhänger“ hatte. Bevorzugt werden sollten bei langfristigen Stiftungsvermögen auch Aktien mit relativ defensivem Geschäftsfeld aus den Branchen Ernährung, Versorgung, Energie und Gesundheit. Selbst eine tiefgreifende Weltrezession würde zwar nicht spurlos an solchen Titeln vorbeigehen, aber hier hätte man berechtigte Chancen auf ein Überleben der Gesellschaft und relativ stabile Renditen.

Langfristige Vermögensstrategien für Stiftungen bedürfen zeitgemäßer Konzepte

DIE STIFTUNG: Gibt es eine Phase in der Vergangenheit, mit der Sie die jetzige Marktphase vergleichen könnten?
Wagner: Unsere Vermögensmanager haben mit durchschnittlich knapp 30 Jahren Berufserfahrung schon einiges in der Branche erlebt. Aber die derzeitigen Herausforderungen an den Kapitalmärkten haben schon einmaligen Quelle: panthermedia/Frank TäubelCharakter. Noch nie in der Geschichte gab es vergleichbare Probleme, zu denen es aus heutiger Sicht nur selektiv vergleichbare Lösungsansätze gibt. Europa hat über seine Verhältnisse gelebt und steckt tief in der Schuldenklemme und einzelne Länder kämpfen gegen eine Rezession. In früheren Zeiten wurden die Währungen entsprechender Süd-Euro-Länder abgewertet und weiter ging es mit unmittelbar folgenden erleichterten Export-Möglichkeiten. Heute ist dies nicht mehr möglich. Marktpsychologisch erinnert mich die aktuelle Marktsituation an die Angst vieler Anleger, als im August 1990 Saddam Hussein Kuwait überfiel. Über Monate befürchtete man eine kriegerische Auseinandersetzung mit den USA, die zu dramatisch ansteigenden Rohstoffpreisen und zur Weltwirtschaftskrise hätte führen können. Die Aktienmärkte gingen vor der Angst vieler Anleger in die Knie. Nach einer mehrmonatigen Aktienbaisse marschierten die US-GI’s am 15. Januar 1991 nach Kuwait ein und die Börse stieg um mehr als 10% an einem Tag. Ähnlich ist die Angst vieler Anleger vor Auswirkungen einer griechischen Staatspleite und deren Austritt aus dem Euro. Solche außergewöhnlichen und von Angst getriebenen panischen Zeiten boten in den letzten Jahrzehnten zumeist relativ attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Auch unmittelbar nach der Lehman-Pleite wurde bei extrem fallenden Aktienkursen die Kernschmelze des Finanzsystems erwartet – die einzelnen Aktienmärkte näherten sich nach relativ kurzer Zeit wieder ihren alten Höchstständen.

DIE STIFTUNG: Da die deutsche Wirtschaft doch wenigstens noch einigermaßen läuft, sind dann deutsche Werte nicht zu favorisieren? Wenn nein, wo legen Sie aktuell Ihr Hauptaugenmerk hin?
Wagner: Deutsches „know-how“ bei Autos, Maschinen und Ingenieurwesen bleibt weltweit gefragt. Gerade in den stark wachsenden Märkten sind Marken „Made in Germany“ so gefragt wie lange nicht. Somit sind Deutschlands Exporteure unabhängiger von den Märkten in Europa und USA geworden. Heute muss man eher den Blick nach China und nach Lateinamerika richten. Bedenken Sie aber die aufkommenden Probleme für die deutsche Wirtschaft, wenn der Euro auseinanderbrechen sollte. Hier rechnen Experten mit einem BIP-Minus von über 12% über 2 Jahre! Daher sollte man auch die Aktienrisiken international streuen. Denken sie nur an die Zeit kurz nach dem Millennium, als Deutschland als der „kranke Mann“ Europas bezeichnet wurde. Aktien internationaler defensiv ausgerichteter Konzerne, die über markenstarke Produkte verfügen, finden weltweit großen Absatz und sollten in Stiftungsvermögen berücksichtigt werden. Auch die Aktienmärkte in den „Emerging Markets“ bieten durch die Finanzkrise derzeit einen interessanten Einstieg.

DIE STIFTUNG: Welche Empfehlung geben Sie einer Stiftung, wenn sie heute zu nahezu 100% in Staatsanleihen investiert ist? Wie entgeht sie der kalten Enteignung?
Wagner: Viele Stiftungen kämpfen mit dem Problem einer stetig schwindenden Ausschüttung und mit der Tatsache aus reinen Anleihen-Portfolios noch nicht einmal die aktuelle Inflationsrate zu erzielen. Die klassische 100% Anleiheinvestition ist tot – und die Investition in Staatsanleihen hat durch den Schuldenschnitt Griechenlands schweren Schaden erlitten. Hier ist bei Portfolioverwaltern zukünftig mehr Kreativität gefordert. Unternehmensanleihen bieten bei überschaubaren Risiken eine gute Alternative und vor allem höhere Renditen. Zudem sollten auch Sachwerte stärkere Berücksichtigung finden. Neben Immobilien gehören hier ausgewählte Substanzaktien dazu. Eine ideale Möglichkeit an steigenden Aktienkursen zu partizipieren, ohne ein direkt es Aktienrisiko einzugehen, bieten Wandelanleihen. Eine Faustregel besagt, dass Wandler zu zwei Drittel an steigenden Kursen, aber nur zu einem Drittel an fallenden Kursen partizipieren. Zur Absicherung des Stiftungsportfolios und zur Renditeoptimierung dienen mit überschaubaren Anteilen Zertifikate ausgewählter Emittenten. Es gibt eine Vielzahl recht unterschiedlich geprägter Stiftungsfonds, deren Investitions-Erfolg von vielen Eigenschaften abhängig ist. Aus der Sicht des Portfoliomanagers sollte eine „gelebte“ Unabhängigkeit des Portfolio Managers, ein sorgfältig konzipiertes Fonds-Research und ein konsequentes Risikomanagement für einen langfristigen Erfolg des Stiftungsportfolios stehen.

DIE STIFTUNG: Danke, Herr Wagner, für dieses erhellende Gespräch.

Das Gespräch führten Tobias Karow und Jennifer Muhr.

Burkhard Wagner kam nach einer klassischen Ausbildung zum Bankkaufmann und dem erfolgreichen Abschluss der Bankakademie von der Hypo-Bank Darmstadt über die Commerzbank 1988 nach München. Dort war er zehn Jahre lang Vermögensmanager und stellvertretender Niederlassungs-Leiter bei der H.C.M. Hypo Capital Management AG. Danach war er ebenso als Vermögensmanager bei weiteren Bankhäusern und ist nun seit zehn Jahren Vorstandssprecher der PARTNERS VermögensManagement AG, München.

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