15.01.2020 | Von Die Stiftung

Nachhaltigkeit und Kapitalanlage – ein Anfang

Zum Thema Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage ist schon alles gesagt, könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Die Roundtable-Diskussion von DIE STIFTUNG zeigt, dass auch bei einem Thema, das längst in aller Munde ist, noch viele Fragen offen sind.

Nachhaltigkeit Kapitalanlage
Belebter Austausch zum Thema Nachhaltigkeit: Prof. Dirk Söhnholz, Florian Schöps, Andreas Fiedler, Armin Häberle, Thomas Homm und Holger Stiebeling (von links). Fotos: Stefan Dworschak

Durch die Diskussion führt Armin Häberle.

Nachhaltigkeit hat in den vergangenen Jahren immer mehr an Prominenz gewonnen. Inwieweit betrifft Sie das als Finanzdienstleister?

Holger Stiebeling: Seit 2018 beobachten wir, dass die Kundennachfrage nach ESG-konformen Konzepten enorm angestiegen ist – diese umfasst Stiftungen genauso wie andere institutionelle Anleger, wie zum Beispiel Kommunen oder auch die Zusatzversorgungskassen. Der Markt hat stark an Dynamik gewonnen.

Thomas Homm: Es gibt Kunden, die schon sehr weit sind, und andere, die gerade erst anfangen, über nachhaltige Investments nachzudenken. Beides ist legitim. Wichtig ist meiner Ansicht nach, dass wir niemandem einen Stempel aufdrücken, sondern jeden dort abholen, wo er oder sie gerade steht, und zielgerichtet eine Unterstützung anbieten.

Andreas Fiedler
Andreas Fiedler ist Head of Institutional Clients bei EB-SIM (EB – Sustainable Investment Management).

Florian Schöps: Meiner Ansicht nach ist Nachhaltigkeit gerade auf dem Weg, der neue „Normalzustand“ zu werden. Das sieht man auch daran, dass wir Nachhaltigkeit zunehmend auch mit passiven Ansätzen, also mit Exchange- Traded-Funds – ETFs – abbilden und anbieten können.

Andreas Fiedler: Das sehe ich auch so. Wenn wir etwas tiefer einsteigen, stellt sich allerdings die Frage, was wir bzw. die Marktteilnehmer unter dem Begriff „Nachhaltigkeit“ verstehen und wie wir diese messen. „Umwelt“ ist gut greifbar, bei Soziales und Governance gibt es noch viel zu tun, Standards fehlen.

Homm: Da kann ich einhaken: Wir sind beispielsweise stark im Bereich Mikrofinanzierung in Entwicklungsländern aktiv, wo Daten ein entscheidender Faktor sind. Anfangs war es eine Herausforderung, eine zufriedenstellende Datenbasis herzustellen, um sicherzustellen, dass der Großteil der Kredite, die von einem Mikrofinanzinstitut vergeben wurden, wie beabsichtigt für investive Zwecke verwendet wurden und nicht als Konsumentenkredite, die Kreditnehmer in eine mögliche Schuldenfalle treiben. Inzwischen ist es deutlich einfacher geworden, die Geschäftsmodelle der Mikrokreditanbieter zu vergleichen und die Mittelverwendung zu überprüfen.

Herr Söhnholz, wie blicken Sie auf die aktuellen Entwicklungen beim Thema Nachhaltigkeit?

Dirk Söhnholz: Aus meiner Sicht gibt es heutzutage keinen guten Grund mehr, nicht nachhaltig zu investieren. Allerdings bin ich überzeugt, dass wir an vielen Stellen noch sehr viel strengere Kriterien anlegen könnten oder sollten. Häufig wird beispielsweise ein schlechtes Abschneiden in einem ESG-Kriterium durch ein gutes Abschneiden bei einem anderen Kriterium kompensiert. Das ist nicht konsequent. Außerdem sollte man überall nur die wirklich guten Unternehmen berücksichtigen, nicht diejenigen, die sich vielleicht irgendwie vorgenommen haben, ein klein wenig nachhaltiger zu werden.

Das schlösse sogenannte Momentum-Ansätze weitgehend aus, in denen gerade auf die Verbesserung bei Kriterien geachtet wird.

Thomas Homm
Thomas Homm ist Abteilungsleiter Vermögensmanagement bei der Bank im Bistum Essen.

Söhnholz: Ja, das ist für mich schlüssig. Denn damit strafe ich indirekt jene ab, die ihre Hausaufgaben bereits gemacht haben und sich vielleicht nicht mehr dynamisch verbessern können. Außerdem glaube ich nicht, dass das Ausüben von Stimmrechten auf Hauptversammlungen – was gerade bei Momentum- Strategien oft Teil der Strategie ist – wirklich den nötigen Druck entfaltet, um nicht nachhaltige Unternehmen auf den richtigen Kurs zu bringen.

Schöps: Das sehe ich anders. Als BNP bündeln wir alle Stimmrechte, die wir über verschiedene Engagements bei einem Unternehmen haben, und tragen diese dann konzertiert vor. Andere machen dies ähnlich. Investoren sind eine durchaus gewichtige Stimme, die von Unternehmen nicht ignoriert werden können.

Stiebeling: Wir beobachten, dass das sogenannte Voting Engagement von unseren Kunden immer stärker nachgefragt wird. Für viele unserer Kunden ist das ein wichtiger Aspekt, an dem sie die Wirkung ihres Investments – jenseits der reinen Kapitalanlage – bemessen. Für uns ist es ebenfalls eine Frage der Überzeugung. Wenn wir nicht daran glauben, im direkten Dialog mit den Unternehmen etwas zu bewirken, dann dürfen wir auch nicht die Erwartung haben, nur über das anonyme Halten von Finanztiteln etwas im Sinne von ESG zu erreichen.

Womit wir beim Impact Investing oder Mission Investing wären … 

Homm: … das beileibe nicht einfach umzusetzen ist und viel intensive Beschäftigung und enges Monitoring verlangt, um eine qualitative Verbesserung aufzuzeigen. Gerade kleinen und mittleren Stiftungen würde ich empfehlen, sich zunächst mit den zahlreichen Möglichkeiten der nachhaltigen Kapitalanlage zu befassen und sukzessive in das Thema Impact zu integrieren. Ein guter Weg ist zum Beispiel, sich zu überlegen, auf welche UN-Nachhaltigkeitsziele, Sustainable Development Goals (SDGs), zahle ich mit meiner Stiftungsarbeit ein und wie kann ich dies auch in meiner Finanzanlage abbilden.

Florian Schöps
Florian Schöps ist Sales Manager ETF & Index Solutions Deutschland, Österreich, Schweiz bei BNP Paribas Asset Management.

Stiebeling: Ein erster Schritt könnte sein, dass sich Stiftungen von der weitverbreiteten Benchmark-Orientierung verabschieden und sich gezielt für ein Portfolio entscheiden, das ihre Nachhaltigkeitskriterien optimal abbildet und welches selbstverständlich auch eine Zielrendite erwirtschaften soll. Viel zu häufig wird stattdessen auf allgemeine Referenzbenchmarks geschaut, die aber für die Umsetzung nachhaltiger Strategien bei der Geldanlage de facto weder der Stiftung noch dem Anlagemanager weiterhelfen.

Söhnholz: Beidem kann ich nur zustimmen. Bei hochliquiden Kapitalmarktprodukten ist der Weg zum individuellen Impact weit. Strukturell betrachtet, kann man Impact vor allem in illiquiden Assetklassen erzielen – also überall dort, wo man sich im Umkehrschluss sehr intensiv mit einer Anlage beschäftigen muss. Dennoch gibt es auch Möglichkeiten, Impact bei liquiden Produkten einzubeziehen. Hierzu sollte man sich auf Branchen fokussieren, welche einen wirklichen Impact bewirken können.

Ist der Aufwand ein Grund, warum Anleger zum Teil noch vor nachhaltigen Produkten zurückschrecken? Denn unabhängig von der genauen Ausgestaltung bringt jedes weitere Kriterium jenseits der Rendite zusätzliche Komplexität mit sich.

Fiedler: Das stimmt natürlich. Aber ich glaube daran, dass Menschen grundsätzlich Gutes bewirken wollen. Jetzt haben wir endlich die Mittel in der Hand, um auch in der Kapitalanlage Wirkung zu erzielen. Transparenz, Aufklärung und sinkender Aufwand sind die Schlüssel dafür, dass sich Organisationen und Menschen auf den Weg machen. Wir müssen dabei akzeptieren, dass die einen schon etwas weiter sind und andere erst am Anfang stehen.

Stiebeling: Einige Kunden wurden auch durch regulatorische Vorgaben dazu veranlasst, sich mit diesem Thema sehr vertieft zu beschäftigen. Hier haben die Politik und der Gesetzgeber in der Nachhaltigkeitsdebatte eine erhebliche Wirkung. Man sieht das unter anderem an der Diskussion über die Ausgestaltung von nachhaltigen Anlagerichtlinien für die öffentliche Hand, die zum Beispiel gerade bei Kommunen einiges ins Rollen gebracht hat.

Sind die gesellschaftlichen Herausforderungen der Technologiebranche – Fake News, Hasskommentare, Datenschutz – in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte hinreichend abgebildet? Oder sind selbst die weitgefassten SDGs in dieser Hinsicht schon wieder veraltet?

Dirk Söhnholz
Prof. Dirk Söhnholz ist Honorarprofessor für Asset Management an der Universität Leipzig und Partner des Bankhauses von der Heydt.

Schöps: Das ist eine gute Frage. Die großen Datenmengen und die undurchsichtigen Datenverarbeitungsprozesse sind in vielerlei Hinsicht sicherlich ein Fall für kritische Prüfungen. Gleichzeitig plädiere ich dafür, kein Unternehmen per se aus einem Anlageuniversum auszuschließen. Man darf nicht vergessen, dass viele dieser Konzerne auch wertvolle Beiträge zu unserem heutigen Wohlstand geleistet haben und an vielen Stellen auch helfen, Probleme zu lösen. Wie bei allen Nachhaltigkeitsfragen müssen hier Anleger individuelle Antworten dafür finden, was für sie akzeptabel ist und was nicht.

Söhnholz: Ich meine, dass Technologiekonzerne nicht an sich ausgeschlossen werden sollten. Bei Tabak-, Öl- oder Rüstungskonzernen traue ich mir dagegen durchaus einen Ausschluss per se zu – da sehe ich keinen Grund für Individualbewertungen oder Best-in-Class-Ansätze, sondern plädiere für harte Ausschlüsse. Technologiekonzerne muss man sicherlich kritisch, aber in der Tat differenziert betrachten.

Homm: Die Digitalökonomie zeigt, wie rasant sich auch das Feld der Nachhaltigkeit verschiebt. Die Debatte begann vor vielen Jahren im Umweltbereich. Später kamen soziale und Governance-Aspekte hinzu. Und noch bevor diese überhaupt richtig durchdrungen sind, kommen Fragen der Plattformverantwortung, Datenautonomie oder künstlichen Intelligenz hinzu. Ich sehe das aber als Chance: Mit dem Konzept verantwortungsvoller Kapitalanlage haben wir ein Paradigma, das in allen diesen Bereichen individuelle Antworten finden kann.

Aber tappt der verantwortungsvolle Anleger dabei seinerseits in eine Selbstreferenzfalle? Der brasilianische Präsident Bolsonaro hat dem Westen vorgeworfen, mit internationalen Umweltschutzbestrebungen nichts weiter als postkoloniale Bevormundungspolitik zu betreiben.

Holger Stiebeling
Holger Stiebeling ist Leiter Kompetenzteam Öffentlicher Sektor/Non-Profit im Vertrieb Institutionelle Kunden der Deka-Bank.

Fiedler: Klar ist: Auch gut gemeinte Initiativen können und dürfen nur im Dialog erfolgen. Wir arbeiten bei internationalen Projekten beispielsweise sehr eng mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) zusammen, um immer den lokalen Bezug sicherzustellen und so nah an den Betroffenen zu sein wie nur irgend möglich. Gerade was das Verhalten von Staaten bzw. deren Regierungen angeht, muss man aber ehrlicherweise sagen, dass die Einflussmöglichkeiten nur sehr begrenzt sind.

Schöps: Eigentlich sind die Entwicklungs- und Schwellenländer in der großartigen Situation, die Fehler der Industrieländer nicht wiederholen zu müssen. Dieses Leapfrogging, Entwicklungsschritte zu überspringen, gelingt ihnen gerade technologisch sehr gut. Die Mobilfunknetze in Osteuropa sind besser als in Deutschland – und in Afrika ist Bezahlung per Handy längst üblich. Bei Nachhaltigkeitsfragen wird die Chance vielleicht noch nicht immer erkannt, aber Bevormundung oder Rechthaberei sind sicherlich das Letzte, was wir uns hier anmaßen sollten.

 

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