Die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung setzt sich für Aufklärung und Akzeptanz sexueller Minderheiten ein und kämpft gegen die Diskriminierung. Weil sich die Gesellschaft schnell wandelt, musste die Satzung mehrfach geändert werden. Politisch will die Frankfurter Stiftung bewusst neutral bleiben.

Angriffe angriffe auf Mitglieder sexueller Minderheiten sind ein weltweites Phänomen. Die Mordattacke auf eine queere Bar in Bratislava, bei der im Oktober zwei Männer ermordet und eine Frau schwer verletzt wurden, ist nur ein Beispiel. Auch in Frankfurt am Main gab es eine Reihe von Angriffen auf Menschen, deren Vielfalt etwa das Kürzel LGBTIQ symbolisieren soll. „Leider ist unsere Arbeit heute immer noch aktuell und sehr wichtig. Wir haben zwar gemeinsam schon viel geschafft, was die Akzeptanz von queeren Menschen betrifft. Aber immer noch liegt ein weiter Weg vor uns. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt“, sagt Josef Schnitzbauer, seit 2001 Vorstand der Hannchen-Mehrzweck- Stiftung, der Stiftung für queere Bewegungen, wie sie sich selbst nennt.

Michael Kallinen ist Beiratsvorsitzender der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung. Foto: Hannchen-Mehrzweck-Stiftung

Der Stiftungsgründer Andreas Meyer-Hanno (1932–2006) hatte die Diskriminierung nichtheterosexueller Orientierungen in unterschiedlicher Schärfe erlebt: Noch bis 1994 sah der bis ins Jahr 1872 zurückgehende Paragraph 175 des Strafrechts für homosexuelle Handlungen zwischen Männern bis zu sechs Monate Haft vor und mündete 1950/51 in die Frankfurter Homosexuellenprozesse. „175er“ hatte sich im Lauf von 120 Jahren als abfällige Bezeichnung Homosexueller etabliert. Meyer-Hanno setzte sich schon früh für die Gleichberechtigung der queeren Community ein und gründete 1980 auch die Homosexuelle Selbsthilfe mit, die bis heute unter anderem rechtliche Unterstützung für Homosexuelle finanziert. Im Jahr 1991 folgte die Errichtung der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, in die Meyer-Hanno sein komplettes privates Vermögen einbrachte. „Andreas wollte etwas aus der Community für die Community schaffen, das war ihm wichtig“, sagt Michael Kallinen, Beiratsvorsitzender der Stiftung und dort seit der Gründung aktiv.

Stetige Anpassung

Seit 1991 ist viel passiert. Die Satzung wurde fünfmal angepasst, um den gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit Rechnung zu tragen, zweimal fanden Änderungen noch zu Lebzeiten von Andreas Meyer-Hanno statt. Änderungen noch zu Lebzeiten von Andreas Meyer-Hanno statt. Da sei die Stiftungsaufsicht ohne Probleme mitgegangen, erinnert sich Schnitzbauer. So wurde zum Beispiel im Jahr 2004 der Stiftungszweck um die Förderung von Wissenschaft und Forschung ergänzt. Ein Ziel ist es, der „Allgemeinheit die Erkenntnis der Sexualwissenschaft zu vermitteln, dass homosexuelles und heterosexuelles Empfinden und Verhalten gleichwertige Ausprägungen der einen menschlichen Sexualität sind“, wie es in der Satzung heißt.

„Der Stifter hat auch zu Lebzeiten bereits Transprojekte unterstützt und hätte dort sicherlich keine Grenze gezogen.“
Michael Kallinen, Beiratsvorsitzender

Schwieriger war die formale Anpassung nach dem Tod des Stifters. „Wir mussten die Stiftungsaufsicht überzeugen, dass wir im Sinne von Andreas Meyer-Hanno handeln“, sagt Schnitzbauer. Für die Änderung im Jahr 2014, in der die Möglichkeit zur Förderung von Inter- und Transprojekten in die Satzung aufgenommen wurde, sei das zwar zeit- und vorbereitungsintensiv, aber letztlich nicht so schwer gewesen. „Denn der Stifter hat auch zu Lebzeiten bereits Transprojekte unterstützt und hätte dort sicherlich keine Grenze gezogen.“

2020 konnte der Vorstand nach einer Satzungsänderung von fünf auf sieben Mitglieder erweitert, und Beschlüsse durften auch online gefasst werden. Ob dies erst einmal die letzte Satzungsanpassung war, mögen Schnitzbauer und Kallinen nicht vorhersagen. Nur so viel: „Die Herausforderungen für die Zukunft bleiben groß“, sagt Kallinen.

Junge Engagierte gesucht

Josef Schnitzbauer ist seit 2001 Vorstand der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung.

Josef Schnitzbauer ist seit 2001 Vorstand der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung. Foto: Hannchen-Mehrzweck-Stiftung

Erstens steht ein Generationenübergang bevor. Die Stiftung hat in ihren Gremien derzeit keine Mitarbeiter, die jünger als 40 Jahre sind. Zugleich sind die Antragsteller für Projekte oft jung. „Wir schauen da bereits gezielt, wer vielleicht zu uns passen könnte“, sagt Schnitzbauer. Die Krux sei, sich in den gemeinsamen Sitzungen von Beirat und Vorstand Konzepte zu überlegen, wie ein gleitender Übergang möglich sei, und das Thema der nächsten Generation auch schmackhaft zu machen. „Verjüngung ist gut, aber Erfahrung eben auch wichtig. Da die Balance zu halten, ist nicht immer einfach“, so Kallinen.

„Wir können nicht ausblenden, dass wir hier eine Verantwortung haben, solidarisch mit verfolgten Menschen in anderen Regionen der Welt zu sein.“
Josef Schnitzbauer, Vorstand

Zweitens werden Know-how und Effizienz immer mehr zu einem wichtigen Erfolgsfaktor. Das nachhaltig investierte Stiftungsvermögen beträgt mittlerweile etwa 3,4 Millionen Euro, die Hannchen- Mehrzweck-Stiftung veröffentlicht die Anlagekriterien und eine aktuelle Vermögensübersicht auf ihrer Website. Bisher hat die Stiftung jedes Jahr das Ausschüttungsvolumen erhöht. Um aber auch künftig wachsen zu können, brauche sie weiteres Knowhow von außen. Erstmalig könnte sich die bislang rein ehrenamtlich arbeitende Stiftung hierfür sogar bald eine bezahlte Stelle leisten, sagt Vorstand Schnitzbauer. „Das war finanziell bislang nicht möglich.“

Zwischen den Fronten

Und wachsen möchte die Stiftung. Denn auch wenn sich die Stellung der LGBTIQ-Menschen in Deutschland verbessert hat, sieht Schnitzbauer noch großen Handlungsbedarf: „Es ist notwendig, weiter Aufklärungsarbeit zu leisten, gerade weil sich die Gesellschaft in einem dauerhaften Wandlungsprozess befindet. Außerdem können wir nicht ausblenden, dass wir hier eine Verantwortung haben, solidarisch mit verfolgten Menschen in anderen Regionen der Welt zu sein“, so Schnitzbauer.

Dabei versucht die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, sich weder in eine spezifische politische Ecke drängen zu lassen noch sich einem bestimmten Spektrum innerhalb der Regenbogen-Bewegung zuzuordnen. Dies sei manchmal ein Drahtseilakt, so Kallinen, da es innerhalb der Community stark unterschiedliche Sichtweisen auf verschiedene Themen gebe. „Wir halten uns aus den aktiven politischen Diskussionen nach außen hin eher raus, auch wenn wir intern durchaus kontrovers diskutieren. Wir möchten frei von politischen Strömungen und Interessen entscheiden, welche Projekte und Themen von uns gefördert werden“, sagt Kallinen.

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