Die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland ist zwar rechtlich erreicht, im Alltag aber noch nicht. Frauen werden schlechter bezahlt als Männer, kümmern sich mehr um die Familie und sind häufiger Opfer von Gewalt. Wie gemeinnützige Organisationen gegen Diskriminierung von Frauen in Deutschland vorgehen.

Dass es in der Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland noch einiges zu tun gibt, zeigt beispielhaft ein Wert: Laut Statistischem Bundesamt arbeiten 66 Prozent der erwerbstätigen Mütter in Teilzeit, bei den Vätern sind es sieben Prozent. Die Zahlen aus einer aktuellen Erhebung sind mehr als eine Momentaufnahme: Vor zehn Jahren waren diese Teilzeitquoten ähnlich, verändert hat sich seitdem kaum etwas. Ein Grund für diese Ungleichheit liegt darin, dass Frauen mehr Care-Arbeit leisten.

„Frauen sind heute sichtbarer.“
Eva Brinkmann to Broxten, Stiftung Maecenia

Unter diesen Begriff fallen Tätigkeiten wie das Umsorgen oder Pflegenvon Bedürftigen, Kinderbetreuung, Altenpflege oder auch familiäre Unterstützung. Laut der Bundesstiftung Gleichstellung verwenden Frauen durchschnittlich
täglich 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit als Männer.

Für Christa Stolle, Geschäftsführerin des Vereins Terre des Femmes, ist diese Situation nicht hinnehmbar: „Wir fordern gleiche Teilhabe in Familie und Beruf für beide Geschlechter. Es ist schockierend zu sehen, dass immer noch so wenige Männer Elternzeit nehmen. Es wird ihnen oft auch schwerer gemacht als den Frauen.“

Maßnahmen gegen Diskriminierung

Die Politik hat Maßnahmen ergriffen, um gegen die Diskriminierung in der Berufsund Familienwelt vorzugehen, wie zum Beispiel die Einführung der Frauenquote in Unternehmen oder die Unterstützung in Schulen für eine Qualifizierung ohne Geschlechterklischees.

Gleichberechtigung der Geschlechter, so die Bundesregierung, stelle ein universelles Menschenrecht dar. Frauen und Männer sollten auf dem gesamten Lebensweg stets gleiche Chancen haben, beruflich wie privat. Damit lehnt sie sich an das fünfte der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen an: „Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen“.

Christa Stolle ist die Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes. Der Verein sitzt in Berlin.

Christa Stolle ist die Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes. Der Verein sitzt in Berlin. Foto: Terre des Femmes

Die Sustainable Development Goals (SDGs), die am 1. Januar 2016 in Kraft getreten sind, sollen eine nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene befördern – bis 2030 sollen sie erreicht sein. Unter SDG Nummer fünf fallen mehrere Aspekte, die darauf abzielen, alle Formen der Diskriminierung von Frauen und Mädchen weltweit zu beenden, von Teilhabe im Berufsleben und Chancengleichheit über Gesundheit bis hin zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, etwa in Form von Genitalverstümmelung oder Zwangsverheiratung.

Bei allen staatlichen Anstrengungen sind die Lebens- und Arbeitswelten der Frauen in Deutschland so unterschiedlich, dass gemeinnützige Organisationen mit ihrer Arbeit dort in die Lücken stoßen, wo staatliche Maßnahmen nicht greifen oder nicht ankommen.

Info

Maecenia Frankfurter Stiftung

Jahr der Errichtung: 2000, seit 2014 verbrauchende Stiftung
Stiftungszweck: Förderung von wissenschaftlichen, künstlerischen und kulturellen Projekten und Initiativen von Frauen
Bewilligte Fördermittel: 767.000 Euro
Mitarbeiter: 1 Hauptamt, 5 weitere im Vorstand ehrenamtlich

Weibliche Präsenz in Wissenschaft und Kunst stärken

Zum Beispiel bei den Frauen, die nicht in Wirtschaftsunternehmen arbeiten, die längst aufgefordert sind, mehr Frauen Führungspositionen zu ermöglichen – sondern sich in Branchen bewegen, bei denen Fragen der Geschlechtergerechtigkeit weniger stark im Fokus stehen: etwa in der Wissenschaft oder in der Kunst.

Hier ist die Frankfurter Stiftung Maecenia aktiv. Die Stiftung will Frauen dazu befähigen, in Wissenschaft, Kunst und Kultur besser Fuß zu fassen und als Freelancerinnen erfolgreich zu sein. „Wir unterstützen Frauen vor allem in ihrem Tun“, sagt Stifterin Eva Brinkmann to Broxten. Seit der Gründung im Jahr2000 förderte die Stiftung unter anderem Filme, Bücher, Theater-, Tanz- und Kunstprojekte. „Frauen sind heute sichtbarer“, sagt to Broxten.

Eva Brinkmann to Broxten ist die Stifterin von Maecenia. Die Stiftung hat ihren Sitz in Frankfurt.

Eva Brinkmann to Broxten ist die Stifterin von Maecenia. Die Stiftung hat ihren Sitz in Frankfurt. Foto: Maecenia

„Es gibt viele Ausstellungen von Künstlerinnen, Opern werden von Frauen dirigiert, oder es werden Werke von Komponistinnen gespielt. Wissenschaftlerinnen kommen öfter zu Wort, das hat vor allem die Pandemie gezeigt.“

Die Frauenstiftung Filia konzentriert sich mit ihrer Arbeit hingegen vor allem auf die Intersektionalität in der Geschlechtergleichstellung: Diese betrifft Frauen, die einer Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt sind. „Auch wenn wir an sich die rechtliche Gleichstellung in Deutschland haben, ist diese für geflüchtete Frauen und Migrantinnen noch nicht erreicht“, sagt Geschäftsführerin Lizzie Wazinski.

Das Empowerment – also die Stärkung und Selbstermächtigung – dieser Frauen und Mädchen müsse gefördert werden, um mehr Selbstbestimmung zu erreichen. Problemfelder seien unter anderem eingeschränkte Bildungschancen und eingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt, aber auch rassistische und sexualisierte Gewalt.

„Filia fördert deswegen Gruppen von geflüchteten und migrantischen Frauen, die sich organisieren und für ihre Rechte kämpfen“, so Wazinski. Auch Frauen mit Behinderung unterstützt Filia. Sie müssten oft für ihre Reproduktionsfreiheit kämpfen und hadern mit sexueller Selbstbestimmung.

Info

Terre des Femmes

Jahr der Errichtung des Vereins: 1981
Jahr der Errichtung der Stiftung: 2004

Stiftungszweck: Abschaffung von jeder Art der Gewalt gegen Mädchen und Frauen, Selbstbestimmtheit, Gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis
Mitglieder: 2.400
Mitarbeiter: 40 Hauptamt, 200 Ehrenamt

Migrantinnen und ihre Rechte

Bei der Organisation Terre des Femmes liegt der Fokus auf Gewalt gegen Frauen. „Solange Männer Gewalt anwenden, sind wir nicht gleichberechtigt. Das reicht von weiblicher Genitalverstümmelung, Prostitution, Zwangsheirat und häuslicher Gewalt bis hin zu sexualisierter Gewalt oder Vergewaltigung“, erklärt Christa Stolle.

„Wir lehnen Kulturrelativismus ab. Dafür werden wir auch angegriffen“, stellt sie klar. Um Frauen auf ihre Rechte aufmerksam zu machen, arbeitet Terre des Femmes mit Migrantinnen zusammen, die aus patriarchalen Gesellschaften kommen und es gewohnt sind, einen männlichen Vormund im Leben zu haben.

„Hier muss noch ganz viel getan werden, um diesen Frauen ihren Wert und ihre Rechte zu vermitteln. Ihnen wollen wir vermitteln, dass sie die gleichen Rechte haben wie einheimische Frauen, und sich bei Gewalt Hilfe holen dürfen“, sagt Stolle.

Lizzie Wazinski ist Geschäftsführerin von Filia. Die Stiftung ist in Hamburg ansässig.

Lizzie Wazinski ist Geschäftsführerin von Filia. Die Stiftung ist in Hamburg ansässig. Foto Klaus Norris Nather

Als Beispiel der auch Männer umfassenden Aufklärungsarbeit nennt sie ein Vater-Tochter-Projekt: Väter kommen hier zusammen und tauschen sich über die Erziehung ihrer Töchter aus, mal mit den Töchtern, mal ohne. Terre des Femmes bietet somit einen geschützten Rahmen, wo die Väter sich beraten oder sich auch einfach nur über Fragen austauschen können wie „Darf meine Tochter mit 15 schon in die Disko oder nicht?“.

Die Aktivitäten der drei Organisationen zeigen, wie individuell verschieden die Bedürfnisse einzelner Frauen sind, um in der Geschlechtergleichstellung Schritt für Schritt voran zu kommen. Weil sich die Lebenswege nicht immer verfolgen lassen und die Kontakte der betroffenen Frauen zu den Organisationen nach Projektende auch abbrechen, sind Erfolge schwer zu bewerten.

Info

Filia die Frauenstiftung

Jahr der Errichtung: 2001
Stiftungszweck: Förderung der Gleichberechtigung von Frauen
Bewilligte Fördermittel: 16 Millionen Euro
Mitarbeiter: 10 Hauptamt, 33 Ehrenamt

„Nach dem Prinzip der feministischen Philanthropie ist sozialer Wandel nicht wirklich messbar. Geduld ist hier ein großer Faktor, denn gesellschaftliche Veränderungen brauchen einfach Zeit“, spricht Filia Geschäftsführerin Wazinski aus Erfahrung.

Weil Erfolg erzählbar, aber nicht messbar sei, arbeitet Filia nicht mit detaillierten Projektberichten, sondern führt Evaluationsgespräche mit ihren Förderpartnerinnen. Der Erfolg der Projekte hängt zu guter Letzt auch an der Finanzierung der Projekte.

Der Wettbewerb um Spenden ist hart. Filia hat sich von einer rein kapitalgestützten Organisation zu einer spendenorientierten entwickelt und begonnen, öffentliche Mittel zu akquirieren.

Auch Kooperationen mit anderen Stiftungen und Unternehmen werden verstärkt eingegangen, um die Finanzierung der Projektarbeit zu sichern. Terre des Femmes generiert über die Hälfte der Einnahmen über Spenden und kämpft erfolgreich für EU-Zuschüsse.

„Wir lehnen Kulturrelativismus ab.“
Christa Stolle, Terre des Femmes

Das Kapital der Stiftung Maecenia stammt komplett vom privaten Erbe von Gründerin Brinkmann to Broxten. Doch es wird nicht reichen: „Wir haben alle zwei Jahre gefördert. Für mehr hatten wir leider nicht die Mittel. Daher haben wir 2014 die Stiftung in eine verbrauchende Stiftung verwandelt“, erklärt sie. Die Stifterin befürchtet, dass Maecenia 2025 die Arbeit niederlegen muss, wenn das Stiftungskapital aufgebraucht sein wird. „Dabei gibt es noch so vieles, das getan werden müsste.“

Der Verein „Mujeres hispanohablantes“ wird von Filia unterstützt im Rahmen eines Empowerment-Programms namens Frauen und Flucht.

Der Verein „Mujeres hispanohablantes“ wird von Filia unterstützt im Rahmen eines Empowerment-Programms namens Frauen und Flucht. Foto: Filia

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