08.01.2019 | Von Die Stiftung

Ein Airbag für Aktien – Vermeidung von Extremrisiken

Stiftungen kommen um Investitionen in Aktien kaum noch herum. Denn sie müssen ausreichend Kapital erwirtschaften, um ihren Stiftungszweck erfüllen zu können. Ein geschicktes Risikomanagement kann helfen, hohe Verluste zu vermeiden.

Aktie Risikomanagement
„Einem Investor bleibt heutzutage kaum eine andere Wahl, als in Aktien zu investieren“, sagt Vermögensverwalter Norbert Wolk. Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Ende Januar 2018 war die Aktienwelt noch in Ord­nung. Dax & Co. am Allzeithoch, die Volatilität zeigte die ganze Zeit schon Entspannung und Entwarnung an. Die Wirtschaft boomte, keine Zin­sen, also blieb doch nur die Aktie als Fluchtinvest­ment. Dann sauste die Börse beim Dax Anfang Feb­ruar in einem Rutsch auf die 12.000-Punkte-Marke, minus neun Prozent, die Volatilität stieg von 15 auf 40 Prozent, die Folge war Panik. In der Presse war das Wort „Crash“ allgegenwärtig.

Portfolios in früheren Zeiten enthielten auf­grund der sicheren Rendite am Rentenmarkt weit­aus weniger Aktien und waren von daher auch we­niger anfällig für Kursverluste. Einem Investor bleibt heutzutage allerdings kaum eine andere Wahl, als in Aktien zu investieren, um noch einiger­maßen Renditen zu erwirtschaften. Das treibt die Aktienquote im Portfolio hoch, auch wenn man im Grunde genommen sehr risikoscheu ist. Deshalb sollten Anleger sich über das Thema Risikomanage­ment Gedanken machen, denn eines ist sicher: Die langfristige Performance wird auf dem Weg nach unten entschieden. Nur der, der ein funktionieren­des Risikomanagementtool hat, kann langfristig am Aktienmarkt überleben. Wie sagt man so schön: „Die Flut hebt alle Boote.“ In guten Zeiten verdient jeder an der Börse Geld. Man sollte halt nur aufpas­sen, wenn die Ebbe kommt.

Risiken begrenzen

Entscheidend für den Handelserfolg ist, dass man die Risiken begrenzt, denn nach unten geht es meistens schneller als nach oben. Wer weniger ver­liert, erreicht eine bessere Performance. Das Haupt­augenmerk soll hier auf dem Thema Vermeidung von Extremrisiken liegen. Die unten stehenende Darstellung soll dies am Beispiel des Aktienfonds „DWS Top Dividende“ verdeutlichen.

Risikomanagement Optionen Zero-Cost-Collar
Norbert Wolk beschäftigt sich seit 1991 mit dem Thema Optionen, die meiste Zeit davon als Eigenhändler.

Sie zeigt: Wer 2008 ungünstig eingestiegen war, brauchte bis zu vier Jahre, um die Verluste wieder aufzuholen. Der Drawdown von über 40 Prozent musste in diesem Fall in den kommenden Jahren mit 18,77 Prozent p.a. verdient werden, um wieder die Nulllinie zu erreichen. Wollte man die erwartete Zielrendite von acht Prozent erwirtschaften, muss­ten auf Vierjahressicht sogar fast 31 Prozent p.a. er­zielt werden. Es sollte das Ziel sein, Extremrisiken in Form massiver Drawdowns zu vermeiden.

In 25 Jahren an der Börse erlebt man alles: von der gewaltigen Hausse bis zur tiefsten Baisse. Eines habe lernt man daraus ganz sicherlich: Es ist nie si­cher, wo oben und wo unten ist. So fair sollte jeder gegenüber sich selbst sein. Man mag ein Gefühl ha­ben, doch sich darauf zu verlassen, ist hochproble­matisch. Ganz davon zu schweigen, damit den exak­ten Punkt für eine Reaktion zu treffen. Über das Thema Risikomanagement erst nachzudenken, wenn es akut wird, ist in der Regel meist zu spät – und damit auch immer sehr teuer. Sich erst abzusi­chern, wenn die die Volatilität von 15 auf 40 Prozent ansteigt, wird teuer. Deshalb empfiehlt es sich, im­mer einen Airbag für die Aktien im Portfolio zu ha­ben, ähnlich wie einen Airbag im Auto: Die kleinen Stöße federt ein Airbag nicht ab, aber wenn es wirk­lich mal scheppert, ist man auf der sicheren Seite.

Absicherung ohne Kosten

Risikostrukturkurven Long-Only-, ungehedgter Ak­tieninvestments zeigen, dass eine lineare Funktion besteht: Steigt die Aktie um einen Euro, verdienen Anleger einen Euro. Fällt die Aktie um einen Euro, verlieren sie einen Euro. Dieses Risikoprofil ändern wir nun unter Absicherungsgesichtspunkten. Absi­cherung klingt zunächst einmal nach Kosten: So be­lasten etwa Kosten für eine Versicherung in Form einer Prämie die Rendite und verringern dement­sprechend die Performance. Daher sollte das Ziel sein, eine Absicherung ohne große Auszahlung zu erreichen. In der Praxis hat sich eine Strategie be­währt, die man „Zero-Cost-Collar“ nennt – eine Op­tionsstrategie, die keine Kosten verursacht.

Beim Risikoprofil mit einem Zero-Cost-Collar wird die die Volatilität gesenkt. Vor allem im schlimmsten Fall, also bei extrem schwachen Kur­sen, sind Anleger nicht eins zu eins dabei. Bei der Optionsstrategie des Zero-Cost-Collars wird ein Call oberhalb des aktuellen Aktienkurses verkauft und bringt dementsprechend eine Prämieneinnah­me. Man verpflichtet sich, zu einem festgelegten Preis zu einem festgelegten Zeitpunkt seine Aktie zu verkaufen. Die Praxis hat gezeigt, dass die Wahl des Basispreises circa fünf Prozent oberhalb des Akti­enkurses sinnvoll ist. Mit dieser Prämie wird nun ein Put unterhalb des aktuellen Aktienkurses ge­kauft, so dass keine Kosten entstehen. Mit einem Put besteht das Recht, nicht die Pflicht, eine Aktie zu einem festgelegten Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verkaufen. Ziel ist es auch hier, den Put, sprich die Absicherung, mit einem Basispreis circa fünf Prozent unterhalb des Aktienkurses zu kaufen. So ergibt sich die Risikostrukturkurve.

Monat für Monat – die Laufzeit des Zero-Cost-Collars beträgt vier Wochen – wird diese Strategie an den Aktienkurs entsprechend angepasst. Folgen­des Zahlenbeispiel soll dies erläutern: Eine Aktie kostet 100 Euro. Der Assetmanager verkauft einen Call mit dem Basispreis 105 Euro zu einem Euro mit einer Laufzeit von vier Wochen. Das bedeutet, dass er sich verpflichtet, bei einem aktuellen Aktienkurs von 100 Euro die Aktie in vier Wochen zu einem Kurs von 105 Euro zu verkaufen. Dafür erhält er eine Prämie von einem Euro je Aktie. Die erhaltene Prä­mie setzt er ein und kauft einen Put mit einem Ba­sispreis von 95 Euro zu einem Euro, ebenfalls mit ei­ner Laufzeit von vier Wochen. Dies bedeutet, dass er das Recht erworben hat, die Aktie, die aktuell bei 100 Euro notiert, in vier Wochen zu 95 Euro zu ver­kaufen. Hierfür bezahlt er einen Euro.

Systematische und unsystematische Risiken

Ein Portfolio besteht sinnvollerweise aus Diver­sifikationsgründen aus vielen Aktien. Sinnvoll ist es, jede einzelne Aktie abzusichern und nicht nur den Dax als Hedge für z.B. deutsche Aktien auszuwäh­len. Dies wäre zwar einfacher, jedoch weniger effek­tiv. Der Grund dafür ist, dass sich bei einer Absiche­rung jeder einzelnen Aktie neben dem systemati­schen Risiko, also dem Marktrisiko, auch das un­systematische Risiko, also das unternehmensspezi­fische Risiko, absichern lässt. Dass es nicht unbe­dingt sinnvoll ist, eine deutsche Aktie mit dem Dax abzusichern, zeigte vor einiger Zeit das Beispiel Volkswagen: VW fiel, der Dax nicht.

Der Vorteil dieser Art der Absicherung ist neben dem Kostenaspekt auch die Tatsache, dass man das Bauchgefühl ausschalten kann, man also nicht gegen die bestehende Longposition z.B. Futures als „Texashedge“ (also kein Eins-zu-eins-Hedge) ver­kaufen muss, um dann später wieder feststellen zu müssen, dass es die falsche Entscheidung war. Der Zero-Cost-Collar bedeutet eine dauerhafte Absiche­rung, die böse Überraschungen vermeidet wie sie Anfang 2018 wohl viele Anleger erlebten.

Über den Autor:
Seit 2017 ist Norbert Wolk im Portfoliomanagement bei der Kölner Vermögensverwaltung Albrech & Cie tätig.

Dieser Beitrag erschien in DIE STIFTUNG 3/2018.

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