02.03.2012 | Von Die Stiftung

“Politikern fehlt das Korrektiv“

DIE STIFTUNG im Gespräch mit Achim Lange (Hamburger Sparkasse) über die relative Attraktivität von Aktien und eine zeitgemäße Aktienquote
DIE STIFTUNG: 2011 war für den Hamburger Stiftungsfonds, aber auch insgesamt, kein einfaches Jahr. Was nehmen Sie aus 2011 mit?
Achim Lange: In der Vergangenheit war klar, was ein sicheres Investment ist, aber was ist heute noch sicher? Staatsanleihen? Schlagartig stecken Stiftungen damit im Renditedilemma und können ihren Stiftungszweck nicht mehr erfüllen. Wir haben die Staatsanleihenquote im Fonds fast auf null reduziert. Entweder sehen wir bei den Emittenten die Schuldenproblematik, oder aber die Renditen sind mittlerweile so niedrig, dass wir unsere Ausschüttungspolitik nicht mehr durchhalten können. Mit kaum 2%, die Bundestitel derzeit noch bringen, können und wollen wir uns nicht abfinden.

DIE STIFTUNG: Ist also die hohe Staatsanleihenquote bei deutschen Stiftungen ein relativ hohes Risiko?
Lange: Definitiv, keine Frage. Daher gewichten wir Unternehmensanleihen sehr hoch. Renditeaufschläge sehen wir hier bei klassischen Industrietiteln, aber auch Bankschuldverschreibungen. Hierbei achten wir auf kürzere Restlaufzeiten bis zu drei Jahren, um die Kursrisiken im Falle eines abermaligen konjunkturellen Rücksetzers einzudämmen. Im Vordergrund stehen zahlungsfähige und zahlungswillige Emittenten. Hier finden Sie bei den Unternehmen mittlerweile mehr geeignete Kandidaten als bei Staaten, daher sind Unternehmensanleihen in meinen Augen alternativlos. Nicht zuletzt weil die Konsequenzen andere sind.

DIE STIFTUNG: Inwiefern?
Lange: Für einen griechischen oder deutschen Politiker dürfte die Zahlungsunfähigkeit seines Staates kaum Konsequenzen nach sich ziehen. Wenn ein Unternehmen einen Haircut von 80% vorschlagen muss, dann wird der Vorstand ausgetauscht und die Aktionäre rebellieren – mit Recht. Politikern fehlt hier schlichtweg das Korrektiv.

DIE STIFTUNG: Wie finden Sie nun diese “guten” Unternehmensanleihen?
Lange: Unser Auswahlprozess für Corporate Bonds ist einfach zu erklären. Ein Analyst betrachtet die Renditedifferenz gegenüber Staatsanleihen, einer die fundamentale Datenbasis des Unternehmens. Aus der Kombination dieser Faktoren resultiert dann die Entscheidung zum Kauf oder Verkauf einer Unternehmensanleihe. Aktuell mögen wir beispielsweise Versorger oder Telekompapiere. Denn selbst wenn die Welt abermals wirtschaftlich unter Druck gerät, werden diese Konzerne immer noch in der Lage sein, ihre Kupons zu bedienen.

DIE STIFTUNG: Wenn Sie den Unternehmen so sehr vertrauen, warum ist dann der Aktienanteil im Fonds noch nicht voll ausgeschöpft?
Lange: Die Aktienquote liegt aktuell bei 18,6%, maximal könnten wir diese bis 30% ausdehnen. Momentan möchten wir bei Aktien aber nicht zukaufen, weil wir aus verschiedenen Gründen Deflationsbefürchtungen, ausgehend von den Sparbemühungen, auf uns zukommen sehen, bevor sich die Inflation durchsetzt. Viele Staaten in Europa sparen überproportional, dazu stehen zahlreiche Regierungswechsel an. Ganz wichtig erscheint mir aber, dass Europa sich bereits in einer Rezession befindet, zumindest in Südeuropa. Grundsätzlich können sich die Börsen dem kurzfristig nicht entziehen. Daher nutzen wir Schwächephasen sukzessive zum weiteren Aktienaufbau, wenngleich sich die Märkte sehr heterogen verhalten dürften. Der DAX sieht gut aus, aber südeuropäische Aktienmärkte haben 2012 schon bis zu 20% verloren. Derlei könnte eine Blaupause für die kommenden Monate sein.

DIE STIFTUNG: Sie ziehen Aktien dennoch allem anderen vor?
Lange: Es gibt keinen Grund, warum erstklassige Aktien billig und solide Anleihen teuer sein müssen. Wenn eine Stiftung heute eine Anleihe mit einem Kupon von 4% oder eine Aktie mit 4% Dividende kaufen kann, dann präferiere ich die Aktie. Ganz klar.

DIE STIFTUNG: So deutlich sagen das die Wenigsten. Vielen Dank.

Das Gespräch führte Tobias M. Karow.

 
Achim Lange ist als Leiter Portfoliomanagement bei der Hamburger Sparkasse (Haspa)für die strategische Portfolioausrichtung im Private Banking verantwortlich und Manager des Hamburger Stiftungsfonds UI.

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