29.09.2017 | Von Tobias Anslinger

„Niemand schreibt Stiftungen Anlagestrategie vor“

Wie professionalisiert sind deutsche Stiftungsgremien und was sind deren Kompetenzen? Im Interview gibt Stefan Riecher seine Sicht der Dinge preis und plädiert für ein Umdenken der Stiftungen in Sachen Anlagestrategie.

Gold ist als Absicherungsmechanismus in der eigenen Anlagestrategie hilfreich, bringt allerdings keine laufenden Erträge. Foto: Thorben Wengert/pixelio.de

DIE STIFTUNG: Herr Riecher, Sie sind nicht nur Bankdirektor, sondern auch Finanzvorstand in zwei Stiftungen. Welchen Eindruck haben Sie von der Professionalisierung in Stiftungsgremien?
Stefan Riecher: Die höchste Professionalisierung ist bei der Formulierung des Stifterwillens zu erkennen. Die dafür benötigten Kompetenzen dienen dann der Erfüllung des Stiftungszwecks. Stifter besetzen „ihre“ Stiftung oft mit ihnen nahestehenden Personen, was auch nur menschlich ist. Dabei wird allerdings oft die Relevanz der Kapitalseite vergessen. Fachkompetenz etwa in Vermögensverwaltung ist kein entscheidender Aspekt in der Gremienbesetzung. Aber ohne professionelles Anlagemanagement kann eine Stiftung ihre Ziele nicht erfüllen. Und das ist in Deutschland vielfach ein Problem.

DIE STIFTUNG: Auf welche Besetzung sollten Stiftungen Ihrer Ansicht nach unbedingt achten?
Riecher: Wichtig ist ein ausgewogener Mix an Kompetenzen, und zwar je nach Größe und Ausrichtung der Stiftung. Das können juristische, steuerliche, aber auch Finanz- und Immobilienkompetenz sein.

Riecher_portrait_1_Anlagestrategie
Stefan Riecher. Foto: Volksbank Brawo

DIE STIFTUNG: Diese Kompetenzen kann sich eine Stiftung ja auch punktuell von extern besorgen.
Riecher: Sich Fachkompetenz von außen zu besorgen ist manchmal auch zwingend notwendig. Allerdings sollte ich dann auch jemanden haben, der mit diesem Experten fachkundig kooperieren kann.

DIE STIFTUNG: Nähert sich der Dritte dem Ersten Sektor an?
Riecher: Eine Stiftung kann man als Dienstleistungsunternehmen für den Stiftungszweck betrachten. Das geschäftsführende Organ muss wie ein Unternehmer auftreten, mit dem Ziel, den Stiftungszweck bestmöglich umzusetzen. Es ist somit auch ein Erfordernis geworden, dass sich Stiftungen als professionelle Anleger auf dem Kapitalmarkt bewegen.

DIE STIFTUNG: Heißt das, dass sie aufgrund der allgemeinen Zinssituation – so wie andere Player auch – bei der Vermögensanlage stärker nach Alternativen zu traditionellen Anlageformen Ausschau halten sollten?
Riecher: Ja.

DIE STIFTUNG: Bei vielen kommt da sofort der Einwand, eine solche Anlagestrategie sei zu risikobehaftet.
Riecher: Ich glaube, dass wir im Jahr 2017 den Risikobegriff auf den Prüfstand stellen müssen. Viele, vermeintlich sichere Anlagehäfen beinhalten heute ein größeres Risiko für das Stiftungsvermögen als die vermeintlich riskanten. Niemand schreibt einer Stiftung ihre Anlagestrategie vor, weder Bundes- noch Landesrecht. Wichtig ist, dass Stiftungen eine umfangreiche Risikoanalyse der möglichen Investments durchführen. Immer mehr Anlageoptionen werden liquide und transparent zugänglich.

DIE STIFTUNG: Welche alternativen Investments sollten Stiftungen sich jedenfalls genauer ansehen?
Riecher: Alles, was prognostizierbare Cashflows bringt: Immobilien- oder Infrastrukturinvestments beispielsweise. Aber auch Mikrofinanzinvestments können attraktive Alternativen sein, weil sie gute Planbarkeit bieten und eine positive Korrelation mit anderen Anlageoptionen aufweisen.

Zuletzt wurde die Diskussion über Vermögensanlage in Gold wieder etwas intensiviert. Ist das etwas für Stiftungen?
Riecher: Eine Frage, die ich vor kurzem auch mit anderen Stiftungsexperten sehr tiefgehend diskutiert habe. Mit Erkenntnissen aus der Portfoliotheorie ist eine Anlage in Gold als Absicherungsmechanismus hilfreich, vor allem, wenn man mit der Aktienquote schon am oberen Limit ist. Allerdings bringt ein solches Investment keine laufenden Erträge. Das ist aber genau das, was Stiftungen brauchen. Der zu erhoffende Wertzuwachs ist zuerst für die Umschichtungsrücklage und nicht für die Bestreitung des Stiftungszwecks bestimmt.

Zur Person: Stefan Riecher ist Direktor bei der Braunschweiger Privatbank und Finanzvorstand in der Anneliese Speith-Stiftung und der van Runset-Stiftung.

Ausgabe 5 von DIE STIFTUNG setzt sich in der Titelgeschichte mit der Professionalisierung von Stiftungsgremien auseinander und diskutiert mit einer Vermögensverwalterin über alternative Investments und ihre Tipps für eine Anlagestrategie für Stiftungen. Das Magazin erscheint am 4. Oktober. Sie können es hier beziehen.

Artikel teilen