Dividendenstrategie: Substanzerhalt trifft Ertrag

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Dividenden als neuer Zins: Dieses Motiv war häufiger zu hören, als die nominalen Zinsen im Minusbereich gründelten – so kritisch die Vorstellung auch in der Niedrigzinsphase zu sehen war. Wie aber ist die heutige Lage? Sind in Zeiten mittlerweile ziemlich ansehnlicher Coupons Dividenden schon wieder out? Die Antwort lautet „Nein“, denn bei der Abwägung müssen auch die Inflation einbezogen und nominale gegenüber den realen Renditen betrachtet werden. Der Fixed-Income-Ansatz bietet weniger Ausgleich bei Inflation, denn so wichtig die aktive Bewirtschaftung eines Anleiheportfolios auch ist: Höhere neue Coupons drücken auf die Notierung der Anleihen im Bestand, das war 2022 geradezu lehrbuchmäßig zu beobachten, als sich das „Zinsänderungsrisiko“ genannte Szenario in schmerzhaften Verlusten manifestierte (siehe Seiten 58 bis 61).

Im Unterschied zu Anleihen werden die von Aktiengesellschaften erwirtschafteten Erträge aus den nominalen Unternehmenscashflows gezahlt, die mit oder über das Inflationsniveau steigen können. „Nach Abzug der Inflation ist das Ergebnis über fünf Jahre betrachtet für Anleihen entsprechend relativ ernüchternd“, rechnet Sam Witherow, Fondsmanager bei JP Morgan, vor. Hinzu kommen antizyklische Chancen. Technologie, Digitalisierung, KI und erneuerbare Energien stehen aktuell im Fokus von Investoren. Unter solchen technologieaffinen Anlegern gelten Dividendentitel als Resterampe absehbar siechender Industrien und Geschäftsmodelle.

Doch dieser Blick erscheint verengt. So wie damals die alten, bewährten Geschäftsmodelle langfristig beim Internet-Hype – Stichwort Neuer Markt – am meisten profitierten und Vertrieb, Sourcing und Produktionsabläufe optimiert haben, könnten es nun genau die Unternehmen aus den Dividenden-Portfolios sein, die in Summe von künstlicher Intelligenz, Internet of Things und weiteren Technologien am meisten profitieren.

Dividendenstrategien gerade in schwachen Märkten stark

Hinzu kommt die aktuelle Marktphase. „Dividendenstrategien konnten sich in der Vergangenheit in schwachen Konjunkturphasen gut behaupten und schnitten besser ab als der gesamte Aktienmarkt“, betont Thomas Homm, Stiftungsexperte bei der Bank im Bistum Essen. Dividenden entwickelten sich in der Regel deutlich stetiger als Unternehmensgewinne, „somit können in schwachen Marktphasen Dividendeninvestments eine zusätzliche Risikominderung für das Portfolio darstellen“. Eine große Anzahl deutscher Aktien verbuchte im vergangenen Jahr laut Homm Dividendenerträge im Schnitt von 4,5 Prozent: „Ein großer Teil der derzeit hohen Inflation kann so durch diese ordentlichen Erträge ausgeglichen werden.“

Dividendenpapiere würden natürlich auch Kursschwankungen an den Börsen unterliegen und könnten in schwachen Börsenphasen – insbesondere in Krisenzeiten – auch hohe Verluste aufweisen. Insgesamt gilt aber: „Eine Beimischung in ein Stiftungsportfolio macht unter einem langfristigen Anlagehorizont Sinn und sollte mit in ein Portfolio neben Ertrags-, Substanz-, Sachwerten und alternativen Investmentformen integriert werden.“

Rendite und Diversifikation

So betrachtet zahlt eine Dividendenstrategie neben den angestrebten Renditen auch auf das Diversifizierungskonto einer Stiftung ein, das in verschiedene Vermögensklassen allokiert werden sollte. „Dazu ist es wichtig, dass sich die Stiftung in der Erstellung und Umsetzung einer Anlagerichtlinie entsprechende Leitplanken setzt. Hier sollte auch eine nachvollziehbare Nachhaltigkeitsstrategie eingesetzt werden“, betont Homm. Um diese breite Streuung zu erreichen und den Arbeitsaufwand bezüglich der Kapitalanlagen zu verringern, empfiehlt Homm die Anlage in dividendenstarke Aktienfonds und nicht in Einzeltitel. „Aus diesem Universum kann man als Finanzverantwortlicher einer Stiftung die entsprechende Aktienquote über drei oder vier Fonds darstellen. Der Dividendenansatz kann daher auch gut in eine fondsbasierte Vermögensverwaltung eingesetzt werden, was zu einer deutlich breiteren Vermögensaufstellung der Stiftung führt und das Risiko reduziert“, so der Experte.

Mehr als nur die Dividendenkönige

Worauf basiert nun die Qualität einer Dividende, und auf welche Titel in einem Fondsportfolio sollten Stiftungsverantwortliche achten? Es ist unmittelbar einsichtig, dass die Dividendenrendite wichtig ist, es wäre aber viel zu kurz gedacht, nur die aktuell auszahlungsstärksten Titel zu selektieren. „Es sollte darauf geachtet werden, dass die Dividenden auch wirklich verdient worden sind und nicht aus Substanz ausgeschüttet wird“, so Homm. Neben diesem Thema sollten die Stiftungen darauf achten, „dass eine breite Streuung der Aktienauswahl erfolgt, nach Branchen und Regionen, und in eine globale Aktienstrategie eingebaut wird“. Die Suche nach entsprechenden Titeln konzentriert sich daher auf klar definierte Rahmenbedingungen: funktionierende Geschäftsmodelle, die in der jeweiligen Wachstumsphase wenig ausgeschüttet haben, von denen nun aber erwartet wird, dass sie die Ausschüttungsquote erhöhen – und sich das auch erlauben können. Qualität heißt also: hohe, aber nicht maximale Dividende, robuste langfristige Ausschüttungsfähigkeit und ein klarer Pfad zum Dividendenwachstum.

JP Morgan hat den MSCI World Index mit erfolgreichen Dividendentiteln über einen Zeitraum von 20 Jahren analysiert. Dabei schälten sich über diesen langen Zeitraum jene Unternehmen, die am mittleren bis oberen Ende der globalen Dividendenzahler als Kapitalvermehrer rangieren, als besonders attraktiv heraus – also jene Unternehmen, die nicht die höchsten Auszahlungen leisteten, sondern den Mix aus Dividende und Kurssteigerung überdurchschnittlich beherrschten. Ein Beispiel für einen solchen Kapitalvermehrer ist Texas Instruments, beschreibt Witherow den Ansatz. „Auch wenn die Dividendenrendite nur drei Prozent beträgt, ist sie in den letzten zehn Jahren um 16 Prozent pro Jahr gewachsen. Diese Art der leistungsstarken Ergebnisse suchen wir für unser Dividendenportfolio.“

Ausschüttungen wachsen mit

Boris Anbinder, Manager bei Metzler, nennt etwa die finnische Neste Oyj als ein Beispiel eines attraktiven Zielunternehmens. Als sogenannter Transitioner hin zu erneuerbaren Energien zeichne sich künftiges Dividendenwachstum deutlich ab: „Solche Unternehmen wollen wir möglichst früh entdecken und dann auf ihrem Weg begleiten.“ Für Stiftungsverantwortliche ist es daher wichtig, die Strategie eines Dividendenfonds zu ergründen und darauf zu achten, dass neben der eigentlichen Rendite auch auf künftiges Dividendenwachstum und die Stabilität der Ausschüttungen der Zielunternehmen geachtet wird.

Dividendenstrategien bieten Stiftungen gerade in Zeiten hoher Inflation ein gutes Hedging gegen Preissteigerungen. Ob eine Stiftung Europa bevorzugt oder global denkt, bleibt der individuellen Portfoliokonstruktion und den Anforderungen an die Diversifikation vorbehalten.