Die Vermögensanlage der RAG-Stiftung ist Thema beim Bundesrechnungshof. Ein Bericht der Behörde vom 8. April 2026, über den WDR und Manager-Magazin berichten, kommt zu dem Schluss, dass die Kapitalanlage der Stiftung unwirtschaftlich sei. Zudem sehen die Prüfer die nachhaltige Finanzierung des Stiftungszwecks gefährdet. Demnach ging das Stiftungsvermögen zwischen dem 31. Dezember 2021 und dem 30. September 2025 um 4,8 Milliarden Euro auf rund 16 Milliarden Euro zurück. Zugleich ergebe sich eine Deckungslücke von 15,4 Milliarden Euro zwischen dem vorhandenen Vermögen und den künftig zu tragenden Ewigkeitslasten.
Die RAG-Stiftung wurde 2007 gegründet, um die Folgekosten des deutschen Steinkohlenbergbaus langfristig abzusichern. Zu diesen sogenannten Ewigkeitsaufgaben zählen insbesondere die Grubenwasserhaltung, Reinigung von Grundwasser, sowie Poldermaßnahmen – also dauerhafte technische Eingriffe zum Schutz von Landschaften, die durch den Bergbau in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Auf ihrer Jahrespressekonferenz am 10. Juni 2026 gab die Stiftung an, im Geschäftsjahr 2025 insgesamt 309 Millionen Euro für Ewigkeitslasten aufgewendet zu haben. Zudem habe sie rund 420 Millionen Euro erwirtschaftet. Dieser Betrag wurde laut dem Jahresabschluss 2025 der Stiftung vollständig der Rückstellung für künftige Ewigkeitslasten zugeführt. Der formale Jahresüberschuss der Stiftung lag damit bei null.
Hohe Gesamtverpflichtung
Der Jahresabschluss 2025 des RAG-Stiftung-Konzerns, also von Stiftung und verbundenen Organisationen zusammen, weist hingegen einen Überschuss von 14,5 Millionen Euro aus, nach einem Defizit von 52,1 Millionen Euro im Jahr 2024. Der Konzernabschluss folgt damit einer anderen Logik: Er konsolidiert mehr als 190 Tochterunternehmen nach der sogenannten Equity-Methode. Dadurch schlagen im Konzernabschluss auch Wertveränderungen und Verluste einzelner Beteiligungen durch. Der Gesamtumsatz des RAG-Stiftung-Konzerns betrug 2025 fast 2,7 Milliarden Euro, die Rückstellungen für Ewigkeitsverpflichtungen lagen bei rund 11,17 Milliarden Euro.
Ein Blick in den Konzernabschluss zeigt zugleich, wie groß die langfristige Last ist, die die Stiftung tragen muss. Die Gesamtverpflichtung für Ewigkeitslasten lag Ende 2025 bei 31,4 Milliarden Euro. In der Bilanz waren dafür 11,17 Milliarden Euro als Rückstellung ausgewiesen. Hinzu kamen etwa 343 Millionen Euro an gebundenen Rücklagen, die ebenfalls für die Ewigkeitslasten aufgewendet werden können. Damit klafft eine Differenz von rund 20 Milliarden Euro zwischen der Gesamtverpflichtung und den bilanzierten Rückstellungen.
Risikoreiche Anlagestrategie
Diese Differenz entspricht dem Grundmodell der Stiftung. Sie ist darauf ausgerichtet, die Ewigkeitslasten nicht sofort zu finanzieren, sondern sie langfristig aus Beteiligungs- und Kapitalerträgen sowie über den weiteren Aufbau von Rückstellungen zu decken. Ob dieses Modell dauerhaft trägt, hängt maßgeblich von der Ertragskraft und der Risikostruktur des Stiftungsvermögens ab.

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der Rechnungsprüfer an. Die Stiftung habe ihr Vermögen zu stark auf Immobilien und direkte Beteiligungen konzentriert, während weltweit gestreute Aktien unterrepräsentiert seien. Zudem seien aus Sicht des Bundesrechnungshofs zu hohe Einzelrisiken eingegangen worden. Wörtlich heiße es in dem Bericht: „Die Kapitalanlage der Stiftung ist unwirtschaftlich.“ Nach Angaben des Manager-Magazins formuliert der Bundesrechnungshof darüber hinaus einen ausdrücklichen Auftrag an die Stiftungsgremien: „Vorstand und Kuratorium haben gemeinsam die satzungsgemäße Aufgabe, dass diese Deckungslücke langfristig geschlossen wird.“
Die Stiftung weist die Kritik an ihrer Kapitalanlage zurück. Vorstandsvorsitzender Bernd Tönjes erklärte bei der Jahrespressekonferenz, der Rechnungshof habe gerade den Zeitraum betrachtet, in dem die Deckungslücke am größten gewesen sei. Maßgeblich sei für ihn die laufende Ertragskraft der Stiftung. „Wir müssen nicht auf Rückstellungen zurückgreifen, weil wir genug Gewinne haben“, sagte Tönjes.
Tochterunternehmen RSBG im Fokus
Gleichzeitig deutet sich ein Strategiewechsel an. Die neue Finanzvorständin Kerstin Terhardt, die ihr Amt am 7. Mai 2026 antrat, kündigte auf der Jahrespressekonferenz an, die RAG-Stiftung müsse sich „vom Beteiligungskonzern zur institutionellen Investorin“ wandeln. Terhardt war bereits im September 2025 vom Kuratorium zur Nachfolgerin von Jürgen Rupp bestellt worden. Die Stiftung hob damals ihre langjährige Erfahrung in der Betreuung institutioneller und privater Vermögen hervor.
Die größte Einzelposition im Portfolio bleibt die Beteiligung an Evonik. Die Stiftung hält rund 44 Prozent der Anteile an dem Chemiekonzern. Dessen Börsenwert ist im Jahr 2025 um fast 21 Prozent gesunken. Terhardt beschrieb die Auswirkungen dieser Abhängigkeit mit den Worten: „Ein Euro weniger Aktienkurs bei Evonik bedeutet 200 Millionen Euro weniger Stiftungsvermögen.“ Langfristig soll der Anteil am Chemiekonzern auf 25,1 Prozent reduziert werden.

Auch die Geschäfte der Beteiligungsgesellschaft RSBG geraten in den Blick. Die 2014 gegründete Stiftungstochter bündelt Beteiligungen mittelständischer Unternehmen aus Maschinenbau, Automatisierung sowie Ingenieur- und Industriedienstleistungen. Nach Angaben des Manager-Magazins stellte die RAG-Stiftung für ihre Tochter rund 1,5 Milliarden Euro bereit. Es habe hohe Abschreibungen auf mehrere Beteiligungen gegeben, darunter Signa, URG, Roschmann, Hahn und Salzbrenner Media. Bis auf den Automationsspezialisten Hahn gingen alle genannten Beteiligungen insolvent. Insgesamt summierten sich diese Abschreibungen demnach auf rund 700 Millionen Euro, schreibt das Magazin weiter. Für das Jahr 2025 habe die RSBG demnach einen Verlust von 345 Millionen Euro ausgewiesen, nach einem Fehlbetrag von rund 45 Millionen Euro im Vorjahr.
Engere Kontrolle durch das Kuratorium
Mit der Kritik des Bundesrechnungshofs rückt auch das Kuratorium der Stiftung stärker in den Fokus. Das 13-köpfige Gremium wird vom früheren NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet geleitet, stellvertretender Vorsitzender ist Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Zu den weiteren Mitgliedern gehören unter anderem Hendrik Wüst, Anke Rehlinger, Lars Klingbeil und Katherina Reiche.
Öffentlich äußerte sich zuletzt vor allem Thomas Kufen, Essener Oberbürgermeister und Kuratoriumsmitglied. Laut WDR erklärte er, das Gremium habe die Empfehlungen des Bundesrechnungshofs mit dem Vorstand und externen Wirtschaftsprüfern erörtert. „Einige der Empfehlungen stimmen mit Maßnahmen überein, die der Vorstand der RAG-Stiftung bereits Ende des vergangenen Jahres angestoßen hat“, sagte Kufen. Eine abschließende Bewertung solle jedoch erst erfolgen, wenn auch der endgültige Bericht der Landesrechnungshöfe vorliege.
FDP verlangt Änderung der Stiftungssatzung
Nach Angaben des Manager-Magazins soll das Kuratorium seine Kontrolle der Vermögensanlage inzwischen enger fassen. Demnach wollen künftig nahezu alle Mitglieder an den zweimal im Jahr stattfindende Sitzungen des Finanzkreises teilnehmen. Zudem werde eine monatliche Berichterstattung nach Segmenten gefordert. Auch die Einbindung externer Private-Equity-Gesellschaften zur besseren Steuerung des Portfolios steht demnach im Raum.
Die politische Debatte hat bereits begonnen. Die FDP-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen verlangt eine Änderung der Stiftungssatzung und stärkere Kontroll- und Governance-Strukturen. Die Verluste der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass „Risiko-, Governance- und Compliance-Strukturen den Anforderungen eines breit diversifizierten Milliardenvermögens nicht mehr ausreichend gerecht werden“, erklärte der wirtschaftspolitische Sprecher Dietmar Brockes.
Tobias Müller ist Redakteur bei DIE STIFTUNG. Er hat Friedens- und Konfliktforschung sowie Journalismus in Frankfurt am Main und Darmstadt studiert. Als Werkstudent arbeitete er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Im Anschluss folgte eine Tätigkeit als Onlineredakteur beim Magazin Chrismon.

