17.07.2012 | Von Die Stiftung

„Stiftungen können Aktien kaufen, oder fundraisen“

Jörg Müller, Advice & Opinion Asset Management, plädiert im Gespräch mit DIE STIFTUNG für höhere Aktienquoten in Stiftungsportfolios und erklärt eine alternative Strategie für Stiftungen, um dem Renditedilemma zu entkommen.

DIE STIFTUNG: Was empfehlen Sie Stiftungen jetzt, wie sie ihr Vermögen anlegen sollen?
Jörg Müller: Aktienanteil rauf, Rentenanteil runter. Das ist eine einfache Gleichung, die kurzfristig vielleicht nicht aufgeht, die aber auf Sicht von ein paar Jahren vermutlich der einzige Ausweg aus dem Renditedilemma ist.

DIE STIFTUNG: Renditedilemma, das hören wir heute nur allzu oft. Was gäbe es denn für Stiftungen noch für Auswege, hier herauszukommen?
Müller: Naja, die Vermögensanlage ist ja nur eine Schraube, an der Stiftungen drehen können. Eine andere wäre zum Beispiel eine aktivere Spendenpolitik, also das Einwerben neuer Spender bzw. die aktivere Betreuung und Pflege bereits bestehender Spender. Diese Unterstützer werden doch aktuell von so vielen Organisationen umworben, dass Stiftungen sich schon etwas einfallen lassen müssen, wie sie sich im Wettbewerb durchsetzen. Aber was ist an diesem Wettbewerb schlecht? Wenn Stiftungen wirklich die Lücken füllen wollen, die ihnen der Staat ob seiner nicht mehr erfüllbaren Sozialversprechen überlässt, müssen Stiftungen ohnehin noch viel professioneller werden. Das fängt bei der Projektauswahl an, geht über die Spendenpraxis bis hin zur Vermögensanlage. Stiftungen können Aktien kaufen, oder fundraisen.

DIE STIFTUNG: Stiftungen sollen folglich vor allem ihr Vermögen professioneller verwalten? Dazu benötigen sie aber Hilfe von Vermögensverwaltern wie Ihnen. Was machen Sie besser als die Hausbank oder der Hobbybörsianer?
Müller: Vor allem können wir Stiftungen dahingehend begleiten, ihnen zu vermitteln, dass Vermögensanlage, gerade von Stiftungsvermögen, ein permanenter Prozess ist. Und dieser beginnt eben nicht bei der Auswahl irgendeiner Aktie, sondern viel früher. Stiftungen brauchen ein Rahmengerüst, die so genannten Anlagerichtlinien. Bei der Ausarbeitung dergleichen können wir einen wertvollen Beitrag leisten. Denn sich frühzeitig über eine grundsätzliche Vermögensaufteilung Gedanken zu machen, das ist viel wertvoller als Aktientipps aus Zeitschriften zu sammeln und dann zu hoffen, dass einer davon das Depot nach oben reißt. Stimmt die grobe Struktur des Depots nicht, rettet sie ein guter Aktienkauf auch nicht mehr. Die Portfoliostruktur ist umso wichtiger, als dass für Stiftungen in diesen Tagen wichtige Entscheidungen anstehen.

DIE STIFTUNG: Die da wären?

Müller: Naja, ob sie sich bewusst enteignen lassen wollen, indem sie weiter Staatsanleihen halten oder eben einen Schritt in eine unbekannte Welt gehen. In die Welt der Aktien. Bleiben Stiftungen einzig in ihrer Anleihen-Komfortzone investiert, dann werden sie früher oder später ihr blaues Wunder erleben. Oder glauben Sie ernsthaft, dass deutsche Bundesanleihen ein wirklich sicherer Hafen sind? Auch Deutschland ist hoch verschuldet, auch Deutschland hat über seine Verhältnisse gelebt. Allerdings haben wir ein Geschäftsmodell, das in der Lage ist, das alles zu schultern. Noch.

DIE STIFTUNG: Also wird auch der sichere Hafen Bundesanleihe für Stiftungen bald zum Problemfall?
Müller: Ob bald, das weiß ich nicht, aber ich vermute dass eine Verklumpung mit Bundesanleihen gerade Stiftungsportfolios zusetzen wird. Allerdings ist das nicht alternativlos, denn Stiftungen haben ja die Freiheit, sich auch anderen Anlageklassen zuzuwenden. Zum Beispiel der Aktie. Das mit dem funktionierenden Geschäftsmodell habe ich nicht umsonst erzählt, denn dahinter stecken ja starke Unternehmen, die aktuell nicht zu teuer bewertet sind. Im Gegenteil, ich würde mich sogar dazu hinreißen lassen zu sagen, dass viele Aktien derzeit alternativlos günstig sind. Auch Stiftungen sollten sich überlegen, manche Dinge günstig einzukaufen und eben nicht teuer. Denn letzteres gilt momentan für nahezu jegliche Anleihe. Anleihen sind in der Breite zu teuer, und werden am Ende des Jahrzehnts auf eine maue Wertentwicklung zurückblicken.

Quelle: panthermedia/Michael BrownDIE STIFTUNG: Also stehen wir umgekehrt vor einem Jahrzehnt der Aktie?
Müller: Ja, so weit würde ich gehen. Aktien sind günstig bewertet, viele Unternehmen stehen bilanziell gut da, sind substanziell also voll im Saft und profitieren von ihrer überragend guten Stellung im globalen Wettbewerb. Außerdem schütten zahlreiche Konzerne üppige Dividenden aus, was für Stiftungen ein Ersatz für ausbleibende Kuponzahlungen aus dem Anleihebereich sein kann. Stiftungen sollten den Effekt der Dividenden nicht unterschätzen. Wir arbeiten zudem mit einem auf demografischen und volkswirtschaftlichen Daten basierenden Modell, das uns mutmaßen lässt, die wirtschaftliche Schwäche, die alle erwarten, fällt weniger stark ausgeprägt aus. Insofern fehlt noch ein Auslöser für eine Rallye am Aktienmarkt. Vielleicht ist es ja eine Pflicht für Versicherer, ihre Aktienquoten auf 10% hochzufahren.

DIE STIFTUNG: Ist so etwas denkbar?
Müller: Momentan werden die großen Kapitalsammelstellen wie Pensionskassen und Versicherungen gezwungen, deutsche und europäische Staatsanleihen zu kaufen. Zwang entsteht dadurch, dass beispielsweise nur mehr Zinspapiere mit einem AAA-Rating gekauft werden dürfen. Bundesanleihen haben AAA, also stehen sie auf den Kauflisten ganz oben. Und weil der Aktienmarkt hin und her taumelt, traut sich auch keiner so recht in die Aktien hinein. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch Stiftungen an einer substanziellen Aktienquote nicht mehr vorbeikommen.

DIE STIFTUNG: Wenn Sie also für Aktien plädieren, welche Titel sollten es denn sein im Stiftungsportfolio?
Müller: Es sollten Qualitätsaktien sein, mit einer außerordentlich guten Bilanzqualität, niedriger Volatilität im Aktienkurs und einem berechenbaren Geschäftsmodell. Wir bezeichnen das auch als „Wahre Werte“. Solche Aktien gibt es zuhauf und sie lassen sich schön zu einem Portfolio zusammenstellen. Allerdings dürfen Stiftungen nicht blindlings Aktien kaufen und dann liegen lassen, denn diese Zeiten sind vorbei. Ohne einen vermögensverwaltenden Überbau, der vor allem eine Verlustbegrenzung bei den einzelnen Anlageinstrumenten gewährleistet, sollte heute keine Stiftung mehr agieren. Ganz wichtig ist dabei auch sauber zu dokumentieren, warum sie zu einer Entscheidung pro Aktie gekommen sind. Denn die Aufsichten haben hierbei bisweilen Probleme. Ist eine Entscheidung nicht nachzuvollziehen, wird es eng mit dem Aktienkauf. Eine Alternative können auch die Unternehmensanleihen der Qualitätsaktien sein. Mir gefällt hier der oftmals deutlich höhere Zins gegenüber deutschen Bundesanleihen, sowie die hohe Solidität. Unternehmensanleihen werden aus den Cash Flows bedient und nicht aus Steuergeldern.

DIE STIFTUNG: Ein klares Plädoyer für den Aktienkauf, haben Sie vielen Dank für die offenen Worte.

Das Gespräch führte Tobias M. Karow

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