Roland Borchers wird neuer Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Der Stiftungsrat hat sich nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einstimmig für den Historiker entschieden, der derzeit stellvertretender Direktor des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide ist. Er folgt auf Gundula Bavendamm, die die Stiftung seit 2016 leitet.
Vor seiner Tätigkeit im Dokumentationszentrum arbeitete Borchers an der Freien Universität Berlin, unter anderem am Osteuropa-Institut. Dort beschäftigte er sich wissenschaftlich mit der Geschichte von Zwangsarbeit.
Kritik an bisheriger Linie
Die Nachfolge war zuvor zu einem politischen Konflikt geworden. Vertreter des Bundes der Vertriebenen und Abgeordnete aus der Unionsfraktion kritisierten die bisherige Linie der Stiftung und warfen ihr vor, Flucht und Vertreibung der Deutschen zu stark im Zusammenhang mit den NS-Verbrechen zu verorten. Der Streit richtete sich dabei auch gegen Bavendamm, deren Leitung aus Sicht der Kritiker diese historische Einordnung zu stark betont habe.
Der Urenkel von Graf Zeppelin beantragt die Einsetzung eines Aufsichtsrats für die Zeppelin-Stiftung. Das Vorhaben folgt einer Reihe von Auseinandersetzungen.
Lange galt die Personalie als offen. Neben Borchers hatte sich auch Sven Oole um den Posten beworben, zog seine Kandidatur aber wieder zurück. Oole ist Geschäftsführer der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und galt als Kandidat aus dem Umfeld des Bundes der Vertriebenen. Der wissenschaftliche Beraterkreis lehnte die Neuausschreibung ab und drohte für den Fall der Wahl Ooles mit geschlossenem Rücktritt. Der Beraterkreis befürchtete eine konservative Umsteuerung der Ausrichtung.
Grundsatzdebatte
Im Kern ging es bei dem Streit um die Frage, wie die Stiftung das Thema Flucht und Vertreibung darstellt: als eigenständiges Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte mit dem Fokus auf dem Schicksal der Vertriebenen oder als Teil einer Gesamtdarstellung von Krieg, deutscher Besatzungspolitik, Vertreibung in Mittel- und Osteuropa und den Verbrechen des NS-Regimes. Genau diese Einordnung ist seit Jahren umstritten, weil sie unmittelbar berührt, wie das Leid der Vertriebenen historisch bewertet wird.
Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde 2008 als unselbständige Stiftung des öffentlichen Rechts innerhalb der Stiftung Deutsches Historisches Museum gegründet. Ihr Dokumentationszentrum im Berliner Deutschlandhaus wurde 2021 eröffnet. Zu den Gremien der Stiftung gehören der Stiftungsrat und der Wissenschaftliche Beraterkreis. Dem Stiftungsrat gehören Vertreter von Bundestag, Bundesregierung, Bund der Vertriebenen, evangelischer und katholischer Kirche sowie des Zentralrats der Juden an. Die Präsidenten des Deutschen Historischen Museums und der Stiftung Haus der Geschichte sind kraft Amtes vertreten.
