Spheriq – der Name klingt kryptisch. Hinter der Wortschöpfung aus „Sphäre“ und „IQ“ steht eine Schweizer Online-Plattform für das Stiftungswesen, die zentrale Bedürfnisse von Förderorganisationen und Non-Profits an einem Ort bündeln soll. Förderpartner sollen schneller auffindbar werden, Gesuche effizienter abgewickelt, Projekte sichtbarer gemacht, Spenden erleichtert und die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren des Sektors vereinfacht werden. „Mithilfe von Spheriq verschiebt sich der Fokus weg von Administration und Abstimmung hin zur Wirkung“, sagt Geschäftsführer Stefan Schöbi. Die Plattform ist Organisationsverzeichnis, Netzwerk und digitaler Dienstleister zugleich.

Ausgangspunkt für die Entwicklung von Spheriq war eine Beobachtung aus Schöbis jahrelanger Tätigkeit im Förderwesen. Antragsteller müssen oft mühsam herausfinden, welche potentiellen Förderer überhaupt zu ihrem Vorhaben passen. Förderstiftungen wiederum erhalten viele unpassende oder unvollständige Anträge. Er war überzeugt: „Mit den heutigen digitalen Möglichkeiten lassen sich diese Prozesse deutlich einfacher, effizienter und wirkungsvoller gestalten.“
Als er im November 2022 die Leitung von Stiftung Schweiz übernahm, war für ihn daher klar, dass er die größte digitale Philanthropie-Plattform der Schweiz neu ausrichten und weiterentwickeln wollte. Erfahrung in der Konzeption neuer Strukturen hatte er bereits zuvor bei der Supermarktkette Migros gesammelt, für die er den Pionierfonds aufgebaut hatte. Die Suche nach einem neuen Namen war dabei nicht nur Teil der konzeptionellen Neuausrichtung, sondern soll auch künftig die Verwechslungen mit einer Förderstiftung oder einem Verband verhindern.
„Spheriq erleichtert den Austausch und hilft, Wissen im Sektor besser nutzbar zu machen.“
Andrea Studer
Für Schöbi ist Digitalisierung dabei kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Ressourcen anders einzusetzen: weg von Tätigkeiten, die für die eigentliche Wirkung notwendig sind, aber selbst keine Wirkung erzeugen, und hin zu einer effektiveren Zusammenarbeit. Schnittstellen sollen dadurch reduziert werden.
Werkzeug und Wissensdatenbank in einem
Spheriq verbindet dafür drei Ansätze: „Tools“, „Insights“ und „Know-how“. Die Werkzeuge (Tools) unterstützen unter anderem bei Recherche, Antrags- und Fördermanagement, digitalen Spenden sowie Zusammenarbeit. Die Insights sollen Orientierung schaffen: Welche Organisationen sind mit welchen Schwerpunkten aktiv? Welche neuen Akteure kommen hinzu? Welche Themen entwickeln sich zu Brennpunkten? Ergänzt wird dies durch praktisches Wissen (Know-how) darüber, wie digitale Möglichkeiten in der Philanthropie eingesetzt werden können. Gerade dieses Anwendungswissen fehlt laut Schöbi im Sektor häufig – und zwar auf beiden Seiten.
Spheriq richtet sich nicht nur an Stiftungen. Auch Non-Profit-Organisationen, weitere Förderinstitutionen und andere Akteure des gemeinnützigen Ökosystems sollen die Plattform nutzen können. Für Schöbi liegt der Mehrwert darin, dass möglichst viele verschiedene Akteure dieselbe digitale Infrastruktur nutzen, um Schnittstellen zu reduzieren.
Digitalisierung erleichtert Austausch
Auch für Andrea Studer, Geschäftsführerin der Fondation Botnar, ist Digitalisierung mehr als eine neue Software. Die Basler Stiftung, die sich für die Gesundheit und das Wohlbefinden junger Menschen einsetzt, gehört zu den Träger- und Förderstiftungen hinter der Online-Plattform. „Digitalisierung verändert, wie Stiftungen arbeiten, lernen und mit Partnern zusammenwirken“, sagt Studer. Gerade weil komplexe gesellschaftliche Herausforderungen zunehmend nicht von einzelnen Organisationen allein gelöst werden könnten, brauche es im Stiftungssektor bessere Orientierung: Wer arbeitet an welchen Themen, wo liegen Kompetenzen, wo kann Zusammenarbeit entstehen? „Spheriq erleichtert den Austausch und hilft, Wissen im Sektor besser nutzbar zu machen“, sagt Studer.

So wichtig digitale Werkzeuge für Schöbi sind: Sie bleiben für ihn Mittel zum Zweck und ersetzen keine transparente Förderlogik. Je klarer diese Logik beschrieben sei, desto weniger Missverständnisse entstünden und desto gezielter könnten Anfragen platziert werden. „Förderorganisationen sollten sichtbar machen, was sie fördern, was ausgeschlossen ist, welche Kriterien wichtig sind und wie Entscheidungen getroffen werden.“
Eine solche Transparenz verändert aus seiner Sicht die Beziehung zwischen Förderorganisationen und Antragstellern. Wer weiß, welche Kriterien für eine Förderung entscheidend sind, kann bereits vor einer Anfrage besser einschätzen, ob ein Vorhaben überhaupt zum Förderprofil passt. Für die Förderorganisation wiederum steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die eingehenden Gesuche tatsächlich relevant sind. Spheriq strukturiert diese Informationen und macht sie für die Beteiligten nutzbar. „Das macht den Alltag effektiver und den Dialog fruchtbarer“, meint Schöbi.
Eine der größten Herausforderungen liegt für Schöbi in der Heterogenität des Sektors, durch die sich das gemeinnützige Ökosystem grundlegend von einem einzelnen Unternehmen oder einer homogenen Organisation unterscheide. So habe eine kleine Non-Profit-Organisation andere Bedürfnisse als eine große Förderstiftung oder ein Verband. Trotzdem sollen sie auf einer gemeinsamen Plattform arbeiten können. „Die Werkzeuge müssen deshalb universell und einfach einsetzbar sein und sie sollen im Alltag Spaß machen“, sagt Schöbi.
„Die Werkzeuge müssen deshalb universell und einfach einsetzbar sein und sie sollen im Alltag Spaß machen.“
Stefan Schöbi
Damit wird Vertrauen zu einer zweiten zentralen Voraussetzung für Spheriq. Im gemeinnützigen Sektor werden sensible Informationen verarbeitet; zugleich entstehen neue Fragen durch den Einsatz künstlicher Intelligenz. Die Plattform setzt daher auf ein verantwortungsvolles und souveränes KI-Angebot, bei dem ausschließlich autonome, lokal gehostete Infrastruktur zum Einsatz kommt. Die Daten verlassen die Server von Spheriq zu keinem Zeitpunkt.
Auch hier zeigt sich, dass Digitalisierung für Schöbi nicht mit der bloßen Einführung neuer Technologien gleichzusetzen ist. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen diese Technologien eingesetzt werden und ob sie den Bedürfnissen des Sektors entsprechen.
Damit rückt die Frage nach Kontrolle in den Vordergrund: Wer bestimmt über eine Infrastruktur, die zunehmend für den Austausch innerhalb eines ganzen Ökosystems genutzt wird? Je erfolgreicher eine Plattform wird, desto größer
kann ihr Einfluss werden. Kritische Stimmen könnten deshalb fragen, ob Spheriq langfristig eine Gatekeeper-Funktion im Stiftungswesen einnimmt. Schöbi räumt ein, dass jede erfolgreiche Plattform eine gewisse Sogwirkung entwickelt. Gerade deshalb verweist er auf die Eigentümerstruktur: Spheriq gehört einem Konsortium aus zwölf Förderstiftungen und der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Diese Struktur soll sicherstellen, dass die Perspektive des Sektors in der Plattform verankert bleibt.
Eigentümerstruktur soll Unabhängigkeit sichern
Die größere Gefahr sieht Schöbi woanders: Kommerzielle Technologiefirmen könnten den Markt besetzen – mit Angeboten, die nicht aus den Bedürfnissen des gemeinnützigen Sektors heraus entwickelt wurden. Umso wichtiger sei die Unabhängigkeit von Spheriq.

Auch Andrea Studer betont, Spheriq werde bewusst unabhängig geführt. Die Plattform solle dem Sektor als Ganzem dienen – und nicht einzelnen großen Akteuren. Das unterstreicht auch Florence Schnydrig Moser, Leiterin Private Banking und Mitglied der Generaldirektion der Zürcher Kantonalbank sowie Präsidentin des Verwaltungsrats von Spheriq. Es gehe darum, eine leistungsfähige digitale Infrastruktur von Stiftungen für Stiftungen zu schaffen.
Die Beteiligung der Bank hat eine besondere Ausgangslage. Die drittgrößte Bank der Schweiz ist Eigentum des Kantons Zürich und damit ähnlich wie eine Sparkasse oder Landesbank öffentlich verankert. Sie begleitet zahlreiche Stiftungen, gemeinnützige Organisationen sowie Stifter und erlebt dadurch aus erster Hand, wie stark administrative und organisatorische Infrastruktur die Arbeit des Sektors beeinflusst.
Mit der Beteiligung an Spheriq wolle die ZKB eine schnelle digitale Entwicklung unterstützen, sagt Schnydrig Moser. „So können künftig mehr gemeinnützige Mittel für die inhaltliche Gestaltung und weniger für die administrative Verwaltung eingesetzt werden.“ Wirtschaftliche Interessen oder Kundenbindung seien für die Beteiligung nicht entscheidend gewesen. Im Vordergrund stand vielmehr das Ziel, eine moderne digitale Lösung zu fördern, die allen zugutekommt und den Sektor insgesamt stärkt.
„Künftig können mehr gemeinnützige Mittel für die inhaltliche Gestaltung und weniger für die administrative Verwaltung eingesetzt werden.“
Florence Schnydrig Moser
Der Kanton Zürich ist mit über 2.200 gemeinnützigen Stiftungen und einem geschätzten Gesamtvermögen von über 18 Milliarden Franken der größte Stiftungsstandort der Schweiz. Tendenz steigend – nachdem der Kanton 2024 seine Praxis bei der Steuerbefreiung gemeinnütziger Stiftungen gelockert hatte. Schweizweit gab es Ende 2025 laut dem Schweizer Stiftungsreport 13.782 Stiftungen.
Das Geschäftsmodell von Spheriq ist auf langfristiges Wachstum ausgelegt. Es nutzt den sogenannten Freemium-Ansatz, bei dem erste Grundinformationen frei zugänglich sind, um möglichst viele Nutzer zu gewinnen. Kostenpflichtig wird die Plattform erst dann, wenn Organisationen sie als Arbeitsinstrument nutzen wollen. Spheriq bietet dazu Mitgliedschaften im Abo-Modell mit den Stufen Starter, Pro und Partner an. Ergänzend dazu gibt es Beratungs- und Dienstleistungsangebote. Förderorganisationen können sich beispielsweise bei einem Förderlogik-Check-up unterstützen lassen. Dabei wird geprüft, ob die einzelnen Förderbereiche klar abgegrenzt sind, Muss-Kriterien und Ausschlüsse definiert sind und die Passung von Gesuchen zuverlässig eingeschätzt werden kann.
Die Plattform hat laut Schöbi inzwischen eine beachtliche Reichweite. Allein in der Schweiz wird sie jährlich mehr als eine Million Mal aufgerufen. Rund 20.000 Personen hätten den wöchentlichen Newsletter abonniert. Täglich werden neue Organisationen und Projekte veröffentlicht, monatlich Hunderte Gesuche über Spheriq abgewickelt. Hinzu kommen rund 20 Trendnetzwerke zu Themen wie Governance, Fördermethodik, Künstlicher Intelligenz, Bildung, Umwelt und Gesellschaft. Für Schöbi zeigt diese Entwicklung, dass Spheriq über seine Ursprünge als reines Verzeichnis von Stiftung Schweiz hinausgewachsen ist.
Für ihn ist Spheriq kein abgeschlossenes Projekt. Die Online-Plattform sei zwar in der Schweiz entstanden, doch die zugrunde liegenden Herausforderungen seien international: Seit September dieses Jahres deckt Spheriq auch den Stiftungsstandort Liechtenstein ab.
Auch eine Übertragung nach Deutschland sei denkbar, wäre allerdings nicht eins zu eins möglich. „Deutschland kennt bislang zum Beispiel kein zentrales Handelsregister wie die Schweiz oder Liechtenstein, mit Eintragungspflicht für die Stiftungen. Ein bundesweites Stiftungsregister ist erst in Vorbereitung.“ Die Grundsache bleibe aber dieselbe: Förderer und gemeinnützige Organisationen müssen zueinanderfinden, Prozesse koordinieren und Vertrauen in gemeinsame Infrastrukturen entwickeln.
Info
Spheriq im Überblick
- 2013 Stiftungsexperte Peter Buss baut in Basel die Philanthropy Services AG und Stiftung Schweiz auf.
- 2014 stiftungschweiz.ch geht als digitales Stiftungsverzeichnis online.
- 2018 Die Zürcher Kantonalbank erwirbt eine bedeutende Minderheitsbeteiligung an Stiftung Schweiz.
- 2019 Weiterentwicklung von Stiftung Schweiz zu einem Online-Portal. Zudem erscheint zum ersten Mal „The Philanthropist“ als vierteljährliches Print- und Online-Magazin.
- 2022 Am 1. November übernimmt Stefan Schöbi die Leitung, der Gründer und frühere Geschäftsführer Peter Buss zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück.
- 2025 Stiftung Schweiz wird zu Spheriq und positioniert sich als digitale Infrastruktur für den gemeinnützigen Sektor. Auch die Betreiberin Philanthropy Services AG firmiert neu als Spheriq AG. „The Philanthropist“ erscheint weiterhin als das von Spheriq betriebene Branchenmagazin.
