01.12.2011 | Von Die Stiftung

Sind steigende Zinsen tabu?

DIE STIFTUNG im Gespräch mit Mirko Kohlbrecher und Sebastian Kotte, Fondsberater des Stiftungsfonds Spiekermann & CO., über komplexe Rahmenbedingungen und das Dilemma der USA

DIE STIFTUNG: Was muss denn ein Stiftungsfonds heutzutage mitbringen?
Sebastian Kotte: Als Vermögensverwalter spüren wir aus unserer Mandantschaft Nachfrage nach den Anlagemotiven einer Stiftung. Das hat uns dazu bewogen, den Fonds zu gründen und mit diesem eine Antwort auf die wirklich komplexen Rahmenbedingungen bieten zu können. Dem Charakter nach muss solch ein Fonds zunächst die Substanz erhalten und darüber hinaus noch Ausschüttungen generieren. Das ist freilich schwierig, weil wir heute Sicherheit ganz anders definieren als noch vor drei Jahren.

DIE STIFTUNG: Wie meinen Sie das?
Kotte: Ein Stiftungsfonds muss die Balance finden zwischen Ausschüttung und Substanzerhalt. Angesichts der niedrigen Zinsen ist es anspruchsvoll, die richtige Allokation zu wählen.
Mirko Kohlbrecher: Wir versuchen das zu schaffen durch eine starke Übergewichtung von Unternehmensanleihen und kaufen Papiere von hoher Qualität, wie etwa Frese-nius oder Otto. Letztere hat zwar kein Rating, aber manchmal ist solches ja eher umstritten. Die Spirale bei den Staats-schulden scheint unumkehrbar zu sein, weshalb wir von einem nachhaltigen Vertrauensverlust in diese Staatsschulden ausgehen. Sicherheit jedenfalls sehen wir hier kaum noch, das Gewicht von Staatsanleihen ist im Fonds dementsprechend verschwindend gering.

DIE STIFTUNG: Wie interpretieren Sie überhaupt die aktuelle Situation, jetzt wo die US-Notenbank wieder frisches Geld druckt?
Kohlbrecher: In meinen Augen ist es absolut notwendig, dass die Zinsen niedrig bleiben, weil sonst die Zinslasten mancher Staaten nicht mehr bedienbar wären. Steigende Zinsen sind daher vorerst nicht zu erwarten. Wer jetzt die Staatsanleihen kauft? Nun ja, Sie haben die Antwort bereits gegeben: die Amerikaner selbst. Das Problem ist, dass die USA wohl kaum mehr anders können, damit sind die Grundprobleme aber nicht gelöst. Es war in den vergangenen Jahrzehnten immer schon zu viel Geld im Umlauf. Nun wird ver-sucht, dies mit noch mehr frischen Dollars zu lösen. Die Situation ist schon sehr kritisch.
Kotte: Das sehe ich ähnlich. Die amerikanischen Notenbanken glauben mit kontrollierbaren Inflationsraten eine gezielte Schuldenentwertung zu erreichen. Das könnte ein Spiel mit dem Feuer sein. Weiterhin niedrige Zinsen sind somit absehbar, was für uns bedeutet, wegfallende Erträge aus Staatsanleihen substituieren zu müssen. Das wiederum schaffen wir entweder über Unternehmensanleihen oder aber Aktien von Qualitätsunternehmen.

DIE STIFTUNG: Welche Titel gefallen Ihnen derzeit konkret?
Kohlbrecher: Einleitend muss ich einschränken, dass Aktien vieler Qualitätsunternehmen schon deutlich gestiegen sind. Nestlé oder Procter & Gamble notieren schlichtweg auf einem fairen Bewer-tungsniveau. Gleichzeitig ignoriert der Markt nach wie vor einige Geschäftsmodelle, wie etwa den Pharmagroßhändler Celesio, wo sich dem Value-Investor immer noch Chancen bieten.

Kotte: Wir kaufen auch Aktien wie Timberland, die wir beispielsweise auch unter nachhaltigen Gesichtspunkten selektiert haben. Der Anbieter von Schuhen und Bekleidung wird als einer der besten Arbeitgeber Deutschlands gesehen, tut zudem etwas für den Klimaschutz. Aber ausschließlich auf nachhaltige Kriterien schauen wir nicht, weil hier vieles auch in Richtung einer Mode geht. Und Mo-den sind keine Investments für einen Stiftungsfonds.

DIE STIFTUNG: Meine Herren, herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.

Das Gespräch führte Tobias M. Karow.
Sebastian Kotte ist Prokurist der Spiekermann & CO AG. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt im Stiftungsmanagement und in der Vermögensbetreuung.

 

 Mirko Kohlbrecher ist Prokurist der Spiekermann & CO AG. Seine Schwerpunkte sind Analyse und Research.

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