31.08.2018 | Von Kai Praum

„Investiere in nichts, das du nicht verstanden hast“

Immer mehr Stiftungen wollen bereits mit ihrem Kapital positive Wirkung erzielen. Da bieten sich ethische Investments als einfache Lösungen an. Der Philosoph Klaus-Jürgen Grün erklärt, warum bei Investmententscheidungen jedoch nicht auf Einfachheit, sondern Komplexität zu achten ist.

Grün
Investitionen wirken, aber wie? Damit befassen sich Stiftungen in zunehmendem Maße. Foto: Kurt F. Domnik / pixelio.de

Herr Prof. Grün, Sie sprechen Ausschlusskriterien, einem klassischen Instrument der nachhaltigen Finanzwirtschaft, das Recht ab, sich überhaupt „ethisch“ nennen zu dürfen. Warum?
Prof. Klaus-Jürgen Grün: Wir müssen bedenken, wenn wir den Begriff „Ethik“ verwenden, dann enthält er bereits einen Konstruktionsfehler. Er klingt immer „ethisch“. Dabei muss bereits vorher vorausgesetzt sein, was denn „ethisch“ bedeuten soll. Und diese Voraussetzung bleibt durch die bloße Nennung des Wortes im Dunkeln. Häufig wird dabei eine kategorische Trennung zwischen Ökonomie und Sozialem definiert, die jedwedem Ökonomischen das Soziale abspricht. So kommt es, dass Kategorien wie Moral, Ethik und Soziales in die Zuständigkeit des Staates gelegt werden und die Wirtschaft dabei außen vor bleibt. Das ist falsch. Daher sollten sich auch Ökonomen bewusst machen, dass es ihre Verantwortung ist, sich von ihrem ökonomischen Standpunkt aus in moralische, ethische und soziale Kategorien einzubringen. Die Angst vor einer damit einhergehenden Ökonomisierung der Gesellschaft erweist sich bei genauerem Hinschauen als unredlich. Die Ökonomisierung der Gesellschaft ist ebenso ein Zeichen des Fortschritts wie die Mobilisierung oder die Medialisierung der Gesellschaft. Für sich genommen sind das alles keine Kategorien, die per se einen moralisch guten oder schlechten Charakter haben.

Prof. Klaus-Jürgen Grün ist Moralphilosoph und Vizepräsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft. Er promovierte 1992 bei Professor Alfred Schmidt über die Naturphilosophie Schellings. Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft setzt sich für das Ansehen des Unternehmertums in der Politik, den Medien, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit ein. Foto: privat

Was ist denn dann in Ihren Augen ethisches Investment?
Grün: Ein Investment kann dann als ethisch angesehen werden, wenn es langfristig einen relevanten Beitrag zum Nutzen und zur Stabilität der Gesellschaft leistet.

Aber widerspricht diese Langfristigkeit nicht im Kern der Kurzfristigkeit an den Kapitalmärkten?
Grün: Wenn ich heute in ein riskantes Geschäft investiere, das mir morgen zehn Prozent Gewinn verspricht, und ich mit diesem Gewinn langfristig ein Projekt zur nachhaltigen Ernährung breiter Teile der Gesellschaft finanziere, widersprechen Kurzfristigkeit und Langfristigkeit einander nicht. Dazu hat der australische Ethiker Peter Singer formuliert, dass ein kurzfristiger Gewinn ein ethisches Investment sein kann, wenn man mit dem Gewinn eine langfristige positive Wirkung für die Gesellschaft erzielt. Hierbei geht es um die Präferenz einer utilitaristischen Entscheidung. Also einer Entscheidung, bei der eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie die Summe eines klar definierten Wohlergehens aller Betroffenen maximiert.

Also müssen sich Stiftungen um die kurzfristige Wirkung ihrer Investments keine Gedanken machen, wenn sie mit ihren Projekten langfristig eine positive Wirkung erzielen?
So einfach ist es nicht, aber das ist der entscheidende Punkt. Den Konflikt zwischen Erwirtschaftung der Kapitalerträge mittels Investments, die dem Stiftungszweck im schlechtesten Fall konträr entgegenstehen, und Erfüllung des Stiftungszwecks müssen Stiftungen lösen. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob Stiftungsvorstände überhaupt in der Lage sind, die Wirkungen ihrer Kapitalanlagen zu durchschauen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Lithium ist ein begehrter Rohstoff, der für die Elektromobilität wichtig ist. Der Elektromobilität wird die Lösung eines ökologischen Problems zugesprochen. Die Abbaubedingungen von Lithium sind aber heute meist hochproblematisch. Damit möchte ich nicht moralisieren, sondern darauf hinweisen, dass wir uns bei ökonomischen Entscheidungen ständig in Konfliktsituationen befinden und eine Güterabwägung vornehmen müssen.

Kann bei so viel Komplexität überhaupt Platz für Ethik und Moral in der (Finanz-)Wirtschaft sein?
Grün: Nicht für eine herkömmliche Ethik, die Anspruch auf Absolutheit erhebt und auf einfachen Grundprinzipien aufbaut, bei denen beispielsweise alles Ökonomische unethisch ist oder alles, was die Umwelt – manchmal auch nur scheinbar – schützt, ethisch. Denn die Komplexität ist entscheidend. Wir müssen erkennen, dass kleine Änderungen an der einen Stelle eine große Auswirkung an anderer Stelle haben können. Zahlen belegen beispielsweise, dass die Schere zwischen Arm und Reich weltweit auseinandergeht. Ebenso belastbare Zahlen belegen allerdings, dass noch nie so wenige Menschen in extremer Armut gelebt haben. Die Effekte der Globalisierung können also nicht als „nur schlecht“ oder „nur gut“ eingeordnet werden. Eine vermeintlich ethische Finanzanlage ist also ebenso unredlich, wenn sie diese Komplexität ausblendet. Es geht um die bestmögliche Transparenz im Umgang mit steigender Komplexität.

Lassen sich komplexe moralische und ökonomische Fragen überhaupt mit einfachen finanziellen Kennzahlen abbilden?
Grün: Das ist schwierig, weil für viele Menschen mit finanziellen Kennzahlen der Reiz des Ethischen verlorengeht. Andere Menschen können wiederum auch Soziales in Zahlen verstehen. Aber in den meisten Fällen hat der Mensch den Wunsch nach Moral, Ethik und Sozialem und trennt dies in der Regel von der ökonomischen Sphäre. Wir sind auf dieser emotionalen Ebene auch leistungsfähiger, und eine digitale Welt der Einsen und Nullen löst bei den meisten keine Handlungen aus. Auch der Finanzmarkt wird nicht als emotional wahrgenommen.

Wie kann es gelingen, diese andauernden komplexen Fragen und Entscheidungen in der Kapitalanlage zu berücksichtigen?
Grün: Für das ethische Investment habe ich drei Faustregeln aufgestellt:
1) Redliches Investieren bedeutet aktuell noch weniger Rendite.
2) Investiere in nichts, das du nicht verstanden hast.
3) Wenn der kurzfristige Gewinn einen langfristigen Nutzen hat, kommt es auf die beschriebene Präferenz der utilitaristischen Entscheidung an.

Machen wir es konkret: Die Affenversuche der Autoindustrie, die Milliarden-Boni der Deutschen Bank, Unterwerfungsgesten deutscher Dax-Manager gegenüber US-Präsident Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sprechen nicht gerade für ein hohes Maß an Ethik und Moral in den Führungsriegen deutscher Unternehmen. Kann die Finanzwelt überhaupt einen positiven Einfluss darauf haben?
Grün: Ich bin mir sicher, dass die Finanzwelt mitunter den stärksten Einfluss haben kann. Wo mit finanziellen Einbußen zu rechnen ist, ändert sich das Handeln. Daraus lassen sich allerdings keine Dogmen ableiten. Es bedarf immer des Fingerspitzengefühls. Denn Donald Trump beispielsweise beherrscht die Diskussion mit der einfachen Botschaft, dass er nur Entscheidungen trifft, wenn sie zu seinem Vorteil sind. Darauf braucht die Finanzwelt andere Antworten und Botschaften, die Komplexität nicht außen vor lassen. Am Beispiel der Tierversuche bei Volkswagen zeigte sich genau die beschriebene falsche Ethik. Zuerst gab es den moralischen Aufschrei über eine unethische Handlung, und erst danach wurde geschaut, was der Hintergrund dieser Versuche war. Der umgekehrte Weg wäre der richtigere gewesen. Grundsätzlich muss die Gesellschaft unter Abwägung der Vor- und Nachteile festlegen, ob und welche Tierversuche sie für vertretbar hält, um menschliches sowie tierisches Leid zu verringern. Dies kann dann als ethisch-moralischer Wert eingefordert werden.

Damit unterstellen Sie aber allen, die sich moralisch empört haben, sie hätten sich nicht umfassend mit der Materie beschäftigt. Der moralische Aufschrei kann ja ebenso das Ergebnis einer gründlichen Untersuchung der Begebenheiten sein.
Grün: Natürlich ist ein moralischer Aufschrei berechtigt, wenn zuvor eine intelligente Beschäftigung mit der Thematik stattgefunden hat. Das Unredliche im Fall VW waren jedoch nicht die Tierversuche an sich, sondern der Versuch, gefälschte Abgaswerte durch diese Tierversuche zu legitimieren. Ein Punkt, der in der moralischen Empörung kaum Platz gefunden hat.

Zum Abschluss eine einfache Frage: Bedarf das Geld, das sich ein Bauunternehmer bei der Bank leiht, einer ethischen Fundierung oder reicht es, dass er Arbeitsplätze schafft und neue Gebäude gebaut werden?
Grün: Auf der ersten Ebene lautet die Antwort: Ja, es reicht aus. Das Geld wird in dem Fall zweckgebunden eingesetzt, und der Bauunternehmer geht seiner ordnungsgemäßen Betätigung nach. Im Detail gilt es jedoch, einen Blick darauf zu werfen, welche Arbeitsbedingungen die Maurer beim Bauunternehmen haben und welche Gebäude damit gebaut werden. Ob es sich dabei um militärische Einrichtungen in autoritären Staaten oder Schulen in der Region handelt, macht dann schon einen Unterschied und sollte zu Einschränkungen in der Bewertung der Finanzierung führen.

Dieser Beitrag erschien in die DIE STIFTUNG 2/2018. 

 

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