18.09.2019 | Von Jannis Benezeder

Ein Fonds für den grünen Mittelstand

Maximilian Gege ist Mitbegründer und Vorsitzender des Vorstands der B.A.U.M. e.V., einer Umweltinitiative von rund 500 Unternehmen. Warum er sich jetzt mit einem eigenen Fonds an den Kapitalmarkt begibt und wie er nachhaltig investiert, erklärt er im Gespräch mit DIE STIFTUNG.

B.A.U.M. e.V
Ein bekanntes Gesicht in der Corporate Social Responsibility-Branche: Prof. Maximilian Gege. Foto: B.A.U.M. e.V

In der Redaktion von DIE STIFTUNG gehen tagtäglich Newsletter ein, die unterschiedliche, nachhaltige Finanzprodukte bewerben. Warum haben Sie sich entschlossen, mit dem B.A.U.M.-Fair-Future-Fonds einen weiteren Nachhaltigkeitsfonds aufzulegen?

Maximilian Gege: Wenn die Finanzmärkte nicht nachhaltiger, regulierter und grüner werden, dann wird es mit dem ganzen Thema Nachhaltigkeit sehr schwierig – weil überwiegend die großen Konzerne wie Google, Facebook, Apple oder die chinesischen Konzerne Tencent und Baidu als Aktienanlage empfohlen werden. Die erste entscheidende Frage für mich war: Was kann man für den Mittelstand tun? Die zweite Frage ist: Es werden immer mehr nachhaltige Produkte angeboten – ist da auch drin, was draufsteht? Durch die Analyse vieler Fonds habe ich festgestellt, dass das nicht der Fall ist, dass bei vielen Fonds Unternehmen im Portfolio sind, die aus unserer kritischen Sicht nicht nachhaltig sind. Viele Kunden werden fehlinformiert, weil sie etwas haben wollen, was sie letztlich nicht bekommen. Wenn auf einem Fonds nachhaltig draufsteht, dann muss dieser auch ganz klar nachhaltig sein und darf nicht zehn, 20 Prozent Ausschlusskriterien zulassen.

Nun gibt es ja Siegel für Fonds. Deren Ansatz ist ja genau, nachhaltige Produkte auch für Laien erkenntlich zu machen und unabhängig zu zertifizieren.

Gege: Sie kriegen dann etwas einigermaßen Gutes, aber auch bei zertifizierten Fonds finden wir noch Titel, die nicht so nachhaltig sind, wie sie sein sollten. Vielleicht sind wir da auch zu kritisch: Wir haben eine umfassende Datenbank aufgebaut mit Firmen – wir nennen das Negativliste –, in die wir weltweit alle Unternehmen aufnehmen, die in Skandale involviert waren. Die Informationen beziehen wir von Friends of the Earth, Greenpeace, den großen Nichtregierungsorganisationen. Diese Unternehmen schlagen wir auf gar keinen Fall für das Portfolio vor.

Wie lange wird ein Unternehmen auf die Negativliste gesetzt?

Gege: Nicht für alle Zeiten, aber bis der Fall sauber geklärt ist. Dann kann man wieder darüber diskutieren. Bei Volkswagen zum Beispiel sehen wir schon, dass das Thema Nachhaltigkeit durch die Elektromobilität wieder nach vorne kommt. Aber da sind wir zurzeit noch so kritisch, dass wir keine Empfehlung auf Basis unserer strengen sozial-ökologischen Bewertung aussprechen. Oder Bayer – das geht ja gar nicht. Ebenso Nestlé. Nestlé wird als Dividendenbringer empfohlen und ist auch in der Kursentwicklung ein erfolgreiches Unternehmen. Ich habe mit Nestlé gesprochen und erklärt, dass wir das Unternehmen nicht als Investment empfehlen, solange so viel Zucker in Kinderprodukten enthalten ist und kostbares Trinkwasser regional gefördert, aber teuer verkauft wird. Die haben geantwortet: Die Kinder können ja mehr Sport treiben, dann können sie auch mehr Zuckerprodukte essen. Das finde ich absurd.

Der Fond sieht Positiv- und Ausschlusskriterien vor. Welche sind dies?

Gege: Zum Beispiel Kinderarbeit, Steuerhinterziehung, Menschenrechtsverletzung, Rüstung, Gentechnik – das sind für uns klare Ausschlusskriterien. Positivkriterien setzen wir auch ein: Encavis zum Beispiel, ein Betreiber von Windparks, hat nicht einmal einen Nachhaltigkeitsbericht. Hier sehen wir aber einen starken positiven Einfluss auf eine Vermeidung des Klimawandels – ein solches Unternehmen sehen wir uns gerne an. Dafür prüfen wir: Ist das Unternehmen in vielen anderen Nachhaltigkeitsfonds enthalten? Wenn ja, wie oft? Dann setzt unsere eigene Prüfung ein: Stimmt das Geschäftsfeld? Greifen hier keine Ausschlusskritierien? Gibt es keine offenen Skandale? Dann wird der Titel in unserem Ausschuss besprochen. Dazu gibt es eine umfassende Checkliste nach dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Daraus entsteht ein Unternehmensprofil mit Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken. Dieses besprechen wir dann im Nachhaltigkeitsbeirat sehr detailliert.

Im Nachhaltigkeitsbeirat sitzen neben Ihnen 13 Experten aus dem Bereich nachhaltiger Kapitalanlage. Wie arbeitet der Beirat?

Gege: Wir freuen uns sehr darüber, dass wir den Beirat exzellent besetzen konnten: mit Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, Frau Professor Claudia Kemfert, Professor Günther Bachmann vom Rat für nachhaltige Entwicklung, Volker Weber vom FNG-Siegel, wie auch der langjährigen Umweltministerin und Greenpeace-Gründerin Monika Griefahn sowie den Professoren Bassen und Busch von der Uni Hamburg. Das ist natürlich auf die B.A.U.M.-Referenz zurückzuführen. Wir treffen uns in diesem Jahr dreimal und stimmen auch zwischendrin über einzelne Profile ab.

Führt auch ein indirektes Mitwirken an den ausgeschlossenen Aktivitäten zum Ausschluss?

Gege: Ja. Da gibt es viele Beispiele von Titeln, die in anderen Fonds enthalten sind, die wir gerne in unser Portfolio aufnehmen würden, die wir prüfen und die dann nicht reinkommen. Zum Beispiel gibt es eine Verpackungsfirma, die Sie in vielen Nachhaltigkeitsfonds finden und die auch eine gute Performance hat. Es tut mir richtig leid, dass wir sie nicht aufnehmen konnten, weil unser Beirat gesagt hat, dass die Firma Beziehungen zu Bergwerken hat – wir schließen sie also aus. Oder ein nordamerikanisches Eisenbahnunternehmen mit guter Kursentwicklung, guter Dividende, in vielen anderen Nachhaltigkeitsfonds enthalten, haben wir geprüft, ist nicht reingekommen, weil es auch an Fracking beteiligt ist, indem es Teile befördert. Aber trotz strenger Auswahl finden wir weltweit immer noch genügend Firmen, primär im Mittelstand, die unseren Ansprüchen genügen.

Wie steht es um die Performance?

Gege: Wir wollen belegen, dass konsequente Nachhaltigkeit auch ökonomisch erfolgreich ist. Natürlich gibt es zwischendrin Bärenjahre. Es kann sein, dass wir jetzt mit Trump, China und Brexit zwei, drei schlechte Börsenjahre haben, in denen die Kurse 20, 30 oder auch 40 Prozent zurückgehen. Aber danach geht es aller Wahrscheinlichkeit nach auch wieder bergauf. Wir haben uns sehr eingehend mit den Firmen – überwiegend Mittelständlern –  in unserem Portfolio beschäftigt. Das sind oft inhabergeführte Firmen, meist seit vielen Jahren erfolgreich am Markt, zum Teil Hidden Champions, weil sie ein Produkt haben, das man weltweit braucht.

Wie hoch soll die Ausschüttung des B.A.U.M.-Fonds in diesem Jahr sein?

Gege: Eine Stiftung braucht jährlich ihre Erträge. Wir können natürlich keine vier Prozent garantieren. Wir streben eine Zielrendite von sechs Prozent an – wenn wir die sechs Prozent übertreffen, wird eine Performance-Fee erhoben, die zum Großteil Projekte für Kinder weltweit unterstützen soll. Aktuell hat der B.A.U.M.-Fair-Future-Fonds ein Plus von 7,9 Prozent seit Jahresbeginn. Wir wollen mit dem Fonds auch dazu beitragen, dass auch die jungen Menschen, die ihr Geld auf dem Sparbuch haben, investieren. 2,5 Billionen liegen unverzinst auf Sparkonten, weil die jungen Leute bei Aktien Bedenken haben und nicht wissen, dass in 100 Jahren Börsengeschichte durchschnittliche Renditen von sechs bis acht Prozent ausgezahlt wurden.

Wie erreichen Sie Menschen, die bisher nicht investieren?

Gege: Wir wollen eine Finanzakademie über Green Growth aufbauen, wo wir in den Städten unser Konzept vorstellen. Klar: Roboadvising kommt auch. Aber die Umfragen zeigen, dass auch junge Leute eine persönliche Beratung vorziehen. Das Problem ist, dass in der Vergangenheit nicht immer gut beraten wurde. Im Bereich Nachhaltigkeit sind viele Bankberater noch immer nicht geschult. Wir haben auch ein paar Leute losgeschickt und uns bei einer Bank beraten lassen, wie wir nachhaltig anlegen können: Die Ergebnisse waren völlig unbefriedigend.

Wie wollen Sie das, was die großen Häuser seit Jahren nicht geschafft haben, jetzt in Kürze nachholen?

Gege: Wir bleiben zu 100 Prozent glaubwürdig. Die großen Banken, die auf das Thema anspringen, sind verwoben mit den großen Konzernen dieser Welt. Die Vernetzung ist so stark, dass die Banken – anders als wir kleinen Fische – nicht sagen können: Wir investieren da nicht. Große Fonds investieren primär in große Unternehmen mit entsprechender Marktkapitalisierung. Unsere Chance in den nächsten fünf bis zehn Jahren ist, uns mit dem weltweiten Mittelstand gut zu entwickeln. Wir investieren zu 90 Prozent in mittelständische Unternehmen und zu fünf bis zehn Prozent in große Konzerne, von denen aber nur in die nachhaltigsten.

Im Sinne einer Engagement-Strategie könnte man ja auch bei Konzernen investieren und diese zum Umlenken animieren.

Gege: Das findet auch statt – das Beispiel Nestlé habe ich ja genannt. Aber nicht immer hat man da den durchschlagenden Erfolg. Wir sind auch Mitglied der Klimaallianz Deutschlands, über dieses Netzwerk können wir uns mit starken Partnern zusammentun und Druck auf Konzerne ausüben. Man kann sich auch mit Stimmrechtspartnern zusammentun, die etwa – wie im Fall Bayer geschehen – die Entlastung des Vorstandes verweigern können. Da gibt es schon interessante Möglichkeiten. Umgekehrt haben wir auch die Anfrage eines börsennotierten Unternehmens bekommen, die wissen wollen: Was müssen wir unternehmen, um ins Portfolio des B.A.U.M.-Fonds kommen zu können? Solche Unternehmen checken wir dann durch. Und wenn wir sehen, es gibt zum Beispiel Defizite im Bereich Energieeffizienz, dann nennen wir ihnen erfahrene Partner, von denen wir wissen, dass sie das Thema gut umsetzen.

Das heißt, Sie helfen den Unternehmen, nachhaltiger zu werden?

Gege: Ja. B.A.U.M. hat sieben Publikationen veröffentlicht. Die letzte war „Energieeffizienz als Erfolgspotential“, in der wir zahlreiche schnell wirksame Beispiele aus der Praxis darstellen. Es gibt viele Maßnahmen, die in wenigen Jahren bereits amortisiert sind, diese bringen also Energie- und Kosteneinsparung. Ein solches Know-how hat eine Bank oder ein Vermögensverwalter nicht.

Der B.A.U.M.-Fair-Future-Fonds ist mit drei Prozent Ausgabeaufschlag und rund zwei Prozent Verwaltungsgebühren nicht sehr günstig.

Gege: Das stimmt für Klasse A, bei Klasse B ist der Ausgabeaufschlag quasi null. Wenn man sich andere Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Ethikfonds anguckt, findet man bis zu fünf Prozent Ausgabeaufschlag – ein großer Teil der aktiv gemanagten Fonds verlangt auch diese fünf Prozent. Der B.A.U.M.-Fair-Future-Fonds liegt mit drei Prozent immerhin 40 Prozent günstiger. Wir müssen den Fonds aber auch aktiv managen und arbeiten intensiv an einer erstklassigen Portfoliostruktur und damit guten Performance. Wir machen dafür detaillierte Unternehmensberichte, evaluieren dies beständig, passen das Portfolio an – das kostet Verwaltungsgebühren. Wir müssen ja den Anspruch der Glaubwürdigkeit sichern, das ist für uns das höchste Gebot.

www.gls.de/gemeinnuetzige-kunden/anlegen/baum-fair-future-fonds

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