18.03.2019 | Von Martina Benz

„Eine Menge Geld für die Gesellschaft“

Laut Frank Niederländer, Vorstand der BMW Foundation, schlummern im deutschen Finanzsektor Gelder, die keinen Besitzer haben. Beim Münchner Stiftungsfrühling will die Stiftung das Potential der nachhaltigen Finanzwende und herrenloser Bankkonten für das Gemeinwohl ausloten.

Inaktive Bankkonten bergen hohe Summen an Geld – die laut Frank Niederländer der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden könnten. Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de

 Die BMW Foundation Herbert Quandt leitet beim Münchner Stiftungsfrühling (MSF) unter anderem eine Diskussionsrunde mit dem Titel „Die Finanzwende: Welche Rollen könnten und sollten Stiftungen spielen?“. Was ist unter Finanzwende zu verstehen?
Frank Niederländer: Stiftungen und viele andere Organisationen machen sich heutzutage nicht mehr nur darüber Gedanken, wofür sie ihre Gelder einsetzen, sondern auch wo diese herkommen und wie sie angelegt sind. Dieses neue Bewusstsein des nachhaltigen Investierens – sowohl im Finanzsektor als auch im Dritten Sektor – meinen wir, wenn wir von Finanzwende sprechen. Impact Investing zum Beispiel wird als neues Instrument der Philanthropie immer bekannter.

Welche Auswirkung hat diese Finanzwende auf den Stiftungssektor?
Niederländer: Ich denke, dass sich die Stiftungswelt und die immer nachhaltiger denkende Finanzwelt annähern. Was jetzt gesucht wird, ist eine neue Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Die aktive Gestaltung dieses Wandels der Finanzsysteme ist ein wichtiger Teil der Strategie der BMW Foundation in unserem Bereich Invest. Mit der Diskussionrunde wollen wir mehr Bewusstsein für die Bedeutung und Wirkungsmöglichkeiten deutscher Stiftungen schaffen, wenn es um die Förderung des gesellschaftlichen Wohlstands geht.

Welche Rolle können Stiftungen in diesem Prozess spielen?
Niederländer: Stiftungen können Innovationstreiber sein, die im ständigen Austausch mit den verschiedensten Menschen sind. In Sachen Investments können sie eine Vorreiterrolle einnehmen und das Finanzsystem durch eine erhöhte Nachfrage nachhaltiger Finanzprodukte mitgestalten. Die BMW Foundation versteht sich als Katalysator der Impact-Investment-Bewegung – national wie international. Wir wollen Best Practices fördern und lokale Interessenvertreter – insbesondere Banken und Regulierungsbehörden – dazu inspirieren, mehr Mittel für soziale Innovationen bereitzustellen, um so zur Erfüllung der Nachhaltigen Entwicklungsziele der 2030-Agenda der UN beizutragen. Diese stellen den inhaltlichen Rahmen unsere Mission und Arbeit als globale Leadership-Organisation dar.

Stichwort Impact Investing: Schöpfen Stiftungen ihr Potential voll aus?
Niederländer: Ich beobachte leider immer noch, dass Stiftungen sich in der Vermögensverwaltung zu sehr auf den Kapitalerhaltungsanspruch, die Rendite und die Risikominimierung konzentrieren, statt Impact – also Wirkung – in den Mittelpunkt zu rücken. Vor allem die großen Stiftungen sollten sich einfach öfter bewusst die Frage stellen, was ihr Vermögen tatsächlich bewirkt. Insgesamt scheint mir noch zu wenig Klarheit im Stiftungssektor darüber zu bestehen, wie breit das Spektrum der Möglichkeiten im Bereich Impact Investment wirklich ist.

Haben Sie das Thema deshalb für den Münchner Stiftungsfrühling gewählt?

Frank Niederländer ist Vorstand der BMW Foundation Herbert Quandt. Foto: Lukas Barth

Niederländer: Wir als Stiftung möchten unseren bescheidenen Teil zur Agenda 2030 und ihren Nachhaltigen Entwicklungszielen beitragen. Ein Kernaspekt ist für uns dabei das Investieren als Instrument mit großer Hebelwirkung. Ziel ist es, das bestehende Wirtschafts- und Finanzsystem nachhaltig so zu verändern, dass Investmentkapital auch dem Gemeinwohl zu Gute kommt und zur Erhaltung der Umwelt beiträgt. Deshalb investieren wir auch selbst in wirkungsorientierte Organisationen und ermutigen Führungspersönlichkeiten, Venture Philanthropy und Impact Investing als effektive Instrumente des gesellschaftlichen Wandels zu nutzen.

Der MSF richtet sich aber auch an die allgemeine Bevölkerung. Ist das Thema auch für diese interessant?
Niederländer: Auf jeden Fall! Natürlich wird es um die Wirkungsmöglichkeiten von Stiftungen gehen, und auch darum, wie sie Einfluss auf das Finanzsystem nehmen können. Aber Investments sind kein reines Fachthema und wir möchten das Bewusstsein für die hohe gesellschaftliche Wirkungskraft von Investmentkapital auch bei einer breiteren Zielgruppe verankern. Dafür ist der bunte Stiftungsfrühling bestens geeignet. Zudem werden wir ein konkretes Beispiel behandeln, das für jeden interessant sein dürfte.

Und das wäre?
Niederländer: In Großbritannien investiert Big Society Capital, eine unabhängige Einrichtung für soziale Investitionen, die Mittel aus nachrichtenlosen Bankguthaben in soziale Investitionen. Auch in Deutschland sind zwischen 0,05-0,125 Prozent aller Bankkonten der Stadtsparkassen derzeit inaktiv und es wird nun auch hier nach und nach diskutiert, wie man die Mittel für einen nachhaltigen Wandel des Finanzsystems nutzen könnte. Diese Diskussion wollen wir mit vorantreiben. Sollte das Geld – nach Angaben des früheren Finanzministers von NRW Norbert Walter-Borjans könnten es über zwei Milliarden Euro sein – dem Dritten Sektor zur Verfügung gestellt werden, würde das eine Menge Geld für die Gesellschaft bedeuten. Und das könnte die Bürger doch auf jeden Fall interessieren.


Vom 23. bis 29. März 2019 präsentieren beim
Münchner Stiftungsfrühling die Stiftungen der bayrischen Landeshauptstadt ihr Engagement.

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