Soziologieprofessor Frank Adloff kritisiert im Interview eine neue Art der Stiftung, den „Philanthrokapitalismus“. Ein Gespräch über die Nähe von Unternehmertum und Stiftung, das Messen von Effektivität und Eigennutz im Stiftungswesen.

Philanthrokapitalismus – was ist das?

Frank Adloff: Philanthrokapitalismus ist ein Begriff, der seit ungefähr 15 Jahren verwendet wird. Er wird unterschiedlich belegt, mal wird er positiv aufgegriffen, mal, um gewisse problematische Entwicklungen zu kennzeichnen. Er bezeichnet zunächst einmal eine neue Verschränkung zwischen dem Feld der Philanthropie und dem Kapitalismus. Die Grundidee ist, dass Philanthropie mehr zu werden hat wie Business, etwa indem Effektivität und Effizienz von Philanthropie gesteigert werden. Der Philanthrokapitalismus richtet sich vor allem an die großen Stiftungen, etwa an die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.

Haben Sie weitere Beispiele an prominenten Philanthrokapitalisten?

Adloff: Die Chan-Zuckerberg-Initiative des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan zum Beispiel. Die Initiative wurde 2015 gegründet und hat die Besonderheit, dass sie eigentlich schon keine klassische Stiftung mehr ist. Zuckerberg hat eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung gewählt, eine Limited Liability Company. Was dazu führt, dass dieser Organisation weniger Steuervorteile zustehen. Aber sie hat den Vorteil, dass keine Beschränkung dafür besteht, selbst unternehmerisch tätig zu werden, etwa in andere Unternehmen zu investieren. Auch das politische Lobbying wird nicht eingeschränkt. Das zeigt, dass hier die Grenze zwischen Philanthropie und marktwirtschaftlich-profitorientierten Unternehmungen verschwimmt.

Ist es nicht grundsätzlich erstmal zu befürworten, dass Menschen ihr Geld für wohltätige Zwecke ausgeben, anstatt es für den eigenen Konsum zu verwenden?

Adloff: Das berührt ja erstmal eine andere Frage, nämlich die, ob eine Stiftung etwas Sinnvolles ist und ob sie steuerliche Vorteile erhalten sollte. Wie die Stiftung dann aber ausgestaltet wird, sieht historisch betrachtet ziemlich unterschiedlich aus. Der Begriff Philanthrokapitalismus bezeichnet eine bestimmte, aus den USA kommende Art der Stiftung.

Sie kritisieren in einer Ihrer Veröffentlichungen, dass Philanthrokapitalisten die Philanthropie durch mehr und effektivere Philanthropie verbessern wollen. Wie kann ein „Mehr“ an Philanthropie ein Problem sein?

Adloff: Das „Mehr“ ist dann ein Problem, wenn damit eine Machtposition einhergeht, die nicht mehr kontrollierbar ist. Wir haben das gleiche Phänomen im wirtschaftlichen Bereich: Da nennen wir es Monopolbildung. Monopole sind volkswirtschaftlich schädlich, weil sie Preise festlegen können, was sie unter Konkurrenz nicht könnten. In der Welt der Philanthropie müssen wir das demokratietheoretisch sehen: Wenn Akteure eine solche Machtstellung haben, können sie natürlich einerseits viel und schnell etwas bewegen. Andererseits ist das unkontrollierbar, und Akteure können ihre privaten Interessen durchsetzen. Bei der Gates-Stiftung ist beispielsweise kritisch begleitet worden, welchen Einfluss sie auf bestimmte medizinische Entwicklungen weltweit hat, ohne dass das demokratisch kontrolliert wird. Bei großen Organisationen besteht auch weniger die Neigung, mit kleinen zivilgesellschaftlichen Organisationen zu kooperieren, denn sie können mit ihren Mitteln ja selbst die Agenda setzen.

Wir haben jetzt über die großen amerikanischen Stiftungen gesprochen. Gibt es eine vergleichbare Tendenz in Europa?

Adloff: Wir haben hier in Europa nicht diese großen Stiftungen, die man mit Zuckerberg und Gates vergleichen könnte. Aber die ganze Idee der Effektivität – es gab Begriffe wie Strategic oder Effective Philanthropy, die eine Zeitlang Konjunktur hatten – ist ja vorhanden im Stiftungssektor. Das hat zu tun mit der Idee, wir müssten vom Business lernen, wir müssten messen und evaluieren. Und das hat eine positive Seite, weil man besser weiß, was man tut und was positiv wirkt. Aber das geht einher mit einem technokratischen Glauben an die Messbarkeit von sozialen Phänomenen. Darüber wird, glaube ich, zu wenig diskutiert.

Philanthrokapitalisten wollen Effektivität steigern und den Erfolg messen. Was ist daran schlecht?

Adloff: Da ist auf den ersten Blick nichts gegen einzuwenden. Natürlich ist es besser, effektiv zu helfen. Nur führt es dazu, dass eine gewisse Effektivitätsidee in die Welt gesetzt wurde, die auch eine Kehrseite hat: nämlich die Vorstellung, dass alles sofort messbar sein müsse. Effektivität soll ja erstmal nur Wirkung heißen, das ist also eigentlich eine Kausalunterstellung. Aber wir wissen ja, dass Kausalitäten im sozialen Leben äußerst schwer zu messen sind – die ganze Soziologie dreht sich im Grunde um diese Frage. Die Gesellschaftswissenschaften sind sich relativ einig, dass das sehr aufwendig, kompliziert und kontextspezifisch ist. Wenn man glaubt, die soziale Wirklichkeit sei in ihren Kausalketten messbar, dann muss man so einfache Messinstrumente entwickeln, dass diese die soziale Komplexität nicht wirklich abbilden. Das ist das Kernproblem des Messens.

Können Sie hierfür ein Beispiel geben?

Adloff: Wenn eine Stiftung etwa das Ziel verfolgt, in einem autoritären Land die Zivilgesellschaft aufzubauen und zu stärken – da müsste man doch einen Zeithorizont von 30, 40 oder 50 Jahren veranschlagen. Und auch dann wäre die Frage: Wie kann man das messen? Es gibt durch diese Fixierung auf Messbarkeit eine Verschiebung hin auf einfache Instrumente. Und es wird kurzfristiger: Damit ich nachweisen kann, dass etwa wirkt und einen Impact hat, muss ich ja regelmäßig messen, und die Wirksamkeit muss sich kurzfristig darstellen.

Man könnte für ein langfristig angelegtes Projekt ja festlegen, dass eine Messung über einen längeren Zeitraum hinweg stattfindet.

Adloff: Richtig, macht man bloß nicht. Es geht aber ja auch nicht darum zu sagen, man solle nicht messen. Allerdings hat die bisherige Form eben gewisse Probleme mit sich gebracht. Werden diese korrigiert, lässt sich sicherlich ein Ausgleich schaffen.

Inwiefern spielt Eigeninteresse im Philanthrokapitalismus eine Rolle?

Adloff: Das zeigt sich an den Verschränkungen zwischen unternehmerischem und philanthropischem Handeln. Ich bleibe mal bei dem Beispiel von Zuckerbergs Stiftung: Diese investiert philanthropisch – man kann es kaum noch Philanthropie nennen – wobei dies letztlich dem Mutterunternehmen zugutekommt. Oder die Gates-Stiftung: Nicht umsonst konzentriert diese sich auf Bildungspolitik. Da geht es um Digitalisierung der Schulen und pädagogische Konzepte. Letztendlich kann man nicht mehr klar unterscheiden: Geht es um philanthropische Bildungsprojekte oder geht es am Ende darum, das Mutterunternehmen mit Aufträgen zu versorgen?

Die gleiche Kritik gab es ja auch bei Stiftungen in Deutschland.

Adloff: Genau, das ist eine große Ähnlichkeit. Die Bertelsmann-Stiftung hat auch immer wieder solche Kritik hinnehmen müssen. Das zeigt aber auch, dass diese Dinge Prozesse der letzten 20 Jahre bezeichnen. Man muss also auch nicht den Begriff Philanthrokapitalismus bemühen. Es geht um das weite Feld der Veränderung des philanthropischen Sektors.

Betrachten Sie Impact Investing auch als problematisch, da hier Profit und Impact zugleich Motiv für das Investment sind?

Adloff: Da gibt es verschiedene Modelle, da müsste man im Einzelnen genauer schauen, wie die funktionieren. Man sieht aber auch schon an der semantischen Verschiebung, dass hier ökonomische Gedanken übernommen wurden. Wenn man bei Social Investing etwas investiert, dann muss dieses Investment einen Überschuss erarbeiten. Der Mehrwert des Profites steckt da drin. Es ist zu wenig reflektiert worden, dass hier eine Ökonomisierung der Gesellschaft durch Stiftungen stattfindet, die eigentlich einer anderen Logik folgen oder folgen sollten. Kritiker würden sagen: Der Philanthrokapitalismus reiht sich ein in die große Strömung der letzten 30, 40 Jahre, die Neoliberalisierung. Das hat in der Zivilgesellschaft selbst zu Kritik geführt, weil man eher der Auffassung war, man solle nicht alles ökonomisieren und an neoliberalen Prinzipien ausrichten.

Aber ergänzen diese unternehmensartigen, großen Stiftungen die bisherigen philanthropischen Bemühungen nicht einfach?

Adloff: Ich glaube, dass sich die bestehenden Stiftungen durch die philanthrokapitalistischen Entwicklungen auch verändern. Das ist ja ein Legitimationsdruck, der aufgebaut wird. In dem Moment, wo ich etwas Effective Philanthropy nenne, werden andere unter Druck gesetzt. Durch diese Wortschöpfung wird insinuiert, dass andere nicht effektiv sind.

Über den Autor:
Frank Adloff hat die Professur für Soziologie, insbesondere Dynamiken und Regulierung von Wirtschaft und Gesellschaft, an der Universität Hamburg inne.

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